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24.11.2011

Die Geschichte vom Hungerstreik der Kali-Kumpel

von Bernd Jentsch und Hanno Müller Thüringer Allgemeine

Der Dresdner Dichter Volker Braun setzt Bischofferode ein literarisches Denkmal und verwandelt den Hungerstreik in einen gewalttätigen Aufstand. Archivfoto: Roland Obst

 

Volker Braun verbindet in seinem Buch über Bischofferode reale Fakten mit literarischer Fiktion: Die wahren Protagonisten der erbitterten Auseinandersetzung um den Erhalt des Werkes sind in der Erzählung nicht leicht auszumachen. Bischofferode. Um eines gleich vorweg zu nehmen: Berndt lebt, wenn auch nicht mehr in Bischofferode. Der brave Rüttemann sitzt nicht im Gefängnis und auch die blutigen Zusammenstöße in Eisleben sind historisch nicht so überliefert.

Wer sich mit der Geschichte des Arbeitskampfes im Kaliwerk Bischofferode auskennt, wird die meisten Figuren in dem Buch zuordnen können.

Denn längst nicht alle der damals Agierenden sind vom Autoren mit ihren wirklichen Namen aufgeführt worden, wie Johannes Peine, der westfälische Unternehmer wollte das Werk von der Treuhand kaufen, um es fortzuführen.

Friedhelm Teusch, der ehemalige Vorstandschef der Mitteldeutschen Kali AG findet sich im Buch wieder.

Bischof Joachim Wanke behält ebenso seinen Namen bei.

Heiner Brodhun, damals Betriebratsvorsitzender des Werkes wird dagegen in Bitterode, wie der Ort der Handlung bei Volker Braun heißt, zum Betriebsratschef Brothuhn.

Gerhard Jüttemann, zunächst der Stellvertreter von Brodhun und später selbst Betriebsratschef, der nach eigenen Angaben lange Gespräche mit Volker Braun während dessen Recherche geführt hat, taucht als Rüttemann wieder auf.

Berndt und Jendreck, zwei der 40 Hungerstreikenden behielten bei Braun auch in Bitterode ihre wirklichen Namen bei.

Professor Ulrich Steger, der damalige Aufsichtsratschef der Mitteldeutschen Kali AG, verwandelt sich dagegen im Buch zu Professor Segen.

Rita Süßmuth, frühere Bundestagspräsidentin, führt Volker Braun als Frau Süßmund in diese Geschichte ein.

Klaus Schucht, Verantwortlicher der Berliner Treuhandanstalt für den Kalibergbau der einstigen DDR, wandelt sich zum Treuhandgranden Schufft.

Bernhard Vogel taucht als Ministerpräsident Vogt auf.

Pfarrer Lothar Klapproth beteiligt sich als Pfarrer Klagroth am Arbeitskampf der Bergleute

Günther Henkel, Grubenführer, wird bei Braun zu Hensel.

Eine Leseprobe

Unfehlbar begannen sie nun ihren Marsch. Ihrer zwanzig oder neunzehn, die abkömmlich waren. Sie stellten sich nämlich auf die Hinterbeine. Wenn die Treuhand nicht den Vertrag offenlegte, wollten sie ihr in die Karten sehen.

Rüttemann, in den Aufsichtsrat kooptiert, blieb der Ordnung halber vor Ort. Der kleine Knäuel setzte sich in Bewegung, um den Faden allen Unglücks aufzurollen.

Die neue Wallfahrt hielt Bärbel für so eine Hungeridee. Berndt war wieder unter den Unbelehrbaren. Der zu Fuß losgeht, bis Bleicherode oder bis Berlin. Mager geworden, daß die Hosen rutschen. Er mußte sich vorher anhören, was die Welt dann denkt.

So ging er bedrückt und beladen, und da er noch hungerte, waren die bitteren Worte die ganze Zehrung. Im Grunde war er nach Liebe ausgehungert.

Es war ein regenverhangener Tag. Die zwei Transparente schlappten im Wind. Zwei Polizisten begleiteten sie, die mit ausschreiten mußten. Wenn man nach Nordhausen, nach Sangerhausen käme, wären sie mehr. Man würde dann sehn, wie sich die Tausend, die Zehntausend, die Hunderttausend vorwärtsbewegten! So dachten ihre Seelen, als sie den Ausflug machten. Aber sie zählten sich in Nordhausen, Sangerhausen auch an fünf Händen ab.

Sie liefen wie Wanderer am rechten oder linken Straßenrand. - Zehn Frauen und Männer im Zug waren noch im Hungern begriffen, dann teilten sie es vernünftigerweise auf, wie man ein Laib Brot teilt, und jeder war einmal der Hungerlappen.

Darauf mußte man kommen, den Hunger verteilen. Das schmeckte nach Gerechtigkeit.

Manchmal reihten sich zwanzig, dreißig ein und splitterten wieder ab. Aber das Herz schlug vor Erwartung. Sie wurden in Rathäusern empfangen.

Das aufgequollene Schuhwerk, bis auf die Brandsohle durch. Blasen näßten unter Blasen, am Knöchel das schiere Fleisch.

Nachts wickelte Ihse die Binden und Bandagen ab. Man lag durcheinander, was Mann und Frau war, nicht auseinanderzuhalten. Sie gaben am Tag soviel Glanz und Leben her, man war ganz stumpf und abgerieben.

In der zweiten Woche waren sie in aller Munde. Hensel im Transporter hörte die Sender ab. "Jeder Einzug ein Fest, jeder Kontakt wird enthusiastisch angegangen." Barbara las es in der Zeitung. Sie las es unwillig gern. Es geht friedlich zu. Wessen Urlaub ablief, der mußte zum Schacht zurück.

Die Grüber kam samstags, weil der Enkel eingeschult wurde. Die zog wieder los. Man sah durch die Fenster auf den Treck, wan-derndes Volk. Geduckt in die gelben Regenjacken schienen es Clowns zu sein. Ein Narrenzug (die Polizisten eingeschlossen), pfeifend, eine Karnevalsrotte, man applaudierte diesen Artisten, aber keiner kam mit.

Sie waren nun ein einziger Leib, den der Wind kämmte und auf den der Regen schlug. Die Blicke, die Rufe am Straßenrand galten ihrer (kleinen) Zahl, vor allem das kalte Schweigen traf sie insgesamt.

Nur Jendreck mit dem Megaphon ragte ein wenig heraus. Autofahrer, um sie herumgelenkt, hupten: ungeduldig solidarisch; in Genthin ein Mensch auf dem Fahrrad wilderregt: Wessen Straße ist die Straße! machte sich Platz, Jendreck röhrte: Wessen Welt ist die Welt. - Sie waren in der Welt ein Häuflein.

Man zählte jetzt die Polizeikräfte mit. Sie dachten dann, daß ihr Same nicht aufgehen könnte. Im roten Mansfeld hatten sie auf Schiefer gebissen. Als sie in Magdeburg über die Elbbrücke zogen, schloß SKET die Tore. Das Stahlwerk Brandenburg ausgestorben.

Irgendwann erreichten sie das Weichbild Berlins. Klagroth und Brothuhn stießen zu ihnen. Die Stimmung stieg. Hier war ein härteres Pflaster. Ein anderer Schlag Polizisten, die Hosen ausgebeult von Waffen. Die fuhren in Mannschaftswagen vor.

Man hatte wohl keinen Aufmarsch sondern einen Aufstand gemeldet. Die Aufgestandnen liefen ihrer armen hundert neben den Hundertschaften; man konnte sagen: sie führten die Polizei herum. (...)

Sie führten aber ihr Salz mit sich und kippten die Säcke vor das Gittertor. Diese unbestellte Lieferung nahm die Polizei entgegen. Berndt wurde von einem Knüppel am Kopf getroffen. Er lag am Boden, einen roten Heiligenschein um sein Haupt verströmend.

Die Bitterröder standen vor dem Rätsel. Das war ihr rotes Salz, hinausgeschüttet und zertreten. Als sie ihn von der kleinen Halde zogen, hatte Berndt das Salz im Mund. Er schmeckte das Unglück. Er hatte genug davon. Die Menge gaffte, ohne Rat zu wissen. Sie war nicht erzogen einzugreifen. Es hatten sich aber Zivilpolizisten daruntergemischt, um unerkannt zu randalieren.

Sie holten Pflastersteine aus den Kutten. Mit den Eiern, die im Schock geworfen wurden, war nicht der Hungermarsch versorgt gewesen; aber der Minister (und Manager) Schufft konnte sagen: Wer mit Eiern werfen kann, dem gehts noch nicht dreckig.

Es war nicht die Handvoll, die kämpfte, es war eine Macht, die bereit war zur Schlacht. Am Abend sah man das Haupttor der Treuhand mit Ketten verhängt und die Anstalt symbolisch geschlossen. Tage später lagen die Wanderer in ihren Säcken vorm Reichstag. Wie Bettler, sagte Finger. Die Hausherrin, Frau Süßmund, ließ die Freitreppe räumen.

Volker Braun beschäftigt sich lange mit dem Kalischacht

Volker Brauns literarische Auseinandersetzung mit den Ereignissen um die Schließung des Kalischachtes in Bischofferode hat eine Vorgeschichte. In Brauns Erzählband "Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg" (2004) über die "freie Republik Schwarzenberg" findet sich auch eine Hommage an den Weimarer Dichter Franz Fühmann und dessen letzte literarische Arbeit, die in den Bischofferöder Schacht führte.

Dem in der jüngsten Erzählung bearbeiteten Thema des Zuges der Kalikumpel vor die Tore der Berliner Treuhand am nächsten kam Braun im Jahr 2000 in seiner Darmstädter Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises.

Damals nannte der Dichter den 400-Kilometer-Fußmarsch der neunzehn Bischofferöder eine letztlich "dürftige Prozession mit ihren weißen Fahnen im Regen. Sie sind entschlossen, aber sie werden nicht mehr, in den Städten, die sie durchqueren, ein Rinnsal des Aufbegehrens. Diese Salz-, diese Untertagegestalten. Sie HUNGERN FÜR DIE ARBEIT vor den Toren der Treuhand, ein komischer Haufe auf dem Beton der Hauptstadt, wo ein Volk wohnt, das mitnichten kämpft."

Der 1939 geborene Volker Braun arbeitete selbst nach dem Abitur einige Jahre im Bergbau, ehe er zum Poeten, Dramatiker und Erzähler wurde. In Brauns Texten kontrastieren der phrasenhaft überhöhte Anspruch des Arbeiter- und Bauernstaates und die ernüchternde Realität gesellschaftlicher Erstarrtheit und Borniertheit.

Nach der Wende setzte sich Volker Braun mit dem Scheitern der DDR und den Folgen des Zusammenbruchs für die Ostdeutschen auseinander.

Braun beschreibt eine Art Kontinuität der Unmenschlichkeit und Ignoranz. "Wo es, in diesem Jahrhundert, um die Gesellschaft ging, war an die Gesellschaft kaum gerührt, und wo man die Gesellschaft verändern wollte, wurde nach den Menschen nicht lange gefragt", heißt es da. Eine Revolution, die kein Brot gibt, und eine Demokratie, die die Arbeit nimmt, seien keine ernsthaften Avancen. Kritisch sieht Braun die Bürgerrechtler, die "nicht den klügsten Weg geschlichen" seien.

Volker Brauns jüngste Erzählung ist teils Dokumentation, teils Fiktion. Die Geschichte - der beschworene Aufstand der Arbeitslosen im Osten - hat so nicht stattgefunden. Und wenn doch? "Es war hart zu denken, dass sie erfunden ist", konstatiert der Autor ganz im Stil des alten Dialektikers , "nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte