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08.05.2017

ZDF History widmet sich Thüringer Sagen von eingemauerten Kindern

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Das Kind, gespielt von Franz Otto, wartet auf seine Opferung. Wie es das Einmauern erlebt, wird durch eine Minikamera (rechts unten) aufgenommen. Foto: Rainer Hohberg

Reichenfels/Ranis/Burgk. Danach soll es beim Bau der Burgkapelle nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Alles, was man errichtete, stürzte nachts wieder ein. Um den Bann zu brechen, wurde den Bauleuten geraten, ein unschuldiges Kind miteinzumauern. Und tatsächlich fand sich eine arme Frau, die bereit war, für Geld ihr Kind herzugeben. Damit konnte der Bau ohne weitere Zwischenfälle vollendet werden. Die Mutter aber wurde sich bald ihrer Tat bewusst und rannte sich, verzweifelt wie sie war, an den Mauern den Schädel ein.

Gruselige Bauopfer-Sagen wie diese findet man in Ostthüringen vielfach. Von der Burgruine Reichenfels ist beispielsweise eine beinahe identische Version überliefert. Diesen alten Thüringer Legenden will die beliebte Sendereihe "ZDF History" auf den Grund gehen. Am vergangenen Freitag und Samstag wurde deshalb auf Burg Ranis, Schloss Burgk und in der Burgruine Reichenfels gedreht.

Thüringer Sagendetektiv als Experte befragt

Als Experte bat Filmemacherin Tamara Spitzing den Thüringer Sagendetektiv Rainer Hohberg vor die Kamera, der dem Thema bereits eine Folge seiner OTZ-Serie "Thüringer Sagengeheimnisse" gewidmet hatte.

Für tatsächliche Menschenopfer gebe es in Thüringen keine Belege, sagt Hohberg. Auch in Ranis nicht. Vermutlich habe der damalige Burgherr Breitenbauch das Gerücht gestreut, man habe auch einen Kinderschädel gefunden, um seiner Burg mehr Glanz zu verleihen. Nachprüfen lässt sich all das heute nicht mehr. Die Knochen sind längst verschollen.

Dass man zumindest Tiere beim Bau wichtiger Gebäude opferte, davon zeugt unter anderem der mumifizierte Hund von Schloss Burgk, der 1739 bei Umbauarbeiten entdeckt wurde. Heute ist er im Schlosshof hinter Glas ausgestellt und gilt als Guter Geist des Gebäudes.

Mit dem Opferbrauch sollten laut Hohberg dereinst dämonische Wesen, die den Bau hätten gefährden können, besänftigt werden. Zudem sollte Unheil, ob durch Naturgewalt oder Feindeshand, vom Gemäuer ferngehalten werden.

Neben Ranis und Burgk spielt auch die Burgruine Reichenfels bei Hohenleuben eine wichtige Rolle in der ZDF-Dokumentation. Hier wurde gemeinsam mit dem Hohenleubener Carnevalsverein ‘83 das Einmauern eines Kindes szenisch dargestellt. Die Rolle der bettelarmen Mutter übernimmt Katrin Heinrich, die des Kindes Franz Otto. Die Requisiten wie alte Maurerkellen und Schaufeln besorgte Museumsmitarbeiterin Brigitte Rau. Sie lieh sie in der Antikherberge "Zum Gutsauszügler" in Kühdorf.

Sagen mit wahrem Kern

Fielen in Ranis laut Sage nachts die Mauern der Burgkapelle immer wieder ein, stürzten in Reichenfels die Ringmauern ein. Selbst eigens abgestellte Wachen konnten keinen Täter überführen. Der Ausgang der Sage ist derselbe: Um dem teuflischen Geschehen Einhalt zu gebieten, verfügte der Burgherr, ein absolut seelenloser Typ, ein Kind miteinzumauern.

Derlei Erzählungen haben dennoch einen wahren Kern. Bis in die Bronzezeit habe es tatsächlich Menschenopfer gegeben, sagt Rainer Hohberg. Im kulturellen Gedächtnis blieben sie wohl über die Jahrhunderte erhalten. Und auch heute noch wird mit den Grundsteinlegungen letztlich dieser Ritus, wenn auch in weit abgeschwächter Form, fortgeführt.

Die schaurigen Thüringer Kindersagen sind Teil der ZDF-History-Folge "Geheimes Deutschland", in der Filmemacherin Spitzing insgesamt vier mysteriöse Orte im Bundesgebiet aufsucht. Neben dem Freistaat besuchen sie und ihr Drehteam auch den einstigen innerdeutschen Grenzübergang Marienborn, die Kulthöhle der Neutempler-Sekte bei Sigmaringen in Baden-Württemberg und das steinzeitliche Ringheiligtum Pömmelte in Sachsen-Anhalt.

Am "Deutschen Stonehenge" in Pömmelte, so sagt Tamara Spitzing, seien früher tatsächlich Menschen geopfert worden. So schließt sich im Film dieser Erzählbogen.

Zur Raniser Sage gibt es eine Happy-End-Version

Zur Raniser Sage existiert noch ein zweites, weitaus positiveres Ende, wie Rainer Hohberg in den OTZ-Sagengeheimnissen schrieb. "Danach jammerte das eingemauerte Kind so kläglich, dass es dem Maurermeister fast das Herz brach." Der habe dem Kind durch ein freigelassenes Guckloch zunächst eine Semmel zugesteckt. "In der folgenden Nacht befreite er das Kleine heimlich aus seiner Grabkammer und brachte es, nachdem er die Öffnung wieder vermauert hatte, seiner Mutter zurück."