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13.06.2016

Vom Metzgermeister und seinem Nachfolger, dem Veganer

von Marcus Voigt Ostthüringer Zeitung

Siegerin Leticia Wahl. Foto: Marcus Voigt

 

 

Einen Besucherrekord gab es nach Angaben des veranstaltenden Lese-Zeichen e. V. am Freitagabend zum Poetry Slam der Thüringer Literatur- und Autorentage in Ranis.

Ranis. Die stolze Zahl von 200 Gästen verkündete Moderator Felix Römer dem Publikum gleich zu Beginn des Abends. Dieses zeigte sich im Anschluss begeistert von den Werken der sechs Wortakrobaten, die sich im gemütlichen Ambiente rund um das Gasthaus Zur Schmiede einen packenden literarischen Kampf lieferten.

Das Raniser Publikum wollte in diesem Wettstreit gar nicht so recht einen Sieger küren, was Felix Römer dazu veranlasste, die anwesenden Kulturinteressierten als ein auf Ausgleich bedachtes Hippiepublikum zu bezeichnen. Die Entscheidung fiel wahrlich nicht leicht, trugen die sechs Dichter mit ihren Werken doch sehr unterschiedliche Formen der Lyrik und Poesie vor, die dann aber in der jeweils hohen Qualität wieder einen gemeinsamen Nenner fanden.

Volker Surmann etwa legte nicht nur humorvoll seine Jugend auf dem Land dar, sondern beschrieb auch eine befremdliche Zugfahrt, bei der ihm sein Sitznachbar selbstbewusst offenbarte, sich gelegentlich selbst zu befriedigen. Jule Eckert lieferte zu solchen Geschichten das Kontrastprogramm, wie sie selbst sagte. Mit zwei phantasievollen Märchen, die sich mit dem Sinn und Unsinn sowie dem Wichtigen und Unwichtigen des Lebens beschäftigten, regte sie tiefgründig zum Nachdenken über unser soziales Zusammenleben an.

Paul Bokowski setzte sich dagegen wieder ironisch mit den ganz banalen Härten des Lebens auseinander. Er las aus dem Briefwechsel mit seiner Schwester Hanna, in dem die Geschwister sich gegenseitig verzweifelt und mit der Hoffnung auf ein schnelles Entkommen von Urlaubsreisen mit den Eltern berichten. Tanasgol Sabbagh wusste mit einer Auseinandersetzung um die Emanzipation der muslimischen Frau zu überzeugen, an deren Ende der unmissverständliche Appell stand: Nehmt euer Schicksal selbst in die Hand, um euch von den traditionellen Normen und Erwartungen zu befreien. Micha Ebeling wiederum regte sich nicht nur cholerisch über Choleriker auf, sondern berichtete auch von seinen Klassentreffen, bei denen er sich wahlweise als Tatortreiniger, Pornodarsteller oder V-Mann in der rechten Szene ausgibt, um nicht in die immer gleichen, ernüchternden Gespräche über sein Leben als Slammer verwickelt zu werden.

Die Marburgerin Leticia Wahl ragte am Ende aus der Reihe der anderen hervorragenden Beiträge heraus. Da war einerseits ihre ergreifende Selbstreflexion, an deren Ende sie ihr Herz wieder schlagen hört, und auf der anderen Seite ihre Geschichte über einen Metzgermeister, der seinen Sohn einen Veganer zu seinem Nachfolger ausbilden will. Hier stand am Ende der Aufruf, zu sich selbst und den eigenen Überzeugungen zu stehen, aber auch Toleranz für andere Lebensentwürfe zu zeigen.

Es war wohl diese Botschaft, die den Ausschlag zum Sieg gab, wie Franzi Kreßmann und Silvio Hickethier aus dem Publikum unabhängig voneinander schon vor der Entscheidung mutmaßten. Petra Böhme war dagegen von allen Beiträgen einfach nur begeistert und lobte die sprachliche Qualität, aber auch die Themen, mit denen sich die jungen Künstler auseinandersetzen. Nicht nur sie ging zufrieden nach Hause und es sieht ganz danach aus, als könnte bei der nächsten Auflage des Poetry Slam in Ranis der nächste Besucherrekord aufgestellt werden.