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04.11.2017

Ranis: Gedichte kommen wie Lieder daher

von Marko Kruppe Ostthüringer Zeitung

Simone Scharbert, versunken in ihren Texten, dirigiert ihre Gedichte wie Lieder. Foto: Marko Kruppe

Ranis. Lyrik-Lesungen sind nicht immer einfach. Weder für die Lesenden, noch für die Zuhörenden. Kaum, dass sich die Wirkung eines Gedichtes aufbaut, ist sie auch schon wieder zusammengefallen, weil das nächste Gedicht folgt. Kaum, dass der Zuhörer sich auf ein Wortwerk eingelassen hat, endet dies schon und das nächste beginnt. So ist es oft schwer, sich in einzelne Texte zu vertiefen, was schade ist, denn ein Gedicht ist die Fotografie des Seins in einem winzigen Moment. Dies festzuhalten ist eines, es lesend zu präsentieren ein anderes.

Am Donnerstagabend wiesen die Lyrikerinnen Kerstin Hensel und Simone Scharbert auf den Literatur- und Kunstburg Ranis nach, dass es auch anders sein kann. Während die in Berlin lebende Kerstin Hensel eher humorvolle Gedichte aus ihrem aktuellen Band „Schleuderfiguren“ las, konzentrierte sich das nunmehr dritte „Raniser Debüt“, Simone Scharbert, auf ihr im Rahmen dieses Stipendiums entstandenes Werk „Erzähl mir vom Atmen“. Filigran beleuchtete die Lyrikerin, die in der Nähe von Köln lebt, die Beziehungen zwischen Körper, Raum und Materie. Das ist ein Thema, das zunächst wenig mit Ranis in Verbindung zu stehen scheint. Doch auf die Frage des Lesungsmoderators und Lektors Helge Pfannenschmidt, wie viel Ranis in den Gedichten stecke, antwortete Simone Scharbert: „Ranis ist ein starker Fixpunkt. Alles in diesem Band hat irgendwie mit Ranis zu tun. Nicht unbedingt nur geografisch, sondern auch und vor allem mit den Menschen, die ich hier traf.“

In einem ihrer oft recht kurzen Gedichte ging sie auf die nächtliche Schwärze in der Burgstadt ein: „Der Ort hat sich eingewickelt..., jemand trug wohl die Straße weg, oder rollte sie wie einen Teppich ein.“ Das Sprachspiel nimmt wohl die fehlende Straßenbeleuchtung auf. So konstruierte die 1974 in Aich­ach geborene Schriftstellerin ein lyrisches, ja fast soziologisches Werk, das sich mit Reibungen zwischen den Menschen, mit Berührungspunkten und der Frage beschäftigt, wo das Ich endet und das Du beginnt.

Nicht nur die zart wirkende Stimme Scharberts zog die Zuhörenden in ihren Bann, sondern auch die feinen Unterstreichungen durch Gestik und Mimik. Jedes Gedicht wurde so beinahe zum Lied, das die Lesende selbst dirigierte. Sie war tief drin in der Welt ihrer Texte, aus der sie wie eine Berichtende sprach. Auf diese Weise ließ sie eine ebenso zerbrechliche Atmosphäre entstehen, wie ihre Gedichte eher zerbrechlich wirken.

Die gut dreißig Gäste lauschten gefesselt beiden Lyrikerinnen und man war fast schon enttäuscht, als Pfannenschmidt den Abend nach gut eineinhalb Stunden beendete. „Ich bin von beiden Autorinnen sehr angetan“, bekannte Peter Peukert aus Neustadt nach der Lesung. „Ich finde den hintergründigen Humor Kerstin Hensels sehr gut. Simone Scharbert habe ich schon einmal gehört, aber es war einmal mehr ein Genuss, denn sie liest sehr eindrucksvoll.“