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17.06.2006

Ilse inspiriert

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Kunst, Wirtschaft und viele Leute zum Auftakt der diesjährigen Literaturtage auf Burg Ranis

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. Kennen Sie die Ilsen-Sage? Landolf Scherzer kannte sie auch nicht. Aber was liegt näher, als auf der Burg oberhalb der Ilsen-Höhle in Ranis nachzufragen. "Auch die Burgherrin hat die Ilsen-Sage nicht im Kopf. Aber in ihrer Ablage. Sie liest sie mir vor. Als sie merkt, dass die Geschichte zu lang wird, überspringt sie Einzelheiten." Die Burgherrin lachte mit, als Landolf Scherzer auch mit diesem Absatz seiner Reportage "Ilse - keiner will´se?" am Donnerstagabend das Publikum im voll besetzten Palas der Burg Ranis erheiterte. Dem begnadeten thüringischen Publizisten wurde später der herzlichste Beifall des Eröffnungsabends der diesjährigen Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis zuteil.
Die literarische Reportage gehört zu den Texten der Neuerscheinung "SteinStimmen", die der Literaturtage-Veranstalter Lese-Zeichen e. V. in der Edition Burgart aus Rudolstadt herausgebracht hat. "Künstler können Steine zum Leben erwecken", sagt der Germanist Dr. Martin Straub. Und so ermutigte er die Autoren Wolfgang Haak, Gisela Kraft und Landolf Scherzer, die bildenden Künstler Ullrich Panndorf und Walter Sachs sowie den Komponisten Mario Wiegand, doch mal zu hören, was die alten Mauern der Burg Ranis, der Heidecksburg in Rudolstadt und der Schwarzburg flüstern. Ergebnis dieses künstlerischen Experimentes, "ein spannender Prozess", wie Verleger Jens Henkel zurückblickte, sind die "SteinStimmen".

Das handgebundene Kunstbuch mit Originalgrafiken in nummerierter Auflage wurde am Donnerstagabend im "Zusammenklang der Künste" (Dr. Martin Straub) vorgestellt. Während die drei Autoren ihre Texte vortrugen, zeigte eine kleine Ausstellung mit Originaldruckbögen des Bandes auch die Grafiken der Künstler. Die ebenfalls ausgestellten Noten des Komponisten interpretierte an der Oboe die Solistin Mari Yoshii.

Warum gerade Oboe?, fragten sich Gäste des schönen Abends im Palas. Die Sätze sind für die Oboe geschrieben, klärte Dr. Martin Straub auf, man könne sie aber teilweise auch singen.

Es war schon überraschend, wie unterschiedlich sich die drei Schriftsteller beispielsweise der Burg Ranis näherten. So führt Landolf Scherzer bissig, aber trotzdem sympathisch zur Burg hinauf und auch durch die Stadt. Gisela Kraft inspirierte der Burgberg zu einem bilderreichen "Ilsenlied". Wolfgang Haak schlägt in seinen Reflexionen Brücken aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Ullrich Panndorf und Walter Sachs verdichten in ihren Grafiken Mythen und Geschichte, wobei die Blätter thematisch teils genauso verspielt sind wie Mario Wiegands "Heidecksburger Höhenflüge". Mystisch wiederum klingt "Giebelstern", das Burg Ranis gewidmete Musikstück. Einen kleinen Scherz trägt schließlich Jens Henkel bei, der auch die Gestaltung des Buches verantwortet: In einer Montage setzte er die drei Burgen auf ein und dieselbe Anhöhe.

"Wirtschaft braucht die Kunst genauso wie die Kunst die Wirtschaft braucht", führte Literaturtage-Regisseur Dr. Martin Straub einen anderen Autor des Abends ein. Nicht Burgen, sondern deutsche Unternehmen hatte Olaf Preuß bereist. Seine guten Erfahrungen und seinen Unmut über die trotzdem jammernden Deutschen hat er mit Thesen zum Wirtschaftsstandort Deutschland in seinem Buch "Made in Germany" zusammengefasst. Der preisgekrönte Wirtschaftsjournalist von der Financial Times Deutschland plädierte für mehr Motivation, forderte eine bessere Bildung und wünschte sich risikofreudigere Banken. Ansonsten war Olaf Preuß überrascht, dass sich bei dem schönen Wetter und bei laufender Fußballweltmeisterschaft so viele Leute, insbesondere so viele Männer zu seiner Lesung einfanden.

Der Literaturtage-Auftakt verlief lockerer, als es das Programm vorgab. Gut, dass Blue Line eingeladen wurde: Die Pößnecker Band mit einem immer besseren Lauf verkürzte geplante und ungeplante Pausen sehr angenehm.