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10.04.2012

Roman "Ab jetzt ist Ruhe" erzählt von DDR-Familiengeschichte

von Michael Helbling Thüringer Allgemeine

Die Schriftstellerin Marion Brasch kommt jetzt zu Lesungen nach Thüringen. Foto: Verlag

 

Marion Braschs biografisch grundierter Roman "Ab jetzt ist Ruhe" erzählt von der DDR als Familiengeschichte und schildert gleichsam prototypisch den Niedergang des Systems.

 

Weimar. "Ich hatte ihn lieb, aber ich war froh, wenn er weg war", schreibt die Tochter über das zwiespältige Verhältnis zum Vater. Dieser vordergründig sehr private Satz darf zugleich als ein hintergründig politischer gelten. Denn das Familienoberhaupt repräsentiert zugleich den Staat, dem es bedingungs- und gnadenlos dient: bis zur Selbstaufgabe, bis zum versuchten Selbstmord. Es repräsentiert die "DDR unser Vaterland". In dieser alten Parole steckte, ganz subtil, gleichsam das ganze Verderben: Ein kommunistisches Patriarchat übt fortgesetzt Verrat am demokratischen Sozialismus. Die Gründerväter beanspruchen ewige Vormundschaft über ihr Volk, das sich so oder so zu entziehen weiß. Darum geht es letztlich in Marion Braschs "Ab jetzt ist Ruhe". Ihr 400 Seiten starker "Roman meiner fabelhaften Familie", wie das Buch im Untertitel heißt, erzählt prototypisch vom geradezu notwendigen Niedergang der DDR. Die Berliner Radiomoderatorin Marion Brasch (51) ist die Tochter Londoner Exiljuden. Ihr Vater, Horst Brasch, emigrierte als gläubiger Katholik und konvertierte zum Kommunismus. In der DDR wurde er stellvertretender Kulturminister. Er verlor den Posten, nachdem sein ältester Sohn, der Dichter Thomas Brasch, gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 protestierte und obwohl er ihn anzeigte und ins Gefängnis brachte. Thomas Brasch ging 1976 mit der Schauspielerin Katharina Thalbach in den Westen. Er feierte als Autor ("Vor den Vätern sterben die Söhne") und Filmemacher Erfolge, blieb aber ein heimatloser Sozialist und ging an Alkohol und Drogen zugrunde.
An die innere Emigration und den Alkohol verliert der Vater die anderen Söhne: Schauspieler Klaus und Schriftsteller Peter Brasch. Marion Brasch, heute letzte Lebende der Familie, ist seine letzte Hoffnung. Ihre Biografie hat sie zu einem lakonischen und tragikomischen Entwicklungsroman verdichtet.

Die Ich-Erzählerin nennt sich darin "die kleine opportunistische Mitläuferin", die sich ihrem Vater mit Tricksereien entzieht, ihn aber nicht enttäuschen will. Für ihn tritt sie in die SED ein und erntet Lob: "Ich bin sehr stolz auf dich". Gespräche mit ihm wirken wie Nachhilfe in Staatsbürgerkunde. Es sei nicht richtig, dass der Bruder das Land verlassen hat, hört sie sich reden: "Weil es sich lohnt, hier zu leben, sagte ich nach einer Weile und fand diesen Satz gar nicht so blöd". Vor historischer Kulisse zeichnet der Roman das Bild einer typischen DDR-Jugend, wie sie sich tausendfach ereignete: voller Sehnsucht, ohne Leidenschaft, mit dem Kompromiss als ständigem Begleiter. Politische Geschichte ereignet sich hier beinahe beiläufig, Prominente werden zu Namenlosen am Wegesrand. Im Zentrum stehen die persönlichen Geschichten. Marion Brasch analysiert nicht, sie urteilt nicht, sie erzählt einfach mit viel Witz und Poesie. Politisch wird der Roman im Auge des Lesers.

  • Marion Brasch ist Gast der diesjährigen Frühlingslese am 11. April um 20 Uhr im Café Nerly in Erfurt
  • Am 12. April liest sie um 19.30 Uhr auf Burg Ranis und
  • am 13. April um 19.30 Uhr in der Eckermann-Buchhandlung in Weimar.