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22.12.2012

Wie in Ramallah das Wasser verteilt wird

von TLZ Matthias Bislupek

Der Schriftsteller Matthias Biskupek hat Israel und die Palästinensergebiete bereist – Eindrücke von seinem Aufenthalt im Oktober

Wenn einer eine Reise tut, dann hängt ihm die besuchte Gegend lange an. So ging und geht es mir mit Estland, das ich in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern sehr oft bereiste. Nachrichten aus dem kleinen Staat verfolge ich bis heute aufmerksamer, als aus dessen Nachbarn Finnland oder Lettland.
Der Staat Israel ist flächenmäßig halb so groß wie Estland, hat allerdings eine sechsmal so große Bevölkerung, die dennoch nur ein Zehntel der deutschen ist: acht Millionen.

Israels politische, kulturelle und allgemeine Bedeutung, zumal für Deutsche, ist kaum zu überschätzen. Nimmt es da Wunder, wenn ich die gegenwärtigen Nachrichten aus diesem uns nahen Osten, aus Jerusalem und Gaza aufmerksam, besorgt, anteilnehmend verfolge? Als hier der winterliche Herbst hereinbrach, war ich zum zweiten Mal im sonnigen Land zwischen Judäischer Wüste und Galiläischem Jordantal, wo Milch und Honig fließen. Wo das Mittelmeer eine Olivenbaumkultur hat entstehen lassen. Wo Wein auf den Golan-Höhen wächst. Wo es die tiefstgelegene Imbissbar der Welt gibt und die Fahnen hinter Mauern sprachlos klirren wie einst in Deutschlands Mitte. Gewiss, es waren jeweils nur zehn-, zwölftägige Stippvisiten, voller Besichtigungen, Gespräche, Beobachtungen und widerstreitenden Empfindungen. Das hing auch mit dem Reiseveranstalter zusammen, beide Male die Landeszentrale für politische Bildung Thüringens. Vor fünf Jahren reiste ich mit Schriftstellern, Malern, Fotografen. Der Veranstalter hatte uns damals Gespräche mit Künstlern ermöglicht, mit Journalisten und Literaturkennern. Ergebnis: Eine DVD, vom Jenaer Verein Lesezeichen publiziert: „Israel – Augenblicke, Aussichten, Passagen“. Mein Beitrag: ein Hörstück über die wilhelminische Kaiserwallfahrt, die Himmelfahrtskirche zu Jerusalem, deren Glocken aus Apolda stammten. Mit der Journalistin Blanka Weber gemeinsam hatte ich das für den Westdeutschen Rundfunk produziert.

Die originalen Glockenklänge von dieser höchsten Kirche auf dem Ölberg vor Jerusalem hörte ich jetzt wieder: Vertrautes für die Ohren. Wiedererkennungswerte in Fülle für Augen und Nase, bekannte Geschmacksnuancen wie auch das Gefühl des Schwebens auf dem Toten Meer. Israel-Reisen, zumal für politisch und kulturell Interessierte, haben Fixpunkte. Nicht nur das Parlament, die Knesset, nicht nur die Via Dolorosa, die als touristisch-arabischer Handelspfad sich zeigt. Nicht nur die Deutsche Botschaft, die weit entfernt von der religiösen und realen Hauptstadt Jerusalem, in der europäisch anmutenden Metropole Tel Aviv residiert. Nicht nur der See Genezareth, mit biblischen Pilgerstätten. Nicht nur die Festung Masada, auf der die letzten Juden bis zum Freitod ausharrten, Schlusspunkt jener Vertreibung aus ihrem Heiligen Land, die das Volk Israel im Jahre 70 u.Z. unter den Römern erlitt. Als das europäische Schicksal der Judenheit begann. Es waren auch dieselben Leute, die ich wiedertraf. Den Journalisten David Vitzthum. Die Reiseleiterin Daniela Epstein. Den evangelischen Pfarrer Michael Wohlrab. Die Mitarbeiter der Adenauer-Stiftung in Ramallah.

Bekanntes und Unbekanntes mischte sich und ergab jene hilflose, verwirrte Kennerschaft, die ich schon vor fünf Jahren verspürte: Ach, deshalb ist das so? Und wieso ist es nicht anders? Warum kommen so viele Juden, Moslems und Christen wunderbar miteinander aus, obwohl es moslemische Selbstmordattentäter und jüdische Vergeltungsbombardements gibt, letztere in diesen Tagen von Staatsrechtlern auch Notwehrexzess geheißen? Warum kommen christliche Fundamentalisten von weit her ins Land und predigen, als seien sie geistige Herren? Warum erkennen orthodoxe Juden den Staat Israel nicht an, in dessen Armee sie nimmer dienen wollen?

Politische Unkorrektheiten der Witz-Kultur

In der diesjährigen Reisegruppe saßen bei unseren Bustouren nebeneinander: Landtagsabgeordnete und Lehrer, politische Referenten, Bürgermeister, Büroleiter und Pfarrer, Journalisten und sogar einfache Mitglieder der deutsch-israelischen Gesellschaft. Eine politisch korrekte Mischung, weshalb Berufsbezeichnungen hier grammatisch exakt & weiblich hinzugefügt werden müssten. Doch das Land, der Staat, der quirlige Alltag, die heftigen Kontraste verführten mich bisweilen zur politischen Unkorrektheit. Vielleicht war es die Nähe zu einer Witzkultur, der amüsantesten der Welt. Eine Kultur, so bekannt, dass in der DDR eine gedruckte Sammlung literarischer Kostbarkeiten „Von armen Schnorren und weisen Rabbis“ heißen musste, damit „Juden“ und „Witz“ im Titel nicht vorkamen. Wiederum traf ich Menschen außerhalb üblicher Tourismusmeilen, beim Kaffee in hellen Diensträumen. Wo es gelegentlich hieß: Das ist jetzt aber nicht fürs Protokoll!

Auch jeder Israel-Erholungs-Reisende spürt die Probleme des Landes, muss scharfe Kontrollen über sich ergehen lassen. Das ist verständlich, wenn man Nachrichten von Raketeneinschlägen hören muss. Vieles wird für die Sicherheit gern in Kauf genommen. Doch warum bei der Ausreise(!) dreistündiges Filzen erforderlich ist, wo nicht nach verborgenen Flüssigsprengstoffen gefahndet wird, sondern nach Büchern? Wo haben Sie die Bücher gekauft? Von wem gekauft? Welchen Inhalt hat das Buch? – Soll man mit Heine antworten: Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest / Von konfiszierlichen Büchern? Hat man das Recht zum Sarkasmus, wenn das eigene Land sich einst ähnlich verhielt? Damals diente die Frage nach verborgenen, also verbotenen Druckschriften ideologischer Reinhaltung.

Das sind die kleineren, fast humoristischen Widersprüche in diesem Land, das fasziniert und ein lebendiges Geschichtsbuch ist. Ein Geschichtsbuch besonders für Deutsche, beispielsweise in Yad Vashem, wo die vielen früheren deutschen jüdischen Gemeinden in hellen Stein gehauen sind und die Lagernamen im Halbdunkel stehen. Wo man Zahlen lesen kann von der Wannsee-Konferenz 1942: Deutschland mit noch 131 000 Juden, Generalgouvernement Polen mit noch 2,3 Millionen. Litauen: noch 34 000. Estland: judenfrei.

Das einst judenfreie Estland: Eine beeindruckende Begegnung gab es für mich 1987 im estnischen Tartu mit Juri Lotman, dem Sprachwissenschaftler mit wunderbaren Deutschkenntnissen. Ein Russe, wie man mir sagte. Ein in Estland ansässiger Bürger mit jüdischen Wurzeln, wie ich nicht nur aus seinem Namen schloss.

Die Altstadt von Jerusalem ist von Arabern bewohnt

Natürlich sind jene Orthodoxen kurios, die eine osteuropäische Tracht aus dem 18. Jahrhundert mit kostbaren Pelzmützen als Ausweis von Rechtgläubigkeit vorzeigen, wo doch deren Monotheismus viele tausend Jahre Geschichte beinhaltet. Gewiss sind die christlichen Taufen im Jordan mit züchtig verhüllenden weißen Gewändern verwirrend, ist doch nach der Taufe das Verhüllte so deutlich zu sehen, wie an keinem FKK-Strand.
Halbsätze mit halben Erkenntnissen drängen sich auf: Dass man mit Russisch-Kenntnissen in manchen Gegenden besser reist, als mit Englisch. Dass Jerusalems Altstadt trotz christlicher oder jüdischer Viertel, trotz Klagemauer und Taschenkontrollen eine arabische Stadt ist. Dass das von christlichen Palästinensern im Dorf Taybeh gebraute Bier von einem Rabbi aus einer Siedlung fit, um einen laxen Begriff für „koscher“ zu verwenden, für den Genuss in Israel gemacht wird. Dass das Wort Siedlung hier eine eigene Bedeutung hat – all das trägt dazu bei, dass unsereiner nach jedem Besuch zwar mehr weiß, aber nicht unbedingt mehr versteht.

In Ramallah, der Palästinenser-Hauptstadt, gibt es einen „Ständigen Vertreter“ Deutschlands, weil ein Botschafter nicht opportun ist. Kennen wir irgendwoher. In diesem Ramallah spricht man in der schon erwähnten Adenauer-Stiftung vom Wasserverbrauch – oder besser, von Wasserlieferzahlen: 70 Liter für einen Palästinenser, 320 Liter für einen Siedler – also einen jener Leute, um nun doch einen Klärungsversuch zu wagen, die auf palästinensischem Gebiet wohnen, nach israelischem Recht illegal, aber von der Armee – und von Mauern - geschützt.

Die Wasserzahlen kann der Journalist David Vitzthum nun gar nicht bestätigen – er weiß nichts davon. Sollte ein exzellenter Kenner und Kritiker der israelischen Politik noch nie etwas von der offiziellen Wasser-Verteilung-Politik gehört haben? Nach welcher Palästinenser auch in ihrem autonomen Gebiet kein Verfügungsrecht für Wasser haben. Im Gaza-Streifen wäre die Bevölkerung – sagen israelische Informanten – ohne unsere Wasserlieferungen längst verdurstet.

In Bethlehem weist der arabische – christliche – Stadtführer auf neue Siedlungen am Horizont. Mein Sohn würde sich dort gern eine Wohnung kaufen – er darf nicht. Eine Jerusalemerin sagt: Natürlich kann sich jeder eine Wohnung kaufen, gleich ob Jude, Moslem oder Christ. Gewiss – er muss nicht mal israelischer Staatsbürger sein – aber er muss Wohnrecht in Jerusalem besitzen. In der Wohnung des Fernsehkorrespondenten Ulrich W. Sahm dürfen wir einen Abend lang zu Gast sein. Mit großer Geste weist er von seiner Terrasse ins Land: Sie meinen, Sie seien in Jerusalem? O nein, das dort ist ein jordanisches, also ein arabisches Dorf. Und hier verläuft die entmilitarisierte Zone zwischen West- und Ostjerusalem.

Es könnte also sein, will er uns damit vielleicht sagen, dass ein Einwohner Ostjerusalems zwar innerhalb der heutigen Grenzen des Staates Israel lebt, aber, weil bis 1967 Untertan des jordanischen Königs, kein Staatsbürger, allerdings geduldeter Einwohner Jerusalems ist. Der selbstverständlich in Jerusalem auch Wohneigentum erwerben kann. Für einen Bewohner Bethlehems, im Autonomiegebiet, gelten andere Gesetze Sahm will erklären, dass die Pferdefleisch-Abstinenz in Deutschland nichts anderes sei, als das Schweinefleischverbot für gläubige Juden. Doch jene Speisegesetze, die für gläubige Juden – und damit für die Öffentlichkeit des Staates Israel - eine strikte Trennung von Milch und Fleisch vorschreiben, wollen wir gleich gar nicht hinterfragen. Oder die Sabbatruhe fast aller Verkehrsmittel. Dass ein demokratisch und westlich orientierter Staat wie Israel für die Ehe keine Trennung von Kirche und Staat kennt, muss dann nicht mehr wundern. Wer standesamtlich heiraten will, ohne Rabbi, ohne Pfarrer, reist nach Zypern.

Schlägereien kämen überall auf der Welt vor

Während eines Gesprächs mit Bruder Nikodemus, Benediktiner in der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg, erfahren wir nebenbei, dass er kürzlich auf der Straße aufgrund seines Äußeren – Mönchskutte - zusammengeschlagen wurde. Von drei strenggläubigen Juden. Oder ist die strenge Gläubigkeit nur aufgesetzt und angehängt, wie Kippa und Ziziot, die Schauschnüre?
Einige Stunden später sitzt der Sprecher der israelischen Armee vor uns. Aufgewachsen in Berlin-Spandau und Wedding, deutlich hörbar. Der erzählt, warum er sich in Berlin zunächst mit einem Kurden verbündete, damit moslemische Schläger ihm nicht zu nahe kamen. Später wurde ihm dieses Deutschland zu ungemütlich, ihm, dessen Eltern aus dem Iran stammende Juden sind. Jetzt ist er israelischer Staatsbürger und will von uns nicht nach der Politik gefragt werden, denn die Armee sei strikt unpolitisch. Wir erwähnen jene Episode, die uns vor ein paar Stunden von Bruder Nikodemus erzählt wurde.

Tja, Schlägereien kämen leider überall auf der Welt vor, das könne man politisch nicht ernst nehmen. Ob solches einzelnen Punks und Juden, die sich in Deutschland Trupps von Rasse- oder Allahgläubigen ausgeliefert sehen, hilft? Vielleicht kommt uns deshalb jener nahe Osten hautnah; er geht uns mehr und mehr an, mit jeder neuen Nachricht und jeder alten Erinnerung