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30.11.2002

Gespräch mit Lutz Rathenow zu einem Hörbuch und mehr

von Peter-Alexander Fiedler TLZ

Lutz Rathenow: Der in Jena geborene, dort bis 1977 und seither in Berlin lebende
Schriftsteller und engagierte Einmischer besuchte die TLZ-Zentralredaktion in
Weimar und stand Rede und Antwort zu seinen aktuellen Projekten. Foto: Fiedler

Jüngst beim 8. Jenaer Lesemarathon trat der energische Einmischer und
Schriftsteller - das eine ist bei Lutz Rathenow nicht vom anderen zu trennen -
seit langer Zeit wieder einmal öffentlich in seiner Heimatstadt Jena auf.
Mitgebracht hatte er nicht nur seinen neuen Gedichtband "Die Fünfzig" (TLZ
würdigte ihn zu des Autors 50. Geburtstag am 22. September), Glossen und andere
Texte, sondern auch "Das RR-Projekt", ein Hörbuch, auf dem der 1968 geborene
Heinz Ratz Texte des 1952 geborenen Rathenow "singt, liest, spielt" - wie es im
Untertitel der CD heißt (Das RR-Projekt, HörZeichen, Gerichshain, ca. 45 Min.,
14 Euro).

Eine Kritikerin erinnerten "Ratzens Stimme und seine klanglichen Umsetzungen ...
bisweilen an die literarischen Bearbeitungen von Blixa Bargeld und seiner Gruppe
,Einstürzende Neubauten´". Wie auch immer, Ratz macht aus der Literatur des in
Berlin lebenden Jenenser kleine Hörspiele, denen man fasziniert, gelegentlich
auch fast beklommen lauscht.

Wie er die Stimme hebt und senkt, wie er flüstert, brüllt, haucht, zischelt,
singt, seufzt oder rapt - das nimmt einen sofort gefangen. Die eingesetzten
E-Gitarre, Keyboard, Akustik-Bass, Kinderspielzeug oder Drumcomputer erzeugen
Klanginseln, auf denen sich Rathenows Poesien ganz neu ausnehmen, eine andere
Bedeutungsebene zu erreichen scheinen. Ein Erlebnis, das niemanden unberührt
lässt. Nicht nur darüber sprachen wir mit Lutz Rathenow bei seinem Besuch in der
Weimarer TLZ-Zentralredaktion.

Sie waren jüngst zu Lesungen an Jenaer Schulen - und zu einem öffentlichen
Auftritt beim Jenaer Lesemarathon, nach einer langen Pause - wie lange waren Sie
nicht in Ihrer Heimatstadt? Ich hatte in den letzten Jahren mehrere Lesungen in
Jena - aber vor eher geschlossenen Kreisen: Vor ausländischen
Germanistik-Studenten, innerhalb einer Werkstatt des Lesezeichen e.V., aber das
war seit nunmehr fünf Jahren die erste richtige Abendlesung.

Waren Sie mit der Resonanz zufrieden? Für Samstagabend allemal, da gab es ja
noch andere Angebote. Viele TLZ-Leser waren darunter.

Was haben Sie vorgelesen? Ich habe zuerst aus dem Gedichtband "Die Fünfzig"
gelesen. Ich stellte fest, dass bei den drei Schul-Lesungen wie auch bei der
Abendveranstaltung die Gedichte erstaunlich intensiv zu wirken schienen. So vor
zehn Jahren hatte ich das Gefühl, wenn du Gedichte schreibst und vorträgst, das
ist eine Außenseiter-Sache, du schreibst für eine Minderheit. Jetzt scheint das
Interesse größer geworden zu sein. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass meine
Gedichte ein wenig stiller geworden sind, dass mehr Leute sich in den Gefühlen
und Irritationen wiederentdecken.

Bei Schülern sind ganz klar die satirisch geprägten Sachen beliebt, etwa "Letzte
Entführung, Heiligabend", ein sehr böses Gedicht über eine Geisel, die froh ist,
entführt zu werden, um dem Fest zu entkommen, und den Entführer dazu bringt,
dass er sich erschießt. Das sind Sachen, die sind schon fast geschmacklos, ich
weiß, und trotzdem muss man sie manchmal machen. Es gibt dann noch ein weiteres
Weihnachtsgedicht, das auch merkwürdig ist, "Zur Bescherung", und darauf meinte
eine Schülerin, "haben Sie denn nicht einen ganzen Band mit solchen
Weihnachtsgedichten?"

Sie treffen höchstwahrscheinlich einen Nerv ... Es stellt sich da regelrecht ein
Draht zu den jungen Leuten her.

Was stand noch auf dem Programm? - Auch das neue Hörbuch von Heinz Ratz? Neben
weiteren Texten, etwa die Glosse zu Bernd Stange, die natürlich in Jena bestens
ankam, auch CD-Beiträge.

Haben Sie die vorgetragen? Nein, ich habe mich als Discjockey betätigt. Ich habe
die CD eingelegt, und dann beherrschte ich erst einmal den CD-Player nicht, so
dass ich, wie jeder Komiker, einige dumme Sätze zur Überleitung schaffen musste,
bis es mir endlich gelang, das Ding in Gang zu setzen - und dann waren die Leute
sehr erstaunt, als sie diesen an zwei, drei Stellen Punk-Rock-ähnlichen Sound
hörten.

Wie sehen Sie dieses Hörbuch, das ja ausdrücklich auf dem Cover auch mit dem
Begriff "Trash" spielt? Es ist ganz klar eine Art Anbiederung an die
Jugendkultur, die Ratz verkörpert mit seinen 32 Jahren. Auf meine Texte bezogen
trifft es aber schon etwas zu, diese Mischung aus kurzer Prosa und Lyrik, diese
kinderartigen Texte, die manchmal sehr böse sind. "Trash" trifft nur einen
bestimmten Bereich meines Geschriebenen, aber da trifft der Begriff in all
seiner ganzen Vagheit, Unkonkretheit zu. Und "Trash" stimmt voll auf die Art der
Umsetzung durch Ratz.

... stille bis schrille Toncollagen ... Ja. Ratz verwandelt die Texte in so eine
merkwürdig zeitlose Ebene von Gegenwartsbezügen.

Im ersten Moment habe ich es als ein Manko, im nächsten als einen Gewinn
angesehen, dass nirgends - auch im Begleitheft nicht - deutlich wird, von wann
die Texte sind, ob aus DDR-Zeiten oder danach. So bleiben sie zeitlos aktuell.
Ich erlebe das manchmal bei Schullesungen, nicht jüngst in Jena übrigens - da
werden die Schüler in der Vorbereitung doch sehr festgelegt auf den
biographischen Rahmen. Und das schneidet ihnen einige Möglichkeiten ab, die
Texte zu den ihren zu machen. Das Hörbuch hat ja eine doppelte Erscheinung -
einmal das Hören dieser scheinbaren Zeitlosigkeit, und zum anderen durch das
Booklet ein Minimum an biographischen Informationen. Ratz macht auch
gelegentlich Texte faktisch zur Gegenwartskritik, gerade den, wo sich ein alter
und ein junger Mensch treffen, und der eine wirft dem anderen vor, "früher bei
Hitler hätte man dich vergast" und der andere antwortet dann, "dich auch" - das
ist für mich ein klares DDR-Erlebnis. Auf der CD wirkt es aber aktuell.

Sind Sie sonst zufrieden? Ja, schon. Ratz hat die Auswahl allein getroffen, aus
verschiedenen meiner Bücher, das Recht habe ich ihm auch gelassen. Einige
Interpretationen sind einen Hauch pathetischer interpretiert, als ich das sehen
würde. Ich bin da doch noch im weitesten Sinne in der Brecht-Nachfolge
aufgewachsen und neige eher zum Nüchternen, Ironischen. Das ist eine
Generationsfrage.

Pathetisch würde ich gar nicht sagen, eher expressiv. Das gefällt mir sehr gut,
wenn es sich mit einem Hauch Komik verbindet.

Ich glaube, dass Sie auf diese Art eine junge Generation erreichen, weil es ganz
modern und zeitnah ist. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass Heinz Ratz
ein überzeugender Mann auf der Bühne ist. Ich warte jetzt darauf, dass es aus
Weimar oder Jena Anfragen zu gemeinsamen Auftritten gibt. Es ist ein
deutsch-deutsches Vereinigungs-Projekt zwischen zwei Generationen. Es gehört für
mich zu den erfreulichen Überraschungen, die nicht möglich sind, wenn man sich
starr in literarischen Bereichen bewegt, sich nur auf das Allerwichtigste
konzentriert und sich nicht so per Zufall auf andere Verbreitungsarten einlässt.
Wenn man nicht immer nach dem Nutzen und den finanziellen Erfolg fragt.

Wann kommt denn die Autobiographie, die doch für den 50. Geburtstag versprochen
war? Es wird wohl noch ein bisschen dauern. Ich fand es zum 50. Geburtstag ganz
erheiternd, drei Mini-Autobiographien vorgeführt zu bekommen - eine fürs
Fernsehen als recht zufriedener Autor; eine von Ratz - übersetzt als doch sehr
kritischer, fast mit aggressiven Komponenten versehener, aufgeregter Mensch und
letztlich die Gedichte, die vielleicht das Stillste, mitunter Spirituellste
sind, an einigen Stellen doch sehr spöttisch grundiert. Das sind fast drei
Biographien von drei verschiedenen Menschen.

Jetzt kommt Anfang 2003 der rund 200 Seiten starke Band "Die Zeit danach" mit
politischer Prosa seit der Wende im Stuttgarter/Leipziger Hohenheim Verlag
heraus, darunter sind zwei Texte, die TLZ-Leser schon kennen. Neue Gedichte sind
entstanden, neue Kindergeschichten auch, die in einer schönen Anthologie
versammelt sind. Ich mische mich mit essayistischen oder glossierenden Texten
ins aktuelle Geschehen ein. Dann sitze ich jetzt für den MDR an einem
Prosa-Text, das ist für mich ein ziemlich schwieriger, ungewohnter, sehr
persönlicher Text, der noch dieses Jahr fertig sein soll. Sie merken, die
Autobiographie schiebe ich vor mir her. Vielleicht kommt sie, wenn es niemand
mehr erwartet.

Wie kommt denn die Mischung auf der CD an, vom Text "Sisyphos" zu Beginn, einer
existentiellen Auseinandersetzung über die Prüfungen des Menschen, bis zu
Grotesken wie "Ein Mann und ein Känguruh"? Die Resonanz auf das RR-Projekt kann
ich noch nicht bewerten, da gab es erst wenige gemeinsame Auftritte, und ich
stelle die CD ja auch nur in Ausschnitten vor. Aber wenn Sie das so sagen, bei
Lesungen wie jüngst in Jena, versuche ich das Ernste mit dem Grell-Grotesken zu
brechen. Und diese Vielfalt kommt sehr gut an.

Der letzte Titel der CD ist instrumental: "Lutz Rathenow geht spazieren". Laufen
Sie wirklich so unruhig, so getrieben? Ich finde in der Arbeit zur Ruhe, beim
Schreiben. Auch bei Lesungen entspanne ich. Wenn man sich in so viele Bereiche
begibt, da ist schon eine gewisse Rastlosigkeit da: Schreibwerkstätten, aktuelle
Essays, Lesungen, Kindergeschichten, Lyrik, Prosa-Texte, Redakteurstätigkeit bei
"Liberal", Arbeit für Funk und Fernsehen, Unterstützung anderer Autoren, da
kommt einiges zusammen. Das alles trägt zu dieser Unruhe bei.