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07.10.2016

Theaterstück auf der Burg Ranis erklärt Deutschland humorvoll

von Ostthüringer Zeitung Marcus Pfeiffer

Der Schauspieler Philipp Nerlich fragt Flüchtlingskinder wie man sich in Deutschland begrüßt – per Handschlag, Grußformel oder doch ganz anders? Foto: Marcus Pfeiffer

Auf der Burg Ranis hatte das Theaterstück „Deutschland – Ein Willkommensspiel“ ­Premiere. Es ist eine lockere ­Inszenierung, welche ­Geflüchteten deutsche Eigenarten ­näher bringen soll.

Ranis. "Das ist Deutschland!" rief Philipp Nerlich im Chor mit Sarah Arndtz. Anne Rab widersprach dem vehement – und stopfte sich ein Hitler-Porträt in den Mund. Sie schluckte das Esspapier herunter und war mit sich zufrieden.

Mit wenigen, aber wirkungsvollen Mitteln und viel Fantasie stellte ein Leipziger Team um Karsten Kriesel ein unterhaltsames Bühnenstück in der Breitenbuchhalle auf Burg Ranis vor. Das Projekt des Lese-Zeichen e. V. und Partnern des Vereines aus Kultur, Politik und Wirtschaft hatten es sich zur Aufgabe gemacht, "mit einem Bühnenstück Flüchtlingen Ablenkung vom Alltag zu bieten und mit einem spielerischen Ansatz deutsche Kultur näher zu bringen", so Karsten Kriesel.

Mit drei Schauspielern und einem Musiker versuchte der Verein mit der international bekannten Figur des Clowns Jung und Alt mal humorvoll, mal ernst die komplexe deutsche Gesellschaft näher zu bringen.

Das sich selbst Clowns nicht immer einig sind in ihren Ansichten, sollte klar sein. Während einer der Clowns in dem Stück meinte, dass man das Thema Nationalsozialismus lieber vergessen sollte, waren sich die beiden anderen einig, dass es dazugehöre. So entspann sich mancher Streit auf der Bühne.

Der Spaß kam auch nicht zu kurz, denn immer wieder bezogen die Akteure das Publikum ein. Am meisten freuten sich die Flüchtlingskinder aus Ranis und Pößneck über die Musik. Beispielsweise nahm Dario Klimke Geräusche, Töne und Sprach­fetzen live auf, die er zusammenmischte und Liedkreationen zum Tanzen und Mitsingen aufführte. Die Jungen lachten und bewegten sich, antworteten auf Fragen und schauten fasziniert den pantomimischen Bewegungen der Schauspieler zu.

Zum Nachdenken für die Erwachsenen regte jedoch eine Episode an, bei der Philipp Nerlich einen eben angekommenen Flüchtling spielte. Er ließ sich auf seiner Tasche nieder und atmete nach den erlittenen Anstrengungen durch. Unterschiedliche Personen liefen dann an ihm vorbei: eine ältere Dame, die Enten fütterte, aber abweisend wirkte; Neonazis, die aggressiv ihm gegenüber waren; oder gleichgültige Personen, die Handy spielend vorübergingen. "So oder so ähnlich, vielleicht auch ganz anders, könnte es passiert sein – richtig?", fragte die Schauspielerin Anne Rab danach. Im Publikum erkannte sich so mancher Flüchtling selbst wieder und nickte oder schüttelte mit dem Kopf. Der erste Eindruck ist oft nicht der beste, möchte man meinen.

Während der Aufführung merkte man schnell, dass es viel zu viel zu erzählen gab. Regisseur Kriesel gab nach der Inszenierung zu: "Alle Facetten können wir natürlich nicht zeigen. Die Unterhaltung steht ja im Vordergrund. Wir können nur einen kleinen Teil zeigen, eben auch, weil wir es nicht besser wissen." Ebenso reflektiert und sogar kritisch gab sich Nerlich nach der Premiere: "Man spürte deutlich den Unterschied zwischen dem Zielpublikum Flüchtlingen und den anderen Gästen, den Deutschen. Während erstere mitmachten, viel Spaß und gute Laune hatten, waren letztere sehr zurückhaltend." Er ergänzte: "Ja, auch das ist Deutschland." Der CDU-Landtagsabgeordnete und Migrationspolitiker Christian Herrgott gab zu bedenken: "Ich frage mich, was den Flüchtlingen von dem Gehörten im Gedächtnis bleiben wird."