Presse - Details

 
22.12.2010

Viele Nächte mit Erika verbracht

von Frank Quilitzsch TLZ

 

Der Rudolstädter Schriftsteller Matthias Biskupeks hat 52 Nachrufe auf die DDR verfasst. Sie sind in dem Kalender "Trabi, Broiler, Pioniere" enthalten, der schon die Gewinner beim TLZ-Parcours beglückte. Der Kalender ist in jeder Buchhandlung erhältlich.

 Ganz gewiss ist Matthias Biskupek unsterblich verliebt gewesen, vielleicht sogar in Erika. Zumindest widmet er der treuen Gefährtin eines der liebevollsten seiner 52 Kalenderblätter: "Die Schreibmaschine vom Typ Erika war ein robustes, wenig störanfälliges Gerät", heißt es in dem kurzen Nachruf. Ihr munteres Geklapper habe jederzeit angezeigt: Hier schreibt einer! Und sie diente gelegentlich auch als Alibi. "Ich habe die Nacht mit Erika verbracht" oder "Ich muss noch zu meiner Erika", begründeten DDR-Schriftsteller ihr nächtliches Fernbleiben.

Wer noch einmal mit dem Rudolstädter Autor einige Erinnerungen des untergegangenen Landes abklappern möchte, dem sei dessen Kalender "Trabi, Broiler, Pioniere 2011" empfohlen, der im angemessenen Kleinformat (A5) im Harenberg-Verlag, erschienen und für 9.99 Euro zu haben ist. 


Fotos wurden vom Verlag vorgegeben

Die Kalenderfotos, erklärt Biskupek, seien ihm von den Verlagsleuten - also Wessis - vorgegeben worden, die im wesentlichen nach bekannten DDR-Produkten Ausschau gehalten hatten. Ein bloßes Potpourri aus Trabi, Plaste, Spee und Sandmännchen hätte ihm nicht behagt, weshalb er darauf bestand, gesellschaftliche Phänomene wie Schlangestehen oder die Jugendweihe mit aufzunehmen. Sowieso hängt für einen im Osten sozialisierten Schriftsteller an fast jedem Gegenstand eine biografische Geschichte. Die Schwierigkeit bestand darin, sie im vorgegeben Rahmen - maximal acht Kalenderzeilen - zu erzählen. Dabei half ihm, dass er schon für das Kompendium "Was heißt eigentlich DDR?" (Eulenspiegel-Verlag) und das "Kleine DDR-Lexikon - Von Haushaltstag bis Reisekader" (Piper) in Vorleistung gegangen war.

Das neue Biskupek-Jahr beginnt denn auch mit Erfolgsgeschichten, die sich nach der Wende ereignet haben: Die ostdeutsche Sektfirma Rotkäppchen schluckt die westdeutsche Marke Mumm, die Rockgruppe Silly hat ihre an Krebs gestorbene Sängerin "Tamara Danz" überlebt und mischt fröhlich die Charts auf, und auch das putzige Ampelmännchen setzt sich deutschlandweit durch. DDR-Nostalgie? - Fehlanzeige! Der Ton macht die Kalendermusik, und der ist meist milde ironisch, manchmal auch bissig, wie man es von einem Satiriker erwartet.

Zurecht dürfe man, meint Biskupek, auf "Made in GDR" stolz sein, wenn es sich etwa um Marken wie Florena, Erwin Strittmatter, Henry Hübchen oder Bummi handelt. Auch die DDR-Briefmarken waren nicht die schlechtesten. Allerdings ließ zumeist das Marketing - siehe Tempobohnen, Hallorenkugeln oder Bautz'ner Kosakensenf - einige Konsumentenwünsche offen. Der sozialistische Modetanz "Lipsi", konstatiert der Kalender-Kurzprosaschreiber, konnte sich als Gegenstück zum dekadenten Rock'n'Roll nicht durchsetzen. 

Von Subbotnik bis Bückware

 
Biskupek hat dem DDR-Volk aufs Maul geschaut, was man an gängigen Bezeichnungen wie "Wohnklo mit Kochnische" (für die Einraumneubauwohnung) erkennt. Auch Begriffe wie Subbotnik und Bückware werden erläutert. Geliebt wurde in der Arbeiter- und Bauern-Diktatur leidenschaftlich - siehe die "Legende von Paul und Paula" -, und man liebte die alten Filme à la "Feuerzangenbowle" oder "Große Freiheit Nr. 7", die Willi Schwabe aus seiner Rumpelkammer kramte, nicht weniger als im Westen.

 Noch im Rückblick beschämend: Es wurde gewählt, doch nur pro forma, denn das Wunschergebnis der "führenden Partei" stand vorab fest, so musste das Wahlverhalten der Bürger diesem - oft unter Druck - angepasst werden. Ein Foto aus dem Jahr 1983 zeigt fünf vor einer Konsum-Kaufhalle geparkte Kinderwagen - daran lässt sich der "Ehekredit" verdeutlichen. Und man war auch im Osten weihnachtlich gestimmt - mit dem Dresdener Christstollen, der so gut mundet, dass er alle Systeme überdauert.