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23.11.2010

"Eigentlich wollte ich nur Gedichte schreiben"

von Lioba Knipping TLZ

Schriftsteller, Oppositioneller und Aufklärer: Jürgen Fuchs (r.) mit dem aus der DDR ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann beim SFB-Talk. Foto: Archiv

 

In einem Literaturseminar untersucht die Universität Jena am letzten Novemberwochenende die Rolle der Schriftsteller und der Literatur in der DDR. Als "Leitfigur" des literarischen Widerstandes gilt Jürgen Fuchs.

"Eigentlich wollte ich nur Gedichte schreiben über die Liebe, über die Natur. Wichtigeres drängte sich vor." Dieses Zitat von Jürgen Fuchs, erschienen in Udo Scheers "Gegen die Feigheit" im Rheinischen Merkur 2009, zeigt, wessen Geistes Kind Fuchs war: Er wollte frei sein, sagen und schreiben, was er dachte. Doch das wollte die DDR-Obrigkeit nicht zulassen. Die SED versuchte, die öffentliche Sprache zu kontrollieren, schrieb die Verwendung bestimmter Worte und Wendungen vor, verbot missliebige Begriffe. Zahlreiche DDR-Literaten suchten daher ihren persönlichen Weg zwischen Anpassung und Widerspruch. Doch nur wenigen gelang eine widerständige Sprache. Die Rolle der Schriftsteller und der Literatur in der DDR ist nun Thema eines Seminars am Wochenende an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Am literarischen Werk von Jürgen Fuchs, der am 19. Dezember 60 Jahre alt geworden wäre, soll wissenschaftlich aufgearbeitet werden, inwieweit Opposition und Widerstand in der DDR-Literatur eine Rolle spielten. Fuchs gilt hier als "Leitfigur". "Wir wollen Fuchs aber nicht als Ikone des Widerstandes darstellen, sondern seine widerständige Sprache analysieren", so Henning Pietzsch von der Geschichtswerkstatt Jena, die das Wochenendseminar gemeinsam mit dem Collegium Europaeum Jenense (CEJ) organisiert hat. Fuchs habe sich "die Freiheit genommen, Klartext zu sprechen", so Pietzsch. Zum Seminar, das am Freitagabend, 18 Uhr, im Uni-Hauptgebäude beginnt, werden unter anderem die Schriftstellerin Ines Geipel und der Stadtrodaer Schriftsteller Udo Scheer referieren, an der Abschlussdiskussion am Samstag nehmen zudem der Schriftsteller Lutz Rathenow und Ulla Fix, Professorin an der Universität Leipzig, teil. Thema der Diskussionsrunde wird die "Bedeutung von DDR-Literatur in Gegenwart und Zukunft" sein. In den Referaten zuvor geht es um "DDR-Literatur zwischen Anpassung und Widerspruch" und um Jürgen Fuchs als "Grenzgänger zwischen Ost und West". Auf Fuchs' Grabstein - er starb 1999 an Leukämie - stehen drei Worte, die ihn und seinen Widerstand gegen Diktatur und Willkür beschreiben: "Ich schweige nicht."

'76 verhaftet und zur Ausreise gezwungen

Jürgen Fuchs war schon als Abiturient 1968 mit der DDR-Obrigkeit in Konflikt gekommen. So bedurfte es erst einer Eingabe, ehe er 1971 ein Studium der Sozialpsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beginnen konnte. 1973 wurde Fuchs Mitglied der SED. Er schrieb Gedichte und arbeitete mit dem Arbeitskreis Literatur und Lyrik Jena um Lutz Rathenow. Nach einem gemeinsamen Auftritt mit Bettina Wegner und Gerulf Pannach, dem Texter der Band "Renft", wurde Fuchs aus der SED ausgeschlossen. Kurz vor dem Abschluss - die Diplomarbeit war schon mit "sehr gut" bewertet worden - wurde Fuchs wegen seiner Gedichte und Prosawerke vom Disziplinarausschuss der Universität Jena zum "Ausschluß von allen Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR" verurteilt und politisch zwangsexmatrikuliert.

Nach Protesten gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann wurde Fuchs am 19. November 1976 verhaftet. Nach neun Monaten im Stasi-Knast in Berlin-Hohenschönhausen und internationalen Protesten wurde Fuchs - unter Androhung einer langen Haftstrafe - zur Ausreise gezwungen und nach West-Berlin entlassen. Seine "Vernehmungsprotokolle" klärten erstmals darüber auf, was in den dunklen Räumen der Staatssicherheit vorging. Fuchs schrieb damit seine Dokumentation der staatlichen Zwangsmaßnahmen fort. Was in Franz Kafkas Roman "Der Prozess" noch die ins Phantastische verschobene obskure Herrschaft des Büros war, das war hier ganz in die Wirklichkeit eingedrungen. In West-Berlin arbeitete Jürgen Fuchs als freischaffender Schriftsteller und als Sozialpsychologe. Er engagierte sich in der Friedensbewegung und hielt Verbindung zur unabhängigen Friedens- und Bürgerbewegung in der DDR, zur tschechischen Charta 77 und zur polnischen Solidarnosc und thematisierte Tabus des realen Sozialismus wie die Staatssicherheit und den Freikauf von Gefangenen. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) leitete 1982 ein Ermittlungsverfahren gegen Jürgen Fuchs ein und setzte ihn und seine Umgebung zahlreichen "Zersetzungsmaßnahmen" aus. Nach dem Fall der Mauer bemühte sich Jürgen Fuchs besonders um die Aufklärung der Verbrechen des MfS.

Jürgen-Fuchs-Literaturseminar,

Freitag, 26. November, ab 18 Uhr, Hauptgebäude der FSU, Hörsaal 24 und Aula-Foyer;

Samstag, 27. November, 10 bis 15.30 Uhr, Hauptgebäude der FSU, Aula und Aula-Foyer. Eintritt frei.

 

Am Dienstag, 23.11., 20 Uhr, gibt es außerdem im Theaterhaus Jena ein Podiumsgespräch zu Jürgen Fuchs - mit Bettina Wegner, Gerd Sonntag und Wulf Kirsten