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21.02.2011

Wulf Kirsten: Eine Arche für die Dichter

von Frank Quilitzsch TLZ

Lyriksammler aus Leidenschaft: Der Schriftsteller Wulf Kirsten in seinem Arbeitszimmer in Weimar. Foto: Peter Michaelis

Mit der neuen Lyrik-Anthologie "Beständig ist das leicht Verletzliche" aus dem Fischer-Verlag wird ein versunkenes Zeitalter besichtigt.

"Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / in allen Lüften hallt es wie Geschrei ..." Für Jakob van Hoddis Gedicht "Weltende" kann sich der Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten noch immer begeistern. Vor zwölf Jahren folgte er mit einer Schar Gleichgesinnter dessen Spuren in Thüringen und gab das Essay-Bändchen "Wandern über dem Abgrund" heraus. Schon immer hat sich Kirsten, der selbst ein Dutzend Lyrik- und Prosabände veröffentlicht und renommierte Literaturpreise bekommen hat, brennend für die Poesie anderer interessiert und sich auch als Herausgeber betätigt. In seinem jüngsten Werk, einer Gedichtauswahl, kommt van Hoddis gleich sechs Mal vor. Doch dieses hier ist kein schmales Bändchen, sondern eine Wucht. Ich hieve das Kompendium aus meinem Rucksack und lege es auf den Tisch. Ein Spruch von Oskar Loerke gab ihm den Titel: "Beständig ist das leicht Verletzliche" - Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan.

Ein Lebenswerk, das in den 60ern begann

Das Buch hat 1119 Seiten und wiegt fast zwei Kilo. Keine Bettlektüre. Eine Welt aus Versen blättert sich auf. Die kolossale Beispielsammlung aus bekannten und wiederentdeckten Gedichten, gespickt mit erstaunlichen Fundstücken, stellt jede kanonische Festschreibung in Frage. Ein weiter Bogen wird da geschlagen, von Friedrich Nietzsches "Ecce homo" von 1881/82 mit dem euphorischen Schlussvers "Flamme bin ich sicherlich!" bis zu Paul Celans "Todesfuge" von 1945, in der es heißt: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Dazwischen viele Expressionisten, große Namen wie Rilke, Benn, Becher, Lasker-Schüler, Brecht, Huchel, Randfiguren wie Theodor Kramer oder Hugo Sonnenschein und weithin Unbekannte wie Ernst Bertram, Hermann Plagge oder Georg Kafka (ein Verwandter des berühmten Franz), der seiner Mutter 1944 freiwillig nach Auschwitz folgte, wie man aus dem Anhang erfährt. Noch nie wurde diese Zeit der politischen und literarischen Umbrüche so umfassend und vielstimmig in einer Lyrik-Anthologie dargestellt wie in dieser "Genesis der Moderne".

Ein Lebenswerk? Der Herausgeber nickt. Der Band hat eine 30-jährige Geschichte, und die Anfänge liegen noch länger zurück. Viele Gedichte habe er schon zwischen 1957 und 1964 zusammengetragen, erzählt der heute 76-Jährige. In der Deutschen Bücherei in Leipzig schrieb er sieben Jahre lang die Verse aus Erstausgaben mit der Hand ab. "Es gab ja noch keine Kopierer. Aber das Abschreiben erwies sich immer wieder als Prüfstein für die Qualität eines Gedichts." Und diese ist ihm genauso wichtig wie der gesellschaftliche Kontext, in dem es steht. So wuchs, Blatt für Blatt, der Grundstock für die spätere Anthologie - eine Sammlung von Typoskripten. "Kaum einer meiner Bücherwünsche, literarische Zeitschriften eingeschlossen, wurde mir in Leipzig verwehrt", erinnert sich Kirsten, der die Deutsche Bücherei "meine zweite Universität" nennt. "Ich hatte ein Mauseloch gefunden, aus dem ich aus der DDR hinauszublicken vermochte ins Weltläufige."

Geplant war eine zweibändige Anthologie beim Aufbau-Verlag, ähnlich der drei Prosabände "Deutschsprachige Erzählungen 1900-1945", die er zusammen mit Konrad Paul herausgegeben hatte. "In der DDR wäre das eine Sensation gewesen", schwört Kirsten. Doch dann kam die Wende, und obwohl das Projekt weitgehend abgeschlossen war, sprang der Verlag plötzlich ab. Niemand interessierte sich mehr für die 2000 auf der "Erika"-Schreibmaschine ins Reine getippten Gedichte. "Ich wollte das Manuskript schon im Fluss versenken. Doch dann wurde ich von Ammann aufgefischt."

Der gleichnamige Schweizer Verlag übernahm Wulf Kirsten als Autor und konnte sich später auch für das Kompendium erwärmen, das noch manche Erweiterung erfuhr. Kirsten nutzte die gewonnene Reisefreiheit, um seine Sammlung in Marbach, Bukarest und Salzburg, wo er 1992 Stadtschreiber war, zu ergänzen. Anregungen und Hinweise kamen von Kollegen und Freunden, vor allem von Peter Hamm und dem aus der Bukowina stammenden Lyriker Alfred Kittner, der 1991 verstarb und dem der Band gewidmet ist. Aber nochmals schlug das Schicksal zu: Kurze Zeit nach Erscheinen des Bandes wurde der Ammann-Verlag in Zürich geschlossen.

 

Doch das Kind ist auf der Welt, und die Resonanz auf sein Erscheinen positiv. "Es ist nicht weniger als das lyrische Porträt einer Epoche, im Wortsinne eine sinfonische Dichtung", lobt die Frankfurter Allgemeine. Die Süddeutsche Zeitung feiert den polyphonen Band als "Arche für die Verschollenen". Tatsächlich will Kirsten zu unrecht vergessene Dichter bewahren und verhindern, dass noch weitere wichtige Stimmen über Bord gehen. Bei ihm sind proletarisch-revolutionäre Autoren wie Erich Weinert ebenso vertreten wie ein Josef Weinheber, der sich später mit dem Nationalsozialismus eingelassen hat. Überrascht haben ihn "junge Leute, die unter barbarischen Verhältnissen zarte Lyrik schrieben", bekennt der Herausgeber: Gertrud Berninger etwa oder Walter Doerner, der mit 26 Jahren im KZ Mauthausen umgekommen ist. Erschütternd zu lesen, dass viele Expressionisten im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Andere Dichter - neben van Hoddis auch Gertrud Kolmar, Arno Nadel, Fritz Löhner und der kaum bekannte Arthur Silbergleit - endeten während der NS-Diktatur in deutschen Vernichtungslagern.

Das Lyrische, der Lärm und die Leere

Ein Zeitalter wird besichtigt, eine Epoche, in der der Poet noch "Blitz" und "Erwecker" sein wollte oder im Kaffeehaus dem Zeitgeist nachspürte, als das Gedicht noch seinen festen Platz in der Tagespresse hatte und in proletarischen Klubs öffentlich deklamiert wurde. Und heute? Als hätte er auf diese Frage gewartet, liest Kirsten laut vor: "Die lyrische Generation von heute steht vor verschlossenen Türen. Keine einzige Zeitschrift mehr, die dem Lyrischen Wert und Wichtigkeit gibt. Kein Verleger, der nicht vor einem Versbuch erschrickt. (...) Alles Lyrische ist heute innerhalb Deutschlands in einen Lärm oder in eine Leere hineingesprochen."

Man denkt an den Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, doch das Zitat stammt von Stefan Zweig und ist beinahe hundert Jahre alt. Schon damals, unmittelbar nach Rainer Maria Rilkes Tod, hatten Dichter die Gleichgültigkeit gegenüber dem Gedicht beklagt. Doch Kirsten, der auch in unserer Zeit großartige Talente sieht, konstatiert einen gravierenden Unterschied: "Die heute immer häufiger genutzten Ausweichmöglichkeiten, Gedichtbände als Privatdrucke oder mit Druckkostenzuschuss selbst mitzufinanzieren, können als Indiz genommen werden, dass Lyrik auf dem Wege ist, zur Privatsache zu verkümmern." Für ihn, der sich wie kein anderer seiner Zunft in die literarische Epoche von 1880 bis 1945 vertieft hat, birgt die Auswahl einen Reichtum, der noch erweitert werden könne. "Diesen Reichtum sehe ich heute nicht mehr."

Kurz vor Ende unseres Gesprächs meldet sich am Telefon der Frankfurter S.Fischer-Verlag, der das Programm von Ammann übernommen hat. Ja, auch die Lyrik-Anthologie werde über S.Fischer weiter vertrieben, freut sich Wulf Kirsten. Sein Kind bleibt in treuen Händen.

Wulf Kirsten (Hg.): "Beständig ist das leicht Verletzliche" - Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan, S.Fischer-Verlag, Frankfurt/Main, 1120 S., 79.95 Euro