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09.09.2017

„Man muss auch mal 20 Seiten lang einer Person folgen wollen“

von Marko Kruppe Ostthüringer Zeitung

Clemens Meyer konzentriert in Ranis.Foto: Marko Kruppe

Ranis. Zum Auftakt der Herbstsaison der monatlichen Lesungen auf der Literatur- und Kunstburg Ranis hat sich der Lese-Zeichen e. V. keinen Geringeren als den Leipziger Schriftsteller ­Clemens Meyer eingeladen, der 2006 mit seinem Debütroman „Als wir träumten“ von Null auf Hundert in die Bestsellerlisten der deutschen Literatur aufstieg. Seither veröffentlichte der 1977 in Halle geborene Schriftsteller neben Romanen auch Kurz­geschichten, er schreibt Theatertexte und ist auch im Bereich der bildenden Kunst aktiv. „Als wir träumten“ wurde 2015 verfilmt.

„Die stillen Trabanten“ ist Meyers jüngstes Buch, das er in Ranis vor mehr als fünfzig Interessierten vorstelle. Dabei las er Auszüge aus zwei der insgesamt neun Erzählungen und drei Miniaturen – und wusste von Anfang an, das Publikum in seine Storys mitzunehmen, ohne ­dabei großen Aufwand zu betreiben. So gelang es ihm, seine Hörer ganz sacht in eine Leipziger Bahnhofskneipe zu führen, und eh man sich‘s versah, saß man mittendrin, lauschte den beiden Protagonistinnen, die sich zufällig trafen und über nur scheinbare Belanglosigkeiten reden. Man wurde buchstäblich Zeuge eines vorsichtigen Annäherns zweier Frauen, folgte ihnen dann durch die Bahnhofshalle – und wurde dann stehen gelassen. Allerdings blieb keine Leere zurück – vielmehr ein Nachdenken.

Die Beschreibungen des Leipziger Schriftstellers sind sehr intensiv. Er nimmt sich Zeit, und die verlangt er auch vom Leser. „Man muss auch mal zwanzig Seiten lang einer Person folgen wollen“, sagte Meyer. „‘Stille Trabanten‘ ist, wie der Titel schon sagt, ein stilles Buch.“

Auf die Frage, wer oder was die stillen Trabanten seien, antwortete Meyer zunächst, dass die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Onlineausgabe in einem Artikel über das Buch ein Foto abgedruckt habe, das einen Trabant zeigt. In der Bildunterschrift habe „Ausgeschlachteter Trabant 1992“ gestanden. Es gehe aber weniger um Autos, witzelte Meyer, vielmehr um den Vergleich zwischen den Himmelskörpern, die sich auf ihren Umlaufbahnen immer wieder treffen, ohne sich zu berühren, und den Menschen, denen es genauso ginge. Solche Berührungen beschreibt Clemens Meyer in seinem neuen Buch.

Die Interviews zwischen den vorgetragenen Texten waren quasi wie Oasen, da konnte man etwas entspannen angesichts der Intensität des Vorgetragenen. Literaturburg-Manager Ralf Schönfelder und Clemens Meyer sprachen beispielsweise über das aktuelle Buch und den Bezug zum Debütroman „Als wir träumten“. Es sei tatsächlich eine Art Rückkehr, bestätigte Meyer, aber mit anderen Augen. Alles sei verschwunden, aber trotzdem immer da.

Meyers Publikum in Ranis war aufmerksam, hin und wieder zwar unruhig, und doch gefesselt. Man hört ihm gern zu. Seine professionelle Art des Vorlesens eröffnet das Bedürfnis, das Buch selbst zu lesen. „Das war Clemens Meyer, wie man ihn kennt“, sagte beispielsweise Mario Keim aus Ranis nach der gut anderthalbstündigen Lesung und fügte hinzu: „Ich höre ihn nun zum dritten Mal hier in Ranis und finde es auch interessant, wie er sich entwickelt hat.“