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06.12.2003

Ein Abend über die Verletzlichkeit des Wortes

von S.B. Ostthüringer Zeitung

Lesekonzert mit zwei Journalisten und einem Pianisten auf der Burg Ranis

Ranis (OTZ/S.B.). Journalisten sind kreative Menschen. Für ihr Handwerk, für das Schreiben, brauchen sie Wörter. Horst Samson, selbst Redakteur im Hessischen, zeigt den poetischen Umgang mit der Sprache. Er entwickelt Bilder, deren Wirkung lange nachhallt; er schreibt an gegen die Kälte in seinem Heimatland Rumänien; er klagt das bewusste Verdrehen der Sätze durch die einstigen Machthaber an: "Wir bäumen uns auf/Ihr träumt uns nieder/Sie fälschen die Grammatik und das Wetter."

Horst Samson, 1954 im Südosten Rumäniens geboren, stellte am Donnerstagabend auf Burg Ranis sein eben erschienenes Poem "La Victoire" vor. Zwischen 1980 und 1996 geschrieben, zeichnet es nicht nur seine, Horst Samsons, Geschichte, auch die seiner Heimat. Er entwirft ein schonungsloses und entlarvendes Bild von dem Land, das ein DDR-Lexikon der 80er Jahre als "souveränen, sozialistischen Staat mit staatlicher Macht des werktätigen Volkes" anpries. "Es rinnt die Zeit dem Körper weg" - das ist Horst Samsons Erinnerung an die Zeit und den Staat, der ihm 1985 das Schreiben verbot, ihn mit Morddrohungen belegte und aus dem Land drängte. Seit 1987 ist Deutschland sein neues Zuhause.

Jahre später ist Marius Koity hier angekommen, heute OTZ-Redakteur in Pößneck. Dort, im rumänischen Temeswar, schrieb er für die Zeitung, veröffentlichte Lyrik, erhielt Preise.

Seine "fünfzehn Texte aus fünfzehn Jahren" sind beklemmend. Wenn Marius Koity Gedanken aus dem Dezember 1989 niederschreibt, dann tut er es mit starken Bildern. Der Journalist Koity treibt schließlich den Lyriker Koity an, aus den Schnipseln und Textsplittern eines Tages eine "unvermeidliche Collage" zu schaffen. Was auf den ersten Blick wahllos aneinandergeschrieben aussieht, sind fein aufgefädelte Zitate aus dem journalistischen Alltag Marius Koitys.

Bereichert hat dieses ganz besondere Lesekonzert auf Burg Ranis Albrecht Berner am Klavier. Der junge Pianist, ein Meister zwischen Rachmaninow und flirrender Atonalität, schafft nicht nur eigene musikalische Welten neben den Texten. Er interpretiert auf seine Weise auch die Gedichte Samsons und Koitys.

Dabei wird das "Liebesgedicht für Mutter" von Marius Koity mit Anleihen aus Robert Schumanns Jugendalbum zum innigen Liebesbeweis.

Einen Abend hatte Dr. Martin Straub zusammengestellt, der die Verletzlichkeit des Wortes, dessen Stärken und dessen Missbrauch so deutlich wie selten thematisierte.