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20.12.2010

Ich schweige nicht!

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

 

Bis zuletzt blieb sich Jürgen Fuchs treu und mahnte "Identität halten", dabei die Angst nicht verlieren, wenn es darum geht, die Machtmechanismen anzuprangern und zu verändern. Sein Leben war bedroht, gefährdet, doch er beugte sich nicht. In der DDR galt der Schriftsteller und Dissident als Staatsfeind Nr. 1. Das MfS hatte einen riesigen Spitzel- und Zersetzungsapparat um den "Konterrevolutionär" und "Staatsverleumder" aufgebaut, um den Dichter im Fadenkreuz zu behalten. Auch nach der zwangsweisen Abschiebung nach West-Berlin ging der Psychoterror mit makabren Aktionen weiter, um den Ruf des Oppositionellen zu schädigen und sein Leben zu zerstören. Jürgen Fuchs wäre am 19. Dezember 60 Jahre alt geworden. Er starb viel zu früh, nur 48 Jahre alt, am 9. Mai 1999, an einer seltsamen Blutkrankheit, vermutlich ausgelöst durch vorsätzliche radioaktive Bestrahlung während der neunmonatigen Haft 1976/77 im Stasi-Knast Berlin-Hohenschönhausen. Jürgen Fuchs stammte aus Reichenbach im Vogtland. Wegen seiner offenen und kritischen Meinung gerät er schon als Abiturient in Konflikt mit dem tragenden Staatssystem. Er studiert in Jena Psychologie, ruft dort mit Lutz Rathenow den "Arbeitskreis für Literatur und Lyrik" ins Leben und veröffentlicht erste Gedichte, beeinflusst von Bertolt Brecht und Reiner Kunze. Er sucht Kontakte mit Gleichgesinnten, mit dem Liedermacher Wolf Biermann und dem Regimekritiker Robert Havemann. Wegen seiner brisanten politischen Texte und seiner unbeirrbaren Art gilt er "als gefährlichster Nachwuchsschriftsteller im Bezirk Gera". Er ist Beststudent, aber das zählt nicht, und wird kurz vor Abschluss seines Studiums aus der FDJ und SED ausgeschlossen. Kurz nach Biermanns Ausbürgerung wird er wegen "staatsfeindlicher Hetze im verschärften Fall" verhaftet und nach neun Monaten nach West-Berlin abgeschoben.

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"Er war ein Störfaktor als Staatsfeind im besten Sinne des Wortes und seine Literatur war ein Aufstörfaktor", schreibt Udo Scheer, einer der nahen Wegbegleiter und selbst als Autor in DDR gemaßregelt, in der einzigen Biografie über Jürgen Fuchs. Wer Jürgen Fuchs kannte, erlebte ihn als ruhigen, geradlinigen und sachlichen Menschen, der wie kaum ein anderer, so Wolf Biermann, "dermaßen tief die Psychologie von Vätern und Opfern des totalitären Regimes in der DDR kannte [...], der es den Lesern seiner Bücher auch in so klarer Menschensprache dargestellt hat." Nach dem Fall der Mauer wirkte Jürgen Fuchs intensiv weiter für die Aufklärung von Stasiverbrechen, verließ aber die Gauck-Behörde, wo er angestellt war, wegen der dort beschäftigten ehemaligen Stasi-Offiziere. Für Jürgen Fuchs, der auch als Sozialpsychologe tätig war, war das Schreiben, die Literatur eine Lebensäußerung, die er mit "zerstörerischer Absicht" betrieb. In seinem letzten kurz vor seinem Tod fertig gestellten Buch, dem Roman "Magdalena", das auch sein Hauptwerk und Vermächtnis ist, tauchte er wieder in die Labyrinthe der Aktenberge, forderte eine schonungslose Aufklärung der DDR-Vergangenheit und gleichzeitig den verantwortungsvollen Umgang mit Akten. Damit blieb er der unbequeme und streitbare Autor für Freunde und auch seine Feinde: "Ich schweige nicht." Das gerade erschienene Hörbuch "Das Ende einer Feigheit" ist Erinnerung und Aufmunterung, das Schreiben und Wirken von Jürgen Fuchs wieder neu wahrzunehmen.