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13.12.2006

Muschelkalk nach der Postmoderne

von J.- F. Dwars Thüringer Allgemeine

Dass ein Energieversorger in geistige Energien investiere, lasse hoffen. Damit eröffnete gestern der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. die Präsentation des neuen Jahrgangs der Edition "Muschelkalk" im Weimarer Goethe-Institut.
THÜRINGEN. Als ?Thüringen-Bibliothek? von Wulf Kirsten begründet, umfasst die Edition nunmehr 21 Bände, die auf schönste Weise Breite und Vielfalt heutiger Literatur im Freistaat vermitteln. Schon das ist erstaunlich genug. Aber nicht nur die Quantität beeindruckt, Qualität ist das Entscheidende: Allein vier Bände - von Wolfgang Haak, Jan Röhnert, Holger Helbig und Daniela Danz - wurden bereits mit Literaturpreisen bedacht, die meisten davon waren Debüts.
Der Debütband des neuen Jahrgangs stammt von Dirk Rose. Schon sein Titel setzt eine Zäsur: ?Nach der Postmoderne?. Sagt Ihnen das Schlagwort noch etwas? Vor 10, 15 Jahren war es chic, postmodern zu sein. Die Moderne hatte sich erledigt, Emanzipation ausgedient. Man sah nur noch eine Wiederkehr des Immergleichen, alles wurde zum Zitat. Anything goes, es lebe die Beliebigkeit! Irgendwann aber hatten die Leute sie satt, diese austauschbare Coolness. Die Sehnsucht nach Tieferem brach auf, nach Werten, nach Verbindlichem. Und was ist verbindlicher als die Sprache, die vergangenes Leben für künftiges zu bewahren vermag. Auf diese Kraft des Wortes vertraut auch Dirk Rose. 1976 in Apfelstädt geboren, promoviert der Lyriker nebenbei in München - über seinen Kollegen Menantes aus dem Nachbarort Wandersleben.
Das Debüt des zweiten Autors liegt etwas länger zurück. 1987 hat Frank Quilitzsch seinen ersten Erzählband veröffentlicht. Die Titelgeschichte des neuen Buchs knüpft daran an: ?Begegnung mit einer Prinzessin?. Vertiefung durch Rückgriff auf scheinbar Abgelegtes, auch das gehört zum Neubeginn nach der Postmoderne. Ebenso wie das Tagebuch, das er 1990 als Deutschlektor in China schrieb: ein Reflex der ?Wende? aus 11000 Kilometern Entfernung, Nähe durch Distanz. Die Erzählung ?Glück auf Raten? schließt den Band ab.
Mit dem dritten geht die Reihe in ihre Anfänge zurück. Den aller ersten Band hatte 1997 Harald Gerlach geliefert. Nun hat ihm der Herausgeber, Kai Agthe, auch den jüngsten gewidmet: ?Gelassener Schritt am Rande des Abgrunds?. Ein Essay über ?Goethe oder wie man mit Krisen leben lernt?, der posthum, zum fünften Todestag des Dichters aus dessen Nachlass erscheint. Weder Beweihräucherung des Klassikers, noch dessen Demontage, sondern eine Wahrnehmung seiner Lebenskunst, aus der Niederlage, aus den Momenten der Schwäche, die Kraft für den eigenen Weg zu schöpfen.
So schön diese Abrundung der Reihe nun erscheint, hoffen wir doch, daß der jüngste nicht zugleich auch ihr letzter sein werde. Dank der E.ON Thüringer Energie AG und dem Thüringer Kultusministerium, ohne die es diese Edition nicht gäbe.
Edition Muschelkalk, hrsg. von Kai Agthe, Wartburg-Verlag Weimar, je 11,00 Euro.