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17.11.2001

Jenas 7. Lesemarathon mit zwölf Autoren reagiert auf die Fragen der Zeit

von Frank Quilitzsch TLZ

Austausch der Kulturen

Jena. (tlz) Wenn Harry Rowohlt kommt, wird extra das Volkshaus aufgeschlossen. Es gibt kaum eine Kunst, die der Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnist und Schauspieler nicht beherrscht, die des Trinkens inbegriffen (eine Flasche Whisky steht vor jeder Lesung bereit.) Der bärtige Kultautor ist nicht nur eine Bank, sondern ein Saal mit 700 Plätzen. Wahrscheinlich werde man für seinen Auftritt am 7. November im Volkshaus Jena zusätzlich die Empore öffnen müssen, sorgen sich die Veranstalter von der Ernst-Abbe-Bücherei und dem Thüringer Lese-Zeichen e.V. Schöne Sorge! Angst haben zu müssen, dass zu viele zur Buchlesung kommen. Im vergangenen Jahr, als der frisch gebackenen Büchner-Preisträger Volker Braun in Jena las, hatte man hundert Leute heimschicken müssen.
Harry Rowohlt, der voraussichtlich aus "Pu der Bär", "Die Asche meiner Mutter" und heitere Kolumnen lesen wird, ist nur einer der Höhepunkte des diesjährigen Jenaer Lesemarathons. Unter den zwölf Autoren, die vom 4. bis 15. November in Jena und dem Stadtteil Neulobeda ihre Bücher vorstellen, sind Namen wie Peter Schneider (6.11.), Carola Stern (8.11.), Fritz Pleitgen (10.11.) und Jenny Erpenbeck (14.11.). Eröffnen wird den Reigen am Sonntag, dem 4. November, der Heiner Müller-Biograf Jan-Christian Hauschild.
Es gehe jedoch nicht vordergründig um Literatur von Prominenten, sondern um Austausch zwischen den Kulturen, erläuterte Angela Schubert von der Abbe-Bücherei das Konzept. Geschichte des 20. Jahrhunderts, Geschichten vom Fremd- und Anderssein - dafür stehen interessante Autoren, die aus anderen Kulturen kommen und in deutscher Sprache schreiben. So wird Elazar Benyoetz aus Israel ein Stück Gedächtnisprosa über den Holocaust lesen (12.11.), der Mongole Galsan Tschinag über das Nomadenleben in seiner Heimat (15.11.) berichten und der Jude Alexander Kostinskij an die versunkene Welt des Schtetls erinnern. Der ehemalige Russland-Korrespondent und heutige WDR-Intendant Fritz Pleitgen, der den "wilden Kaukasus" bereiste, schildert Erlebnisse u.a. aus den Krisengebieten Tschetschenien und Berg Karabach. Spannend dürften auch die Erfahrungen der Marokkanerin Fatima Mernissi sein, Soziologin und Beraterin der Unesco zur Situation muslimischer Frauen, die in ihrem Buch "Harem. Westliche Phantasien - östliche Wirklichkeit" den Legendenbildungen entgegenwirkt. An ihrer Statt liest die Schauspielerin Doris Wolters aus dem Buch (13.11.). Die Zunft der einheimischen Autoren wird in diesem Jahr durch TLZ-Kolumnist Professor Detlef Jena vertreten, dessen neues Buch "Potemkin - Favorit und Feldmarschall Katharinas der Großen" ein Stück russischer Geschichte vergegenwärtigt (5.11.). "Alles in allem ein Programm, das auf die Fragen der Zeit reagiert", so Bibliotheksleiterin Annette Kasper. Man wolle wie immer unterschiedliche Leserschichten erreichen und habe noch zusätzlich eine Schullesung organisiert, ergänzte Martin Straub vom "Lese-Zeichen".

Von Frank Quilitzsch

Karten bei der Touristeninformation und an der Abendkasse.