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25.06.2012

Junge Sprachakrobaten mit großer Sprengkraft

von Milina Hahn In Süd Thüringen.de

Meiningen - Was ist "Raw Poetry"? hatte sich mancher Meininger gefragt, dem die Plakatwerbung aufgefallen war.

Der Ausdruck Slam für Wettkampf ist Tennisfans zwar vertraut, doch erst Moderatorin Dominique Macri klärte das Publikum zur Begrüßung auf: "Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit". Sieben Dichter zwischen 20 und 49 Jahren ,slammten" gegeneinander. Einer ging im sogenannten Vortext ebenfalls auf den Titel ein: es sei "ungehobelte Sprachakrobatik".

Seine Mitstreiter - alle im unauffälligen Outfit gekleidet - begannen ihre Vortexte mit "Guten Abend" oder "Hi". Es schien, als wollten sie den Zuhörern zeigen: Wir sind ein Teil von Euch. Gehobene Sprachkunst Das waren sie auch. Bis zu dem Moment, als sie sich mit ihrer Sprachkunst der Menge enthoben. Ihre Vorträge in Prosa und Lyrik erzählten vom Leben in einer Wohngemeinschaft, vom Leben an sich und von Partnerschaft, bevor sie beginnt, nachdem sie beendet wurde und wie sie nach dem Ende zum neuen Höhepunkt kommt.

Fußball war kein Thema des Abends, bis zu dem Moment als Poetry Slammer Daniel Hoth aus Berlin das Ergebnis des Spiels Spanien gegen Frankreich bekannt gab und einen Text anschloss über Kindheitserinnerungen in Höhenschönhausen mit dem Titel "Das Runde muss ins Dornige".

Hoth war 2011 zusammen mit Sarah Bosetti als Sieger aus dem Meininger Wettstreit hervorgegangen. Damals war im Publikumsapplaus, der beim Poetry Slam über die Wertung entscheidet, kein Unterschied mehr festzustellen, so dass kurzerhand zwei Gewinner gekürt worden waren. In der Regel wird vom Moderator anhand der Beifallslautstärke festgestellt, wo ein Künstler in der Gunst des Publikums steht. Je nachdem scheidet er aus oder erreicht die nächste Runde. Liebesgedicht ans Bett Auch diesmal standen sich Bosetti und Hoth im Finale gegenüber. Doch die beiden - im Slam-Team "Mikrokosmos" Kollegen und privat ein Paar - entschlossen sich zu einem gemeinsamen Vortrag. "Wir sprengen jetzt einfach das ganze System", kommentierte Bosetti, denn die Liebeslyrik sei den Abend über "definitiv zu kurz gekommen".

Der Beitrag "Ich liebe dich" begann mit einem scheinbaren Dialog zwischen zwei Partnern: "Ich liege auf dir" - "Du liegst unter mir" und entpuppte sich als Liebesgedicht eines Menschen an sein persönliches Bett. Systemkritisch zeigten sich vor allem Udo Tiffert und Thorben Schulte, beide nach der ersten Runde ausgeschieden. Tiffert, seit 15 Jahren aktiv als Schriftsteller, hinterfragte in seinem "Heimattext" eine Zeitungsmeldung zum Steuerverlust von Lausitzer Städten durch abgeschaltete Atommeiler. Verlorene Millionen bedeuten, so Tiffert, dass sie vorher vorhanden gewesen sein müssen: Wofür sind sie verwendet worden?

Schulte, Chemiestudent aus Göttingen, beschrieb chronologisch Stationen des Waffen-, speziell des U-Boot-Handels zwischen Deutschland und Griechenland. Keine Vorgaben Zur Form der Texte gibt es beim Poetry Slam keine Vorgaben, verboten sind Kostüme und Requisiten jeder Art. Nicht nur erlaubt, sondern zugleich unterhaltsam waren die unterstützenden Handbewegungen von Christian Offe aus Gießen. Der Architekturstudent hatte sich mit der Bemerkung: "Ich gestikuliere gleich sehr wild" kurz gelockert, um dann einen 18-sekündigen Text vorzutragen mit dem Titel: "Gras wächst auf der Erde". Linn Penelope Micklitz, die aus Ilmenau stammt (wir berichteten im Feuilleton am Freitag), präsentierte zwei Texte: "Leben nach Netzplan" und "Text ohne Titel".

Die Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek, Sylvia Gramann, war mit dem Abend "richtig zufrieden" und dankbar für die Unterstützung des Vereins Lesezeichen aus Jena, dem Förderverein des Thüringer Verbands Deutscher Schriftsteller.

Vorschläge für die beteiligten Künstler, sagte Sylvia Gramann, seien vom Verein gekommen, das Niveau habe sich mit den Jahren gesteigert. Gleich geblieben sei in etwa die Zahl der Besucher, vor allem aber die Buntheit des Publikums: Frauen und Männer, Paare, Grüppchen und Einzelgänger, Kinder, Senioren und alle Altersstufen dazwischen.

Den einzigen Hund, ein Dalmatinerweibchen namens Lilu, hatte Sarah Bosetti aus Berlin mitgebracht. Zuschauer-Beteiligung Zuweilen ist ein Poetry Slam auch ein Abend, an dem sich die Zuschauer beteiligen mit kollektiven Beiträgen zu einem Text oder zur Musik.

Doch Stefan Ebert, der den musikalischen Part übernahm, widersprach: "Nee, oder?" Der Mannheimer musizierte mit Stromkabel und Gameboy auf überraschende Weise und rückte zu brillantem Spiel an Gitarre und Klavier zugleich den Text seiner Liedern in den Vordergrund. Graffitis als Siegerprämie Zum 3. Raw Poetry hatte der Meininger Graffitikünstler Emmanuel Klee einige Bilder ausgestellt.

Das Buchstaben-Kunstwerk, das Moderatorin Macri den Gewinnern als Siegprämie überreichte, war von Klee gespendet. Macri, ursprünglich selbst als Teilnehmerin angekündigt, hatte kurzfristig Moderator Felix Römer ersetzt, weil dieser Vater geworden war. Die Verantwortung sei beim Moderieren größer, sagte sie. Denn als Moderatorin habe sie dafür zu sorgen, dass die Künstler sich wohlfühlen. Gemessen an der Qualität der Vorträge muss es ihnen sehr gut gegangen sein. Auch das Publikum teilte das Wohlbefinden, der anhaltende Beifall bewies es. Ein aus der Rhön angereistes Pärchens um die 60 freute sich am Ende des Abends: "Wir fanden es wunderschön."