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11.07.2011

Thomas Spaniel legt seinen sechsten Lyrikband vor

von Martin Straub TLZ

Nach der von Andreas Berner schön gestalteten bibliophilen Mappe "ortsbeschreibung" (Hinterwaelt 2008) legt Thomas Spaniel nun seinen sechsten Lyrikband vor.

 

Wie in den früheren treffen wir auf eine nüchterne, hart konturierte Sprache, mit der Spaniel illusionslos Weltzustände zeichnet und vor Verdrängungsmechanismen warnt: "aber man schweigt / tapfer bis hinein / in die schlafzimmer". Spaniel sieht genau hin und weitet Alltagsmomente oft ins Surreale zu einer bitteren Lagebeschreibung. "überall restmüll lesebrillen / für kaffeesatz ejakulate / und für die pupillen / bunte salate". Reimwörter antworten aufeinander in bitterer Ironie. Immer wieder arbeitet Spaniel in oft dreistophigen, pointiert endenden Gedichten mit Zeilensprüngen. Der Leser soll stolpern, sich nur nicht einlullen lassen. Denn: "unter unseren füßen / wird es zusehends dünner". Doch in solchen Lagebeschreibungen allein geht das Ganze mit seinen immerhin achtzig Gedichten nicht auf. Spaniel überrascht seine Leser vor allem in dem letzten Kapitel, das er mit "aus den augen" überschreibt. Die hier versammelten Arbeiten haben einen doch neuen Ton. Da werden Bodensee und Thüringer Landschaften sensibel und atmosphärisch genau ins Bild gebracht. Es gibt Porträt-Gedichte, etwa von Peter Lenk und seinen Skulpturen oder von dem Trompeter Nils Petter Molvaer. In diesen Versen ist eine Leichtigkeit, auch Humor im Spiel, die man so bei Spaniel bisher nicht kannte.

Freilich will er auch da nicht auf ironische Bestandsaufnahmen verzichten, etwa in den Gedichten "frauenplan" und "musikgymnasien". So heißt es in ersterem: "vereinsfarben / geschlossene gesellschaften / aus paderborn / dichter verkehr im stall / die meisten begaffen / die kutschen". Ein Thema scheint Spaniel in dieser vielstimmigen Sammlung besonders nahe zu gehen: die verstreichende Zeit. Gerade in diesen Gedichten mit ihrer leisen Melancholie liegt der Gewinn. Da bleibt nichts bei einer nur Oberflächen-Betrachtung, sondern hier gewinnt das Detail einen Tiefenraum. So sei am Ende die Schluss-Strophe von "gumperda" zitiert: "aus den augen ein zeiger / der kirchturmuhr zielt / auf mein herz schatten / schleichen wie katzen / über die dächer".

ThomasSpaniel: die irren kurse einer sterbenden fliege. Gedichte, Udo Degener Verlag, Potsdam, 94 S., 13.80 Euro