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10.11.2010

Tagesnotizen zu Avantgarde-Rock

von Frank Quilitzsch TLZ

Gastiert bei der Jazzmeile Thüringen: Die tschechische MCH-Band um Frontmann Mikolás Chadima tritt gemeinsam mit dem Lyriker Utz Rachowski im Jenaer Café Wagner auf.

Im Jazzmeilen-Konzert in Jena trifft Jürgen Fuchs die Charta 77: Eine tschechische Band hat Verse des verstorbenen Dichters und DDR-Oppositionellen vertont.

 

Im Rahmen eines großen Schwerpunkts zum Prager Frühling gastierten vor zwei Jahren die "Plastic People of the Universe" in Jena. Im Zuge der kulturellen Repressionswelle nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung wurde der Band die Lizenz als Profimusiker entzogen, doch ihre illegalen Konzerte blieben Sammelpunkt einer Gegenkultur. Die Verfolgung der Gruppe 1976 und die Inhaftierung einiger Bandmitglieder führte zu einem nie dagewesenen Solidarisierungsprozess unter den Dissidenten und mündete in der Gründung der Charta 77.
Nun setzen die Veranstalter der Jazzmeile Thüringen, unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung, noch eins drauf: 20 Jahre nach der friedlichen Revolution kommt es auf der Bühne im Jenaer Café Wagner zu einer Begegnung zwischen ehemaligen Vertretern der tschechischen und der DDR-Opposition. Der Lyriker Utz Rachowski, der wie sein Freund Jürgen Fuchs im Gefängnis war und ausgebürgert wurde, trifft auf die tschechische MCH-Band, die vertonte Gedichte von Fuchs und ihr Album "Tagesnotizen" vorstellen wird.

Tschechische Sicht auf die Geschichte
MCH sind die Initialen von Mikolás? Chadima - einem nonkonformen Musiker, Texter und Publizisten. Als Unterzeichner der Charta 77 waren ihm bis 1989 im eigenen Land sämtliche Auftritte und Publikationen verboten, so veröffentlichte er im Untergrund und gab illegale Konzerte. Und der Jenaer Oppositionelle Jürgen Fuchs hielt nach seiner Ausweisung nicht nur Verbindung zur unabhängigen Friedens- und Bürgerbewegung in der DDR, sondern auch zur polnischen Solidarnosc und zur tschechischen Charta 77. So kam er in Kontakt mit Mikolás? Chadima, der in ihm einen Seelenverwandten sah. Dieser Verbindung will die Veranstaltung am Donnerstag in Jena nachspüren.
Mit "Tagesnotizen - Innen/Außensichten" ist das ungewöhnliche Lese-Konzert überschrieben, mit dem an die osteuropäische Demokratiebewegung erinnert werden soll. Einerseits wolle man Genregrenzen übertreten, andererseits sollen die tschechischen Musiker ihre Sicht auf die Geschichte einbringen, wünscht sich Jazzmeilen-Organisator Thomas Eckardt. "Tagesnotizen" ist der Titel eines Lyrikbandes, den Jürgen Fuchs - wie Wolf Biermann ein kompromissloser Kritiker des DDR-Systems - 1979 nach seiner Ausweisung in West-Berlin veröffentlichte. Die MCH-Band hat einige Gedichte daraus vertont. Utz Rachowski, Jahrgang 1954, trägt dazu eigene Texte vor.
Der Literaturkritiker Volker Strebel beschreibt in seinem Beitrag "Die tschechische CD eines DDR-Dissidenten" die Beweggründe des Bandleaders, sich den Fuchs-Texten musikalisch zu nähern: "Mikolás? Chadima hatte bereits seit den frühen 80er Jahren in Prager Wohnungsstudios Gedichte von Jürgen Fuchs vertont. Er war, als er damals durch Zufall auf diese Texte gestoßen war, augenblicklich von deren ,Sound' angetan. Chadima spürte, dass der vorgegebene lakonische Ton dieser Gedichte täuscht. Wer, wie Mikolás? Chadima, ähnliches wie Fuchs erlebt hat, fühlt das Vibrieren unter der Oberfläche dieser Texte. Für einen Musiker wie Chadima eine ideale Gelegenheit, eigene musikalische Elemente zur Kolorierung hinzuzufügen."


Mit Bass, Gitarre und Saxophon
In ihrer Heimat ist die tschechische Band um ihren Frontmann und Namensgeber Mikolás? Chadima mittlerweile eine Legende, zu deren Konzerten bis zu 30 000 Menschen kommen. Seit fast drei Jahrzehnten gehört MCH zu den Säulen der Alternativen Szene ihres Landes. Charakteristisch für ihre Rockmusik sind die Kombinationen aus Bass, Gitarre und Saxophon.
Die Landeszentrale für politische Bildung hat in den vergangenen Jahren immer wieder innovative Verbindungen zwischen Kultur und Politik und damit eine lebendige Erinnerungskultur gefördert. Bleibt zu hoffen, dass die geplanten drastischen Mittelkürzungen durch die Landesregierung verhindert werden, da sonst solche Projekte nicht mehr realisiert werden könnten.

Lesung und Konzert: Donnerstag, 11. November, 20 Uhr, Café Wagner