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05.12.2003

Eselsohr für 'Gesang der Orcas'

von Joachim Burghardt Westdeutsche Zeitung

GREFRATH/ NETTETAL

Geballte Mädchenpower einer Jury von 13- bis 17-Jährigen hat das Nettetaler Jugendbuch 2003 gewählt. Harry Potter spielte auch diesmal keine Rolle.

Breyell. Es muss nicht immer Harry Potter sein. Das "Eselsohr" für das beste Jugendbuch 2003 jedenfalls geht an "Der Gesang der Orcas" von Antje Babendererde. Das Besondere daran: Über den Preis, den die Stadtbücherei Nettetal in Breyell jährlich vergibt, entscheiden nicht "große" Literatur-Experten, sondern jugendliche Leseratten. Und so trafen acht Jurymitglieder zwischen 13 und 17 Jahren ihre Wahl aus zwölf Neuerscheinungen.
Michael Lüttgen, 15 Jahre, war einer der Juroren. Seit Mai stöberte er, wie seine Kollegen, in Abenteuergeschichten und Liebesromanen, brütete über "Fantasy" und zeitkritische Themen.
"Nein, das war kein besonderer Stress", sagte Michael, der die Realschule in Kaldenkirchen besucht, "ich lese ja sowieso gerne." In der Jury mitzuwirken, das war für ihn "eine ganze Menge Spaß". Vielleicht auch, weil Michael der "Hahn im Korb" war; sonst saßen nur Mädchen in der Jury.

"Das ist eigentlich typisch für diese Altersgruppe", so Birgit Mager von der Stadtbücherei. Sie und ihr Chef Ulrich Schmitter organisierten mindestens schon ein Dutzend Mal den Literaturpreis Eselsohr. "Meistens war da in der Jury die geballte Mädchenpower", erinnerte sich Schmitter.

Mit "Power" ging auch Madita Renseler an ihre Aufgabe. Die 14-Jährige aus Brüggen lobte in der entscheidenden zweistündigen Sitzung hier den Sprachstil, fand da eine Geschichte "völlig unlogisch". Und nur was ihr ausgesprochen gut gefiel, bekam die Höchstnote: "10 Punkte!"

Die meisten Punkte insgesamt bekam "Der Gesang der Orcas". Ein spannendes Buch über die 15-jährige Sofie, die sich in einen Indianerjungen verliebt, voller Dramatik, Gefühle und beeindruckender Naturbeschreibungen. So lobte Madita den Roman: "Da kommt besonders gut die Indianerkultur rüber." Das wiederum ist typisch für Autorin Antje Babendererde: Indianisches spielt in ihren Büchern eine große Rolle.

"Ich freue mich natürlich sehr über diese Auszeichnung", so die 40-jährige Thüringerin im Gespräch mit der Westdeutschen Zeitung. "Vor allem, weil es ja mein erstes Kinderbuch ist. Das finde ich schön, dass es den jungen Leuten in der Jury gefallen hat."
Nicht überrascht war Birgit Mager: "Ich hatte insgeheim mit dieser Entscheidung gerechnet." Sie und Ulrich Schmitter planen bereits fürs Eselohr 2004. Schmitter: "Junge Leute, die in die Jury wollen, können sich ruhig schon melden."

Von Joachim Burghardt

Grefrath / Nettetal