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26.05.2012

Kirsten bleibt sich im neuen Gedichtband "fliehende ansicht" treu

von Kai Agthe TLZ

Auch wenn der neue Band Aussichten aus dem fahrenden Zug bietet, am liebsten ist Wulf Kirsten zu Fuß unterwegs. Foto: Peter Michaelis

Als rastloser Wortbewahrer bleibt Wulf Kirsten sich auch in seinem neuen Gedichtband "fliehende ansicht" treu.

 

Im Jahr 2004 erschien zu Wulf Kirstens 70. Geburtstag im Ammann-Verlag Zürich mit "erdlebenbilder" ein in Halbleinen gebundener und mit transparentem Plastikumschlag umhüllter Band mit Gedichten aus einem halben Jahrhundert. Andeutungen des Weimarer Dichters gaben seinerzeit Anlass zu der Vermutung, dass er sein lyrisches Werk mit dieser prächtigen Publikation als abgeschlossen betrachtet haben könnte. Nun aber legt Kirsten - der zuletzt die opulente Anthologie "Beständig ist das leicht Verletzliche - Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan" herausgab - neue Lyrik vor. Da der Ammann-Verlag seine Tätigkeit jedoch 2010 einstellte, erscheinen Kirstens Gedichte nun im S. Fischer Verlag. "fliehende ansicht" enthält 60 Gedichte, die zwischen 2005 und 2009, in der Mehrheit aber erst 2011 entstanden. Das lyrische Terrain, das Kirsten hier absteckt, ist - auch wenn es nicht mehr die Dominanz wie in früheren Gedichtbänden haben mag - einerseits Sachsen, wo Kirsten Kindheit und Jugend verbrachte, und andererseits Thüringen, wo er seit langem lebt. Seine Lyrik der letzten Jahre ist nachdenklich, melancholisch, aber auch politisch engagiert, manchmal aufbrausend, auf jeden Fall aber unversöhnlich in Richtung Zeitgeist gesprochen. Formal ist sich der Weimarer Dichter treu geblieben. Kirsten verzichtet, von Eigennamen abgesehen, generell auf Großschreibung. Punkte setzt er fast nur am Ende. Seine freirhythmischen Gedichte sind vor allem aus einstrophigen Textblöcken gebaut. Bisweilen sind auch aus Zweizeilern gesetzte Gedichte auszumachen, die sich, wie etwa "denkfiguren" und "lebenslagen", bisweilen reimen und sogar humoristisch sind. Letzteres etwa hebt an: "ach, die geister, die ich laut um Hilfe rief, / preisen das nullwachstum zum nulltarif."

Verfallende Bahnhöfe

Die Sammlung ist chronologisch geordnet. Das erklärt auch, warum das 2005 entstandene Titelgedicht am Anfang steht. "fliehende ansicht" ist eine Impression jener Landschaft, in der die Ilm in die Saale und Thüringen in Sachsen-Anhalt übergeht, wo die Burgen Saaleck und Rudelsburg den damaligen Studenten und späteren Kunsthistoriker Franz Kugler 1826 zu seinem wiederholt vertonten Gedicht "An der Saale hellem Strande" inspiriert haben. Wulf Kirsten zeigt uns, derweil wir mit ihm im Zug vorbeifahren und die Aussichten rasant wechseln, u. a. das einstige Wohnhaus des Architekten und Rassentheoretikers Paul Schultze-Naumburg im Schatten von Burg Saaleck (auf der sich 1922 auch die Walther-Rathenau-Attentäter versteckt hatten). Er erinnert ferner daran, dass in der Bahnhofsrestauration von Bad Kösen in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts auch ein Schüler der nahen Landesschule Pforta, Friedrich Nietzsche mit Namen, mehrere Seidel Bier, also einen über den Durst trank. Die abgeschriebenen Bahnhöfe und ruinösen Gleisanlagen, die an dem lyrischen Ich vorbeifliegen, sind dem Verfall preisgegeben. Diesem verweigern sich allein die Türme der Dorfkirchen links und rechts der Eisenbahnstrecke "hocherhobenen fingers" und preisen die Seligkeit "nach eigener fasson".

Wulf Kirsten ist aber nicht nur ein wunderbarer Landschaftssprachbildner, sondern auch ein genau beobachtender Lyriker des Jahreslaufs. Das zeigen eindrücklich Texte wie "dezembermorgen", "ende april", "eingewintert" und "dunkel", ein Novembergedicht. Und wie andere auf den Barometerstand, blickt Kirstens lyrisches Ich in Richtung Ettersberg, dem mit Goethe und Buchenwald verknüpften Weimarer Hausberg. Er beweist in diesem Gedichtband auch, warum ihn Karl-Markus Gauß einen "Chronisten des verschollenen Alltags! nennt. Weil Wulf Kirsten ein Repertoire von Wörtern im Bestand hat, die nicht mehr Gemeingut sind und von ihm in seinen Gedichten wie in einem Schatzkästlein verwahrt werden: "spinnengekrakel & netzgehakel", "schubkärrner" und "besenbinderseelen" gehören da ebenso hinein wie "zuvörderst", "fernerhin" und das schöne Verb "gaudern". Zuletzt hat er ein ganzes Gedicht dem Nachsinnen über lexikographische Archaismen gewidmet. Die "zwei worte" im gleichnamigen Text sind "trübedimpelig" und "bedript".

Weggefährten im Porträt

Mit Porträtgedichten, von denen in seinen Gedichtbänden stets mehrere zu lesen ist, würdigt Kirsten u.a. Friedrich Hölderlin, den zehn Jahre nach seinem Tod leider schon längst vergessenen Dichterfreund Harald Gerlach (1940-2001) sowie den aus der Kindheit vorbeischauenden Land(s)mann Oswin Beyrich - allesamt Gestalten unserer Weltgeschichte, die sich in ihrem Bekanntheitsgrad nur graduell voneinander unterscheiden. Schön, dass man von Wulf Kirsten - der mit den Essay-Sammlungen "Gegenbilder des Zeitgeists - Thüringer Reminiszenzen" (2009) und "Brückengang" (2010) zuletzt vor allem als Prosa-Autor zu erleben war - nun wieder Gedichte lesen kann!

Wulf Kirsten: fliehende ansicht. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 78 S., 16.99 Euro