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07.09.2013

Krölpa - Reiner Kunze schlüpft in Lehrerrolle

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Reiner Kunze vor Schülern einer ersten Klasse in der Grundschule in Krölpa. Die Lesung am Freitag mit ihm fand zum Auftakt der Kinderliteraturtage in der Gemeinde statt.

Lesen, lesen, lesen, lautet die Botschaft des prominenten Autors. Der 80-jährige Schriftsteller tritt vor Kinder einer ersten Klasse in Krölpa und liest am zuvor Abend auf Burg Ranis.

Ranis/Krölpa. "Er hat zwar gesagt, dass er kein Lehrer ist. Dabei hat er es so gut gemacht", sagte gestern Klassenlehrerin Ingrid Herrmann vor den 19 Erstklässlern der Grundschule in Krölpa. Zuvor hatte ihnen Schriftsteller Reiner Kunze eine besondere Unterrichtsstunde geboten. Er ließ von den Mädchen und Jungen Begriffe erraten, die er an die Tafel schrieb und daraus Reime entstehen ließ. Am Ende erklärte er den Schülern, dass es nur über das Lesen funktioniere, wenn sie selbst schreiben lernen wollten. "Lesen, lesen, lesen" lautete die Botschaft des prominenten Autors, der in einer Klasse zum Auftakt der Kinderliteraturtage las. Zum Abschied stellte er kurz die Entstehungsgeschichte des Buches "Das Kätzchen" vor und überließ der Klasse einen Rohentwurf des Buches. Mit den darin enthaltenen Zeichnungen sollen die Kinder selbst nach Herzenslust im Unterricht basteln.

"Es ist eine glückliche Fügung, dass wir Reiner Kunze 20 Tage nach seinem 80. Geburtstag zweimal bei uns begrüßen können", sagte Martin Straub, Ehrenamtsvorsitzender des Vereins Lese-Zeichen e."V., am Donnerstag auf der Burg. "Es ist sozusagen ein Geschenk an unseren Verein zu dessen 15."Geburtstag", sagte der Germanist.

Die Lesung mit Reiner Kunze auf der Burg lockte viele auswärtige Gäste, darunter einige Literaturfreunde aus Weimar.

"Die Lesung war sehr schön. Ich habe ihn zum ersten Mal gesehen. Mein Bruder hatte mir einst viel von ihm erzählt", schwärmte Petra Wöllner aus Moxa. Die Lehrerin der Grundschule sah ihn gestern ein zweites Mal in Krölpa, von wo aus er sich mit dem eigenen Pkw zur nächsten Lesung nach Köln verabschiedete.

"Ich habe oft von ihm in der Zeitung gelesen und mir gesagt: Wenn er schon einmal in der Gegend liest, dann muss man auch hin", sagte Besucher Andreas Herklotz aus Weltwitz.

Auf die Burg gefunden hatte auch die Raniserin Sabine Brettschneider, die vor allem die Textsammlung "Die wunderbaren Jahre" von ihm mag und ins Schwärmen geriet: "Er ist in der Lage, mit wenig Wörtern viel auszudrücken. Er hat eine präzise Sprache und ist in der Lage, die Seele zu berühren." Kunze gewährte in Ranis Einblicke in diese Kunst und gab Anekdoten über sein Leben preis. Er erzählte vom Märchenbuch "Der Löwe Leopold", das 1970 nur für die damalige Bundesrepublik geschrieben wurde und dessen Fassung für die DDR eingestampft werden musste, weil die Erzählweise versteckte Kritik am Arbeiter- und Bauernstaates verriet. Doch wenn Kunze, der 1977 einen Ausreiseantrag stellte und in die BRD übersiedelte, heute erzählt, dann nicht im Groll. Der Schriftsteller lässt vielmehr seine Werke sprechen, die sich an Erwachsene und an Kinder richten.

Warum seine Kinderbücher oft im Alter ansprechen, erklärt er so: "Kinderbücher sollten immer zwei Ebenen haben: Eine für das Kindesalter und immer auch einen Rest Kinderseele, wenn das Kind die 80 erreicht hat."

Und Reiner Kunze, dessen literarische Werke in 30 Sprachen übersetzt worden sind, verriet, warum es für ihn nichts Schwierigeres gibt, als für Kinder zu schreiben: "Für Kinder zu schreiben heißt, sie auf die Tragik des Lebens vorzubereiten, ohne sie dabei traurig zu machen." Deshalb müsse man sie vor allem beglücken.

"Kinder sind Kinder ihrer Zeit und die Zeiten sind immer verschieden", sagte der Autor und Übersetzer, der zum wiederholten Mal in Ranis las und sich für die Einladung bedankte. Und er schloss mit einer Botschaft, die einen Bogen zu den Kinderliteraturtagen in Krölpa spannte: "Die Kinder sind in großer Gefahr, weil sie unter einer Dauerflut von fertigen Bildern leiden", weiß er durch die Begegnungen mit vielen jungen Menschen und will den Kindern und ihren Eltern eine Alternative bieten. Deshalb sind seine Werke noch immer sehr gefragt.