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02.09.2016

Geraer Autorin Annerose Kirchner wird 65

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitung

Die Autorin Annerose Kirchner aus Gera feiert heute ihren 65. Geburtstag. Foto: Peter Cott

Die Geraer Autorin und langjährige Rezensentin der Ostthüringer Zeitung, Annerose Kirchner, wird heute 65. Ein ­Gespräch über ihre Kindheit, ihren Weg zum Schreiben und ihre Liebe zu Thüringen.

Frau Kirchner, mit 65 Jahren hält man schon mal Rückschau? Wie fällt Ihre Bilanz aus?

65, das ist so eine Zahl, die ist bei mir noch gar nicht angekommen. Es gibt ja so einen Spruch, Frauen werden älter, Männer nur reifer. Ob der stimmt, wage ich nicht zu beurteilen. In mir ist auch nicht das Gefühl, ab jetzt bin ich alt, gehe in die Rente und drehe vor Langeweile Däumchen. Im Gegenteil, ich fühle mich geistig sehr frisch und jung. Wer zu oft an das Alter denkt, der wird auch schneller alt. Leben ist jetzt, Tag für Tag. Das muss man genießen. Es gibt natürlich Autoren, die gern, mitunter selbstverliebt, Rückschau halten und sich um sich selbst drehen. Ich jedoch schaue lieber nach vorn. Anders ist das mit der Betrachtung des Lebens, denn die Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Kindheit werden jetzt immer stärker.

Welches Buch war Ihr größter literarischer Erfolg?

Zweifellos die literarische Reportage "Spurlos verschwunden" über die von der Wismut wegen des Uranabbaus geschleiften Dörfer rund um Ronneburg, erschienen im Ch. Links Verlag Berlin. Dieses schwere Thema zu bewältigen war mir als Autorin unserer Region eine Verpflichtung. Die Auflage war innerhalb eines Jahres vergriffen. Jetzt gibt es den Band leider nur als E-Book.

Sie stammen aus Südthüringen? Was hat Sie eigentlich nach Gera verschlagen?

Eine kleine Korrektur: Ich bin in Leipzig geboren. Meine Mutter zog mit mir, als ich noch nicht mal vier Jahre alt war, in ihre Heimat, in den Thüringer Wald. Dort bin ich aufgewachsen. Dort liegen auch die Wurzeln meines literarischen Schreibens. Auf dieser Ebene besteht bis heute eine starke Bindung, die sich in neuen Gedichten niederschlägt, ebenso wie in Versen über Gera. Nach meinem Studium am Literaturinstitut in Leipzig zog ich 1979 nach Gera. Der Hauptgrund: Ich wollte näher an meiner Geburtsstadt Leipzig sein. Gera kannte ich damals überhaupt nicht, wusste nur, Otto Dix ist dort geboren, es gibt die Weiße Elster, eine Straßenbahn und die Stadt ist groß, denn ich bin ein Kind der Großstadt, obwohl ich das Dorf genauso liebe, aber dort nie gelebt habe.

Wie sind Sie zur Literatur gekommen?

Übers Lesen. Das ist ja der übliche Weg. Man liest, entdeckt neue Welten, begeistert sich an Geschichten, an der Sprache. Und dann versucht man zu schreiben und entdeckt dabei seine Begabung, sofern man welche hat. Ich las schon aktiv mit sieben Jahren, mit zehn dann Wälzer, Balzac und Zola, weil mich meine Mutter in die Bibliothek in Zella-Mehlis mitnahm. Das war natürlich viel zu früh, ich verstand kaum etwas. Mit 14 habe ich dann meine ersten Gedichte verzapft und mich über Kontakte mit Schriftstellern, besonders Wulf Kirsten in Weimar, weiterentwickelt. Eigentlich habe ich immer auf das professionelle Schreiben, das ein langer Prozess ist, hin gelebt, ohne es anfangs zu wissen.

Wie kann man sich Ihren Schreibprozess vorstellen?

Ich lebe etwas chaotisch, inmitten von Bücher- und Papierbergen. Mein neuer Schreibtisch ist bereits voll davon. Kein Wunder, dass ich ständig nach etwas suche, sei es Schere oder Bleistift. Schlimm, wenn ich ein Manuskript nicht finde. Das Schreiben geschieht zuerst im Kopf, manchmal auch spontan am Computer. Wenn ich eine Idee umsetzen kann, bleibe ich natürlich dran und lasse nicht los. Das dauert oft lange, weil ich nie zufrieden und sehr selbstkritisch bin.

Wie viele Bücher haben Sie eigentlich in den mehr als 25?Jahren als Buchkritikerin der OTZ gelesen?

Mehr als 4000. Ich habe nie gezählt, müsste in meinen Ordnern nachschauen. Meine ersten Buchrezensionen schrieb ich mit 20, über Bücher aus dem Aufbau-Verlag, wo ich zu den Nachwuchsautoren gehörte. Die Arbeit für Tageszeitungen ist ein Broterwerb. Von der Schriftstellerei allein kann man ja leider nicht existieren.

Welche Bücher waren die besten?

Sie meinen hier die Rezensententätigkeit? Das lässt sich in der Fülle aus dem Stegreif nicht in einem Satz beantworten. Mir lag jedes Buch, das ich gelesen und rezensiert habe, am Herzen. Vielleicht hier nur ein paar Autorennamen wie Günter Grass, Annie Proulx, Hilary Mantel, Daniel Kehlmann, Hanns-Josef Ortheil, auch Henning Mankell und John Grisham. Und natürlich habe ich als Autorin meine Vorlieben. Die Liste ist lang, besonders in der Lyrik, und sie ändert sich laufend. Geprägt haben mich vor allem Gedichte von Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Johannes Bobrowski, Günter Eich, Wulf Kirsten bis hin zu Sarah Kirsch.

Und welches Buchprojekt steht demnächst an?

Ich arbeite laufend an Projekten, mache ständig Pläne. Das liegt in meiner Natur. Im Rückstand bin ich mit meinem Porträtband über Thüringer Dörfer, und der neue Gedichtband wartet schon ewig auf Fertigstellung. Ich hoffe, beides gelingt mir nun endlich nächstes Jahr, wenn ich im Unruhestand mehr Zeit dafür habe.