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14.01.2009

Weimars Bürger proben den aufrechten Gang

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Drei Frauen riefen bei Freunden und guten Bekannten an: "Wisst ihr schon? Heute, 17 Uhr, Platz der Demokratie!" Die Kunde von der Demo verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Am Nachmittag hatten sich Hunderte Bürger am Reiterdenkmal vor der Weimarer Musikhochschule versammelt. Später wurden es Tausende. Kerzen wurden verteilt. Den Lkw für die Redner stellte die PGH Elektrik, die Lautsprecher waren anfangs von der FDJ gepumpt. "Also, wenn hier keiner ist, dann gehe ich voran", soll Hans-Jürgen Olbrecht, Leiter des diakonischen Altenheims, gesagt haben. Und los ging´s, an Polizisten und Stasileuten vorbei setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung ...
So etwa muss es gewesen sein, im "Wende-Herbst" ´89, als man in Weimar den aufrechten Gang probte. "Wir hatten drei kurze Reden vorbereitet und ließen zwei, drei nicht angemeldete Sprecher zu", erinnert sich Pfarrer Christoph Victor. Eigentlich begann es früher, schon während der gefälschten Kommunalwahlen im Mai. "Wir zitterten in der Wahlkabine beim Durchstreichen der Namen", sagt Dietlind Steinhöfel, Redakteurin einer Kirchenzeitung. Mit anderen zusammen hat sie im Wahllokal den Ablauf beobachtet. "Wir wussten, es gab etwa neun Prozent Gegenstimmen. Offiziell zugegeben wurden knapp drei Prozent. Aber auch das war für uns ein Erfolg." Schließlich Schriftsteller Wulf Kirsten, der, angesteckt von Gorbatschows Perestroika, in jenem Herbst nicht zum Schreiben kam: "Es ist unglaublich, was in dem halben Jahr von den Bürgerbewegten bewältigt wurde! Wir wollten nicht den Untergang der DDR. Wir wollten mehr Demokratie."

Zustimmung von den Zuhörern, die sich beim ersten "Montagsgespräch" in der Weimarer Eckermann-Buchhandlung drängen. Unter dem Motto "Abbruch, Umbruch, Aufbruch oder was?" wird bis Ende April in zwölf Veranstaltungen an die Ereignisse vor zwanzig Jahren erinnert. Der Auftakt galt den Anfängen der Bürgerbewegung in der Klassikstadt und zeigte, wie hier Geschichte "von unten" geschrieben wurde.

In der von der Literarischen Gesellschaft Thüringen organisierten Reihe kommen viele der emotionsgeladenen Vorgänge, die letztlich zum Mauerfall und zur deutschen Vereinigung geführt haben, wieder ans Licht. Ob die Weimarer Dienstags-Demos - "Dienstag war Behördentag, da waren viele Leute aus dem Umland in der Stadt, und man konnte den Schwung der Leipziger Montagsdemo nutzen" -, die Protestveranstaltungen in der überfüllten Herderkirche oder die Inspektionen geheimer Bunker der bewaffneten Organe durch das selbsternannte Bürgerkomitee - es war stets eine Gruppe von Aktionisten, die die Lawine der Umwälzungen losgetreten hat.

Auch wenn man der Diktatur keine Träne nachweine, sei man noch lange nicht am Ziel, so das Fazit der kollektiven Selbstverständigung, an der sich das Publikum rege beteiligte. Demokratie müsse täglich neu errungen werden. Schön wäre es, wenn mehr junge Leute diese Form lebendiger Geschichtsvermittlung für sich entdeckten.

i Nächsten Montag, 19.30 Uhr, Kino im mon ami: "Brüder und Schwestern" - Film über die Wende-Zeit, anschl. Gespräch mit dem Schriftsteller Wolfgang Held und dem ehemaligen OB Volkhardt Germer