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03.06.2012

Die Sonne hat vier Ecken: Udo Scheer über Günter Ullmann

von Bernd Wagner TLZ

Die Provinz, in der Günter Ullmann lebte und dichtete: Ansicht vom Oberen Schloss in Greiz. Foto: Peter Michaelis

In seiner aktuellen Biografie über Günter Ullmann beschäftigt sich Udo Scheer mit der Poesie und Tragik des Greizer Dichters.

 

Aus der winzigen Kammer, in der Günter Ullmann sein Leben lang schrieb, ging der Blick in einen Hinterhof, den der Dichter folgendermaßen charakterisierte: "der winter / bleibt klein / die sonne hat / vier ecken". Es war die Sonne von Greiz, die Sonne der vogtländischen Provinz. Einer Provinz, die, wie es Udo Scheer ausdrückt, die "dichteste Dichte dissidentischer Dichter" in der DDR hervorbrachte. Aus dem nur zehn Kilometer entfernten Reichenbach stammen Hans Joachim Schädlich, Jürgen Fuchs und Utz Rachowski, in Greiz selbst lebten lange Zeit Reiner Kunze und eben Günter Ullmann, dem Scheer seine Biographie gewidmet hat. Sie ist nicht nur deshalb verdienstvoll, weil sie einen zu Unrecht wenig bekannten Dichter dem Vergessen entreißt, sondern auch, weil sich in seiner Lebensgeschichte mehrere für seine Generation exemplarische Biographien zu vereinen scheinen, die ein sehr komplexes Bild vom Leben in der großen Provinz namens DDR ermöglichen.

Gefeierter Rebell am Schlagzeug

Neben dem Verfasser einer Lyrik von außergewöhnlicher Dichte und Zartheit begegnet uns in Günter Ullmann sowohl ein langhaariger Rebell am Schlagzeug einer gefeierten Rock- und Jazzband als auch ein Vertreter der Arbeiterklasse, der jahrzehntelang auf dem Bau schuftet; sowohl ein heimlicher Maler und Zeichner, dem man die Aufnahme an eine Kunsthochschule verwehrt hat als auch ein sich öffentlich bekennender Dissident, von der Stasi überwacht und durch Zersetzungsmaßnahmen in die Psychose getrieben. Seinen ersten vehementen Zusammenprall mit der Staatsmacht erlebte er 1968, als durch das Vogtland die Panzer von fünf Warschauer-Pakt-Armeen rollten, um die Tschechoslowakei zu besetzen. Ullmann und seine Freunde von der Gruppe "media nox" hatten sich von Manfred Böhme, später unter dem Namen Ibrahim Böhme als Ministerpräsidentskandidat und Stasispitzel bekannt geworden, bereden lassen, ihren Protest auf das Tragen von Abzeichen mit den tschechischen Nationalfarben zu beschränken. Böhme, der gewissermaßen die Schattenbiographie zu der von Ullmann liefert, war zu jener Zeit in verschiedenen Funktionen im Greizer Kulturbetrieb tätig, vor allem aber mit der Überwachung von Reiner Kunze beauftragt. Er hatte die Fähigkeit, seine schizoide Disposition auszuleben, indem er sich gleichzeitig als Mitarbeiter der Staatssicherheit und als Teil der Opposition begriff. Ullmann war dies nicht gegeben; einen frühen Anwerbeversuch hatte er zurückgewiesen und wurde seitdem in verschiedenen operativen Vorgängen von den Tschekisten bearbeitet. Es ist das Verdienst des Biographen, die folgenden historischen Ereignisse und ihre Auswirkungen auf Ullmann und seine Gefährten in all ihrer bedrängenden Fülle darzulegen, ohne dabei die innere Entwicklung seines Protagonisten aus dem Auge zu verlieren. Udo Scheer kommt dabei zugute, selbst Teil der Protestbewegung im nahen Jena gewesen zu sein; seine persönlichen Bindungen ermöglichen ihm ein lebensnahes Bild jener Zeit, in dem sich Erinnerungen der Familienmitglieder und Freunde mit den Berichten der Staatsorgane ergänzen und die schriftlichen und mündlichen Äußerungen des Lyrikers das Zentrum bilden. Die Gedichte jener Zeit zeugen davon, dass aus dem durchaus hoffnungsfrohen jugendlichen Protest die Isolation einsamen und scheinbar aussichtslosen Widerstandes geworden war. Die Mitte der siebziger Jahre hatte auch im Vogtland den Tod der letzten Illusionen gebracht. Reiner Kunze war aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden und verließ das Land. Jürgen Fuchs wurde kurz nach der Ausbürgerung Biermanns in Grünheide verhaftet, wo er im Hause Havemanns Zuflucht gefunden hatte. Günter Ullmann, wie die meisten seiner Freunde, protestiert in einem Schreiben an das ZK der SED und fährt nach Grünheide, um Lilo, der Ehefrau von Jürgen Fuchs, beizustehen. Nachdem er dort festgenommen und verhört wird, forciert die Staatssicherheit ihre Überwachungs- und Zersetzungsarbeit, die nicht ohne Erfolg bleiben sollte.

Martyrium nach Stasi-Verhören

Nach einem weiteren Verhör in Berlin, wohin sich Ullmann als Montagearbeiter hatte versetzen lassen, wird er orientierungslos in den Straßen der Hauptstadt aufgegriffen und in ein Krankenhaus eingeliefert. Sein Leben wird in den folgenden anderthalb Jahrzehnten zu einem Martyrium, das sich abwechselnd in psychiatrischen Kliniken, in seiner überwachten Wohnung und auf den Baustellen vollzieht, auf denen er nach wie vor schwere körperliche Arbeit leistet. Seine Wahnvorstellungen und Ängste gehen so weit, dass er enge Freunde und Familienmitglieder zu verdächtigen beginnt und zwei Selbstmordversuche unternimmt. Um so bewundernswerter ist die Kraft, mit der er sein innerstes, sein schreibendes Ich bewahrt. Die Gedichte sind es, die von Ullmann bleiben werden.