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10.06.2017

Literatur- und Autorentage in Ranis: Plädoyer für mehr Demut

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Sie diskutierten auf Burg Ranis über "Thesen für die Zukunft": Schriftstellerin und TV-Moderatorin Thea Dorn (links), Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder sowie Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt. Foto: Ulrike Merkel

Ranis. In seinen legendären 95 Thesen kritisierte Martin Luther die Missstände seiner Zeit. 500 Jahre später wollten Hauke Hückstädt und Friederike von Bünau eine zeitgemäße Fassung des Thesenanschlags auflegen. Sie baten 95 teils prominente Akteure der Politik, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion, ihre eine, ganz persönliche These zu den gesellschaftlichen Auswüchsen unserer Zeit zu formulieren und auf zwei Seiten zu erklären. Herausgekommen ist das Buch "95 Anschläge – Thesen für die Zukunft", zu dessen Autoren Schriftstellerin Thea Dorn und Unternehmerin Sina Trinkwalder gehören. Gemeinsam mit Herausgeber Hückstädt diskutierten die Damen am Donnerstag zum Start der 20. Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis über Werte, Diskriminierung, Technikhörigkeit und digitale Entwurzelung.

Zuvor allerdings spannte der veranstaltende Lesezeichen e.V. seine zahlreichen Gäste mächtig auf die Folter. Im festlichen Teil zum Jubiläum würdigten zunächst Honoratioren wie Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ausgiebig den Verein und sein besonderes Festival. Seit 1998 trägt der Lesezeichen e.V. Literatur in den ­ländlichen Raum wie dem Saale-Orla-Kreis.

Die anschließende Diskussionsrunde bot spannende Denkanstöße. Autorin und TV-Moderatorin Thea Dorn ("Das Literarische Quartett") plädierte angesichts unseres maßlosen Erfindergeistes und Technologieglaubens für eine Renaissance der Demut. Ihre schriftlichen Ausführungen lässt sie mit dem zeitlos schönen Zitat Franz von Assisis enden: "Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen."

Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder kritisierte die anonyme Struktur unseres Wirtschaftssystems. Großkonzerne gehörten Aktionären, die an Gewinnoptimierung interessiert seien, nicht aber am Produkt, geschweige denn an den Mitarbeitern. Die Mitarbeiter wiederum hätten infolge globaler Konzernstrukturen den Bezug zu ihren Unternehmen verloren. Die Folge: Eine asoziale Welt.

Mit ihrer Textilfirma "Manomama", die Menschen beschäftigt, die auf dem klassischen Arbeitsmarkt keine Chance hätten, steuert Trinkwalder bewusst gegen.

Neben den eigenen Thesen präsentierten Hückstädt, Dorn, und Trinkwalder auch die Gedanken anderer Autoren. Etwa ZDF-Moderator Harald Lesch ("Leschs Kosmos"), der ursprünglich anstelle von Trinkwalder nach Ranis kommen sollte, wird mit dem treffenden Statement zitiert: "Gewinne werden heute individualisiert, Verluste sozialisiert."

Zur Literaturtage-Eröffnung gehört traditionell eine Vernissage. Diesmal präsentiert das Festival Werke der Jenaer Holzkünstlerin Jenny Eichler, die unter anderem Fotomotive vom Tahrirplatz und der Ukraine auf Intarsien-Bilder überträgt. Zudem zeigt die Kolumbianerin Ana Maria Vallejo einen experimentellen Kurzfilm sowie Collagen. In beiden Kunstformen greift die Dozentin der Weimarer Bauhaus-Uni auf alte Postkarten, Fotos, Briefe, Zeitschriften und Landkarten vom Flohmarkt zurück, deren Eigentümer wohl längst verstorben sind. Ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt, versucht sie den Fundstücken durch Neuarrangements neuen Sinn zu geben.

Zur Hochform laufen die Raniser Autorentage heute und morgen auf: 13 Veranstaltungen, unter anderem mit Denis Scheck und Andrea Sawatzki, locken auf die Burg Ranis.