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Nach dem Ärger zog das Lachen ein: Kaminer vor 250 Gästen in Schleiz

 
22.11.2006

Wann sind Dichter reif?

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Die Unzufriedenheit nagte auf beiden Seiten. "Warum kommt ihr nicht mehr zu unseren Veranstaltungen?" klagten die Jungen. "Weil das in unserem Alter nicht so einfach ist." Also fasste der mittelalte Vorstand des Thüringer Schriftstellerverbandes einen weisen Beschluss: Wir laden unsere schreibenden "Veteranen" an einen Runden Tisch, trinken und reden mit ihnen und erfahren dabei, woran sie arbeiten und leiden.
Aber wann ist ein Schriftsteller, der mit den Jahren immer reifer wird, tatsächlich alt? "Ich gehöre", beschwerte sich der eine, "noch lange nicht zum alten Eisen!" Ein anderer fragte erbost, weshalb man ihn nicht eingeladen hat. "Wie alt bist du, lieber Siegfried?" - "69!" - "Tut uns leid, wir hatten an die über 70-Jährigen gedacht ..."

Keine Sorge, es wurde im Weimarer Literaturhaus niemand ausgegrenzt. Die Vorhut erschien schon zu Kaffee und Birnenkuchen. Die Frage nach der Alterspräsidentschaft war rasch entschieden. Sie, 81, will in der Zeitung anonym bleiben. Die spätere Musiklehrerin und Übersetzerin kam 1945 von Hamburg nach Weimar, weil hier die erste Musikhochschule nach dem Krieg eröffnet wurde. Ihre Liste mit eignen Liederwerken und Nachdichtungen aus musikgebundenen Texten ist lang. Noch heute fährt sie regelmäßig zu Treffen des Übersetzerverbands nach Leipzig.

Weiter in der Altershierarchie. "Wie alt bist du? 75? Da sind wir doch ein Jahrgang!" Klaus Steinhaußen aus Rudolstadt und Martin Stade aus Haarhausen, zwei politisch unterschiedliche Biografien. Stade war 1976 wegen seiner Haltung zu Wolf Biermann aus der SED ausgeschlossen worden und danach aus dem Schriftstellerverband ausgetreten. Zur Zeit schreibt er an einer Erzählung über die Ursprünge der Familie Bach in Thüringen ("Die Richtung der Flüsse") und recherchiert über das Schicksal einer Gruppe von 1500 ermordeten Buchenwald-Häftlingen. Steinhaußen, ehemals Lektor beim Mitteldeutschen Verlag und Dozent am Literaturinstitut Leipzig, hat seinen zweiten autobiografischen Roman beendet; "Sintflut - Ende einer Kindheit" wird zu Weihnachten erscheinen.

Gerade will der schreibende Theologe Hans-Jörg Dost, 65, zum Rapport anheben, als Gisela Kraft, 70, in die Stube schnauft. Sie bitte die Verspätung zu entschuldigen, ein literarischer Zwischenfall habe sie aufgehalten. "Ich musste Jean Paul befreien", stößt die Weimarpreisträgerin schwer atmend hervor. "Eine Weihnachtsbude stand mit einem Fuß auf der Gedenkplatte." Beifall vom Runden Tisch; Kraft Giselas wurde der Romantiker abermals vorm Verschwinden bewahrt.

Er lebe, kommt Schriftsteller Dost nun zum Zuge, nach zehnjährigem Aufenthalt in der Steiermark wieder in Deutschland, schreibe an einer Novelle über einen DDR-Grafiker und an einem Hörspiel, in dem ein Stasi-Täter und sein Opfer einen Pakt zum Überleben schmieden. Ihm gegenüber sitzt Hans Lucke - was, tatsächlich 79? -, Zweitältester also in der Runde. Der Schauspieler Lucke hat zwei neue Bücher auf dem Markt: "Goethe 1806 - Die Weltgeschichte sucht ihn heim" ist zum Schlacht-Jubiläum im Glaux-Verlag herausgekommen; jetzt erscheint als erster Band der neuen TLZ-Reihe "Biografien Weimarer Persönlichkeiten" (weimarer taschenbuch verlag) seine Recherche über Hoffmann von Fallersleben, verfasst mit Ehefrau Irina Lucke-Kaminiarz. Lucke schreibt Hörspiele und will demnächst seine Novelle "Jud Goethe" zum Roman umarbeiten.

Ehe Gisela Kraft und Brigitte Rost (Alter ist der Redaktion bekannt) gehört werden, spendiert die Verbandsjugend - Anne Gallinat, 41, Matthias Biskupek, 56, Landolf Scherzer, 65 - eine neue Runde Kaffee und Rotwein. Die Südthüringerin Brigitte Rost dokumentiert Geschichten von Auswanderern, Gisela Kraft hat ihre Roman-Trilogie über Novalis angeschlossen und schreibt ihre deutsch-deutschen Erinnerungen: "Mein Land, ein anderes".

Leider muss der Berichterstatter den Schauplatz vorzeitig verlassen. Auf der Treppe begegnen ihm: Ursel und Siegfried Schütt sowie Ulrich Völkel, 66, mit Hund. Wolfgang Held, 76, ließ sich entschuldigen. Am Abend wurde öffentlich aus bleibenden und kommenden Werken gelesen.