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17.11.2012

Thüringer Wilddiebe und Jagdunfälle: Faszinierendes zur Jagd

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Eine Gruppe Rehe. Foto: TA

 OTZ-Autor Rainer Hohberg hat ein faszinierendes Buch über die Geschichte der Jagd in Thüringen geschrieben.
Wie mag der Zorn im Reußenfürst pulsiert haben, als er den Wilddiebstahl entdeckte...

Nachdem ihm seine Jäger vom prächtigsten Rothirsch im Burgker Wald berichtet hatten, war er bald darauf aufgebrochen. Doch als er zur Ässtelle des Tieres geführt wird, ist der Hirsch verschwunden. Schlimmer noch. Die Spuren lassen nur einen Schluss zu: Ein anderer hat das Tier erlegt. Sofort fällt der Verdacht auf den Retsch­müller von Remptendorf, der in der Gegend als Wilderer bekannt ist. Doch trotz Hofdurchsuchung und Verhör kann dem Verdächtigen nichts nachgewiesen werden.

Ein anderes Mal wird der ­Retschmüller schließlich überführt und muss sogar in U-Haft. Doch der Kerl ist derart durchtrieben, dass er die Wache überzeugt, ihm heimlich Ausgang zu gewähren.

Auf diesen Freigängen frönt er erneut der illegalen Jagd, ein brillanter Schachzug, wie sich herausstellt. Denn nun kann er argumentieren, dass trotz seines Arrests die Wilderei weitergegangen sei.

Diese und viele andere Jagdepisoden aus der Region erzählt der in Hummelshain lebende Autor Rainer Hohberg in seinem neuen Buch "Wahre Geschichten über die Jagd in Thüringen". In insgesamt fünf Kapiteln berichtet er neben dem Thema Wilddiebstahl über die tödliche Pirschjagd Kaiser Heinrichs III. im Jahre 1056 oder über die Entwicklung der höfischen Jagd. Und auch der Wolfs- sowie der Auerhahnjagd widmet sich der Autor eingehend.

Rainer Hohberg ist den Lesern der "Ostthüringer Zeitung" bekannt als Autor der Reihe "Thüringer Sagengeheimnisse". Als Vorsitzender des Fördervereins der Hummelshainer Jagdschlösser beschäftigt er sich "seit vielen Jahren mit der Geschichte der Jägerei im Hummelshainer Revier und darüber hinaus". In seinem Band gelingt es Hohberg, das sehr spezielle Thema Jagd als eine der spannendsten Facetten der Thüringer Geschichte darzustellen. Mit einer Vielzahl an Fakten und Anekdoten und vor allem einem guten Gespür für Dramaturgie verführt er regelrecht zum Weiterlesen. Mit seinem Jagd-Büchlein liefert Hohberg ein besonderes Stück ­Regionalliteratur.

In seinem Kapitel "Kaiser Heinrichs letzte Pirsch" etwa füttert er den Leser mit der Todes-Ankündigung geschickt an, um zunächst einmal das mittelalterliche Jagdgebaren darzulegen: In aller Regel brachen die Suchjäger in aller Frühe mit ihren naseweisen - also scharf witternden - Hunden auf, um die beliebten Rothirsche aufzuspüren. Aus Fährten und Kot, in der Jägersprache Losung genannt, las ein Jägermeister Geschlecht, Alter, Geweihstärke und Körpergewicht des Viehs ab. "Anschließend präsentierte er dem Jagdherren die aufgefundene Losung in einem edlen Gefäß", schreibt Hohberg. "Nun konnte der Fürst alle notwendigen Anordnungen für die Jagd treffen."

Am Ende der Jagd folgte manch skurriles Ritual. So schnitt der Jäger dem erlegten Hirsch die als "Brunftkugeln" bezeichneten Hoden ab. Ihnen wurde eine potenzsteigernde Wirkung nachgesagt. Und auch die Hirschleber, dem noch warmen Tierleib entnommen, besaß angeblich Heilwirkung.

Kaiser Heinrich III. probierte vermutlich auch eine solche Leber. Einige Chronisten jedenfalls gaben dem Fleisch, ob verdorben oder gar vergiftet, die Schuld für die bald nach der Jagd einsetzenden Magenkrämpfe des Regenten. Andere meinten indes, er hätte sich im Wald erkältet. Wie auch immer, der Leibarzt konnte Heinrich nicht helfen. Nach sieben Tagen starb der Monarch am 5. Oktober 1056 im Beisein des Papstes, der ebenfalls an der Jagd teilgenommen hatte.

Mit dem Tod endet auch der "Fall August Lutz" im Jahr 1909: Besagter Lutz war bereits mehrfach vorbestraft, als er eines Sonntags im Wildpark des Schwarzburger Fürsten heimlich einen Hirsch erlegt. Von den Schüssen alarmiert, stellt der Forstaufseher Albin Walther den Wilderer nebst Komplizen. Doch August Lutz denkt gar nicht daran aufzugeben. Nachdem er sich ins Unterholz retten konnte, schleicht er mit vorgehaltener Waffe zurück und schießt auf den Forstbeamten. Während Lutz flüchtet, kann sich Albin Walther noch zurück ins Dorf schleppen und seinen Mörder entlarven. Ein gutes halbes Jahr später wird August Lutz in Erfurt mit dem Beil hingerichtet.

Rainer Hohberg: "Wahre Geschichten über die Jagd in Thüringen". Tauchaer Verlag 2012. 96 Seiten. 9,95 Euro