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08.12.2011

Rumänische Erkundungen

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Zehn Autoren und ein Fotograf setzten sich mit Siebenbürgen und dem Banat auseinander

In der Mitte Europas leben die letzten Siebenbürger Sachsen, die wie die Banater Schwaben noch ihr eigentümliches Deutsch sprechen. Ihre Dörfer sind fast leer, die Kinder ausgewandert, nach Deutschland und anderswo.

Kirchenburgen, Balkanmusik, Zigeuner... und die Spuren jüngster, schrecklicher Vergangenheit, die sich im Roman „Atemschaukel" der Nobelpreisträgerin Herta Müller wiederfinden. Unendlich lang sind die Namenslisten Verschollener, die unter Stalin in sibirische Arbeitslager deportiert wurden. An dieses „Endlosband des 20. Jahrhunderts" erinnert Martin Straub in seinem Essay „Wo ist Siebenbürgen... und wo sind die Leute", nachzulesen in der Anthologie „Mehrfachbelichtung.Rumänische Erkundungen", herausgegeben vom Lese-Zeichen e. V. Jena.

Diese fein gestaltete Publikation kompensiert Momentaufnahmen, mitgebracht von Reisen durch Siebenbürgen und die Bukowina und erweitert durch Erfahrungen rumäniendeutscher Schriftsteller. Geschichten, Gedichte, Essay, literarische Reportage und Schwarz-Weiß-Fotografie reflektieren Erlebtes und Geschautes und geben sich nicht mit Klischees zufrieden.Die literarische Qualität der Texte ist beachtlich und setzt Maßstäbe für weitere ähnliche thematische Anthologien; auch deshalb wurde dieses Lese-Zeichen-Projekt durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen gefördert.

Zehn Autoren und ein Fotograf waren daran beteiligt: Helge Pfannenschmidt, Nancy Hünger, Daniela Boltres, Friederike Kenneweg, Grit Bärenwald, Daniela Danz, Werner Söllner, Marius Koity, Hansi von Märchenborn, Martin Straub und Andreas Berner. Der Titel der Sammlung erinnert an einen fotografischen Vorgang, an die Überlagerung von Einzelaufnahmen. Da können zufällig ungewöhnliche Schichten von Bildern entstehen, die eine neue Wirklichkeit präsentieren. In der Lese-Zeichen-Publikation ergeben sich durch die Anordnung der Beiträge und die Vielfalt der Stimmen ungewöhnliche zeitnahe „Überblendungen" von Text und Bild, von Geschautem und Reflektiertem. Dieses berührend-melancholisch erlebte Rumänien bleibt lange im Gedächtnis haften.

„Mehrfachbelichtung". Lese-Zeichen e. V., 2011, 12 Euro