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06.12.2005

Offene Zeit

von Henryk Goldberg Thüringer Allgemeine

Der Thüringer Kulturpreis an Amateure - eine Aussage über das Kulturland

Der Thüringer Kulturpreis erzählt viel über die Beschaffenheit der viel gerühmten Thüringer Kulturlandschaft. Denn er wird so gut wie nie an praktizierende Berufskünstler vergeben.

Diesen wichtigsten Kulturpreis, den der Freistaat zu vergeben hat, erhalten in der Regel Kollektive, manchmal auch ein Galerist. Im vergangenen Jahr die Helfer der Anna-Amalia-Bibliothek, sonst gerne Amateurtheater oder Anreger kulturpolitischer Initiativen. Der Gedanke dahinter, der zutreffende Gedanke, ist der, es möchten die verfügbaren praktizierenden Künstler, die einen solchen Preis tragen könnten ohne ihn zu desavouieren, schnell aufgebraucht sein.

Die diesem Preis also mittelbar eingeschriebene, sagen wir: Zurückhaltung gegenüber dem zeitgenössischen Thüringer Kunstschaffen wurde vielleicht noch nie so offenbar wie in diesem Jahr, als der Preis gestern in der Staatskanzlei von Kultusminister Jens Goebel überreicht wurde. Denn man wollte, nachvollziehbar, im Schillerjahr Menschen ehren, die Schiller ehrten. Und verfiel auf Schüler und ein Amateurtheater. Das will, nicht einmal im Ansatz, keineswegs die Leistungen des Bauerbacher Naturtheaters und der Weimarer Gymnasiasten gering achten, im Gegenteil sieht der Autor beide Gruppen mit viel Respekt. Es will aber doch sagen, es sei schon ein Umstand, dass einem gelegentlich des Schillerjahres in Thüringen halt die engagierten Arbeiten von Amateuren einfallen. Auch wenn der Laudator Heinz Stade, regelmäßiger Autor dieser Zeitung, der die einstige Anwesenheit Schillers in eben diesem Saale erinnerte, die belegbare touristische Attraktion dieses Schillerjahres würdigte, so ist dessen künstlerischer Ertrag wohl eher zurückhaltend zu bewerten.

Die Gymnasiasten brachten in Weimar Schiller auf die Straße, die Bauerbacher auf die Bühne, dem gleichsam Thüringer Oberammergau gelang in diesem Jahr nun endlich die Hinzuziehung einer Jungfrau. Und zwei Rapper, die die relativ muntere Veranstaltung einrahmten, demonstrierten, dass mit ein wenig Kreativität Schiller auch für die Jugendkultur sozusagen gecovert werden kann.

Jens Goebel, der ankündigte, die Pause zwischen der eröffnenden und abschließenden Rapperei mit Wortbeiträgen überbrücken zu wollen, hatte bei aller Entspanntheit, die der Amateur-Schauspieler pflegt, kein leichtes Amt. Denn die Tradition will es, dass der jeweilige Kulturminister, wie immer sein Amt gerade heißen mag, bei dieser Gelegenheit eine Art von kulturpolitischer Bilanz zieht und einen Ausblick gibt. Die Bilanz ist immer und grundsätzlich freundlich, das wäre nur zu ändern durch einen vorausgegangenen grundhaften Regierungswechsel, der Ausblick immer relativ unpessimistisch. Es ist nur so, dass die Dinge sich nicht ändern, nur, damit ein Minister etwas Neues zum Sagen hat. So Und so bekräftigte Goebel, im Nachvollzug seines Kulturkonzeptes, dass es "Verwerfungen" gäbe im Kulturetat, dass die Zuwendungen nicht steigerbar seien und also die Theaterförderung, zu Gunsten anderer Bereiche, zu reduzieren sei. Und da bei dieser Gelegenheit eher "andere Bereiche" zuhören, gibt es da kaum Gegenwind.

Die Klassik Stiftung Weimar, so Goebel, müsse sich "weit nach außen öffnen", was wohl meinen muss, sie sei noch nicht ganz so weit. In seiner Bilanz nannte Goebel die anstehende Sanierung von Schloss Ettersburg durch das Bildungswerk Bau beispielhaft - in der Tat handelt es sich wohl eher um eine Art von Rettung in letzter Minute, die notwendig wurde, weil alle inhaltlichen Konzepte, die hier entworfen wurden, schließlich scheiterten.

Bei alledem soll nicht vergessen sein, ungekürzt den Preisträgern zu danken und denen, die sie zu ihrem Tun anregten und es ermöglichten, durch Zuwendungen geistiger und materieller Art. Auch das, die Stimulierung, ist ein Effekt solcher Jubiläumsjahre.

Jens Goebel gebrauchte den Begriff der "offenen Zeit", den Rüdiger Safranski für Freiheit setzt. Offene Zeit ist aber auch ein Fachbegriff, der die Zeit beschreibt, die vergehen darf vom Auftragen eines Klebemittels bis zum Zusammenbringen der miteinander zu verbindenden Teile. Setzt man, das handwerkliche Bild keck fürs Geistige reklamierend, Schiller gleichsam als das Klebemittel um Weimar und Thüringen fest, fester mit einem geistigen Anspruch, einer intellektuellen Austrahlung zu verbinden, dann betrug diese offene Zeit ein Jahr. Ob die erwähnten Teile nach dieser offenen Zeit so sehr viel fester verbunden sind, das wollen wir einmal zurückhaltend eine offene Frage nennen.

In seiner Bilanz erinnerte der Minister würdigend, mit allem Recht, an Malliol in Apolda und Rodin in Jena. Schiller in Weimar, etwa in Gestalt einer großen, lockenden Ausstellung, erwähnte er nicht. Und auch das: mit allem Recht.