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22.11.2008

Der Turm: Uwe Tellkamps DDR-Romanepos

von Martin Straub TLZ

"Deutlicher als je spürte er das Melancholisch-Einsame der alten Villen mit ihren spitzen Giebeln und steilen Dächern, beleuchtet von den Adventssternen in den Loggien und auf den Altanen, vom geringen Licht der noch funktionierenden Straßenlaternen." O ja, da ist es wieder, dieses Stadtviertel, das die Dresdner den "Hirsch" nennen. Hier hat auch der Verfasser dieser Zeilen Kindheit und Jugend verbracht. Auf diesem "Turm", dieser "Insel", dem "Weißen Hirsch" in Dresden. Aber umsonnte Nostalgie stellt sich beim Lesen dieses Buches nicht ein. Vielmehr die dringliche Frage, in was für einem Land hast du gelebt, und wie hast du in ihm gelebt. Tellkamps Bilanz ist bitter, aber nicht ohne Hoffnung und lädt ein zu kritischer Selbstbefragung.
Der Autor des an die Spitze der Bestseller-Liste gestürmten Romans "Der Turm" nimmt diesen Stadtteil über der Elbe und die in ihm lebende, versippte und verschwägerte, bildungsbürgerliche Familie um den Chirurgen Richard Hoffmann, dessen Frau und Söhne und den Verlagslektor Meno Rohde als Teil fürs Ganze. Er spielt mit der Topographie des Ortes und seinen Straßennamen und erweitert ihn ins Real-Phantastische, wenn er noch jenes benachbarte Ostrom bei gibt, in dem die politische, wissenschaftliche und künstlerische Nomenklatur lebt. Da begegnet man dem Erfinder Ludwig von Arbogast oder Wissenschaftlern wie Londoner oder Schriftstellern wie Eschschloraque und dem Politiker Barsano. Der Leser kann hinter solchen Figuren Jürgen Kuczynski, Stephan Hermlin, Franz Fühmann oder Stefan Heym vermuten, den Erfinder Manfred von Ardenne oder den 1. Bezirkssekretär Hans Modrow.

Aber glücklicher Weise gibt es keine Eins-zu-Eins-Porträts. Tellkamp geht es um Haltungen der linken Intelligenz. Die Handlung des fast tausend Seiten starken Romans setzt 1982 ein und endet mit dem Fall der Mauer 1989. Der Autor nutzt das Sujet des Familienromans und bricht es zugleich auf. Denn der Roman besticht durch eine Fülle, ja Überfülle von Einzelschicksalen. Sie werden mal schlaglichtartig, mal ausführlich erhellt. Die "Insel" mit ihren verwunschenen Villen-Refugien ist eben auch keine, weil sie durch ein oberirdisches und unterirdisches Adergeflecht mit dem Festland verbunden ist. "Und ich erinnere mich an die Stadt, das Land, die Inseln, von Brücken zur Sozialistischen Union verbunden, ein Kontinent Laurasia, in dem die Zeit eingekapselt war in eine Druse, zur Anderzeit geschlossen ...", heißt es im Auftakt-Kapitel des Romans, mit "Ouvertüre" überschrieben. Und wenn die Zeit im "Tausendaugenhaus" oder im Haus "Karavelle" auch stehen zu bleiben scheint, die Leute im Gestern zu leben scheinen, in jenen mit Stilmöbeln gespickten Zimmern, mit ihren kostbaren Bildern, mit Hausmusik und Plattensammlungen. Der Zahn der Zeit nagt unaufhörlich, die Zeichen des Verfalls sind unübersehbar. Und schließlich müssen all die Turmbewohner ja hinaus ins feindliche Leben.

Faszinierend die sinnliche Dichte

Etwa auf die "Kohleninsel" mit ihrer kafkaesken Bürokratie, den "Hauptverwaltern" und "Obergutachtern". Richard Hoffmann muss in die Medizinische Akademie und in die Kämpfe um Verbandsmaterial und Schmerztabletten. Der vorsichtige und stille Lektor Meno Rohde in den Verlag und die Auseinandersetzungen mit dogmatischen Gutachtern. Man muss in die Warteschlangen vor den Gemüse- und Buchläden. Und Christian, der älteste Spross des Chirurgen, muss in seine Internatsschule im Erzgebirge. Gerade über ihn, dem wir zu Anfang des Romans als Schüler begegnen, kommt Welt in den Roman. Er durchläuft einen gnadenlosen Lernprozess. Als Soldat der NVA, als Insasse des Armeegefängnisses Schwedt und Arbeitssklave in einer Karbidfabrik. "Die Idee, daß er nun im Innersten des Systems angekommen sein mußte, ließ Christian eine lange Zeit in der noch längeren Dunkelheit nicht los."

Das Faszinierende in dem Roman ist seine atmosphärisch-sinnliche Dichte. Da entsteht die so uneinheitliche Stadtlandschaft Dresdens mit ihren Gerüchen nach schlecht verbrannter Braunkohle und ihren baufälligen Idyllen, dem Wind auf den von Trümmern geräumten Freiflächen und den Plattenbauvierteln. Ins Bild kommen die Industrielandschaften mit ihren vergifteten Flüssen und ihren "schaumig bespülten Stränden". Stalker-Landschaften. Als äußere Orientierungspunkte bringt der Autor als Chronist historische Ereignisse in den Kontext dieser Landschaften. Den Milliarden-Kredit von Franz-Josef Strauß, den Mord an dem polnischen Priester Popieluszko. Die schnellen Wechsel in der sowjetischen Führung. Tschernenkow, Andropow, Gorbatschow. Und natürlich Tschernobyl. "Schweinerei, dieses Tschernobyl, wie mich das offregt! Solche Lüchner, solche Gänkster, nee, neee. Wo das noch hinführen soll." Bei all diesen Bildern des Verfalls und der äußeren Erstarrung entsteht kein Bild der Bewegungslosigkeit. Denn Tellkamp erzählt eindrücklich, wie sich die Leute unter all diesen Zwängen bewegen oder bewegt werden. Und das geschieht vor allem durch Gesprächsszenen, die durch ihre Komplexität und Lebendigkeit zum dichterischen Zeitdokument werden.

Wie Tellkamp diese Debattenstrukturen in den unterschiedlichen Milieus gestaltet, nötigt Respekt ab. Man lese die Gespräche anlässlich der Feier zu Richard Hoffmanns 50. Geburtstag in der Gaststätte "Felsenburg", ein Zeitgemälde der besonderen Art. Ob in der Medizinischen Akademie, den überfüllten Straßenbahnen - immer wieder dreht es sich um die Mängel am tagtäglich Notwendigen. Um Gehen oder Bleiben. Eingestreut werden Witze. "Forum handelt es sich", fragt der Handwerker. Den Witz muss man den nach der Wende Geborenen schon erklären.

Die Sprache der NVA ist ein eigenes Kapitel. Der martialische Kasernenton, in der die Neuen "Lappen", "Möbel" oder "Tagessäcke" genannt werden. Das hohle Pathos "Vom Sinn des Soldatseins". Die Soldatenlieder mit ihrem Wehrmachtssound. Da gibt es die Debatten im Schriftstellerverband um Druckgenehmigungen und Ausschlüsse. Die Diskussionen in den Zirkeln parteinaher Schriftsteller und Gesellschaftswissenschaftler mit ihrem grenzenlosen Utopie-Vertrauen und den Zwiespälten im real-existierenden Sozialismus. "Philipp, der korrupte Funktionäre angriff und an den Sozialismus wie an etwas Heiliges glaubte - nie wäre er bereit gewesen, in Diskussionen über eine bestimmte Grenze hinauszugehen, etwa das Ganze in Frage zu stellen, wie Richard es tat ..."

Leitmotivisch sind die Gespräche geprägt von Angst und Misstrauen vor Spitzelei. Dieser Riss zwischen Öffentlichem und Privatem wird immer wieder evident und damit auch die Lüge bis zur Selbstverleugnung. Man drischt Phrasen. So lehren die Eltern ihre Kinder das Lügen, damit sie den Studienplatz bekommen. Nur nicht anecken. Und so lavieren nicht wenige Gespräche zwischen Anpassung, Selbstaufgabe und Aufbegehren. Offensichtlich wird an der Figur des Chirurgen Hoffmann, wie sich die Staatssicherheit erbarmungslos charakterliche Schwächen und private Konflikte zu eigen macht. Bei solchen Aufzählungen höre ich schon den Protest: Es war nicht alles schlecht.

Das Ende kommt von innen her

Tellkamp antwortet auf solchen Protest eben mit dieser manchmal überbordenden Fülle der Gespräche. Er malt nicht schwarz-weiß. Er gibt seinen Figuren nicht nur die Möglichkeit des Versagens oder die des Widerstehens. In den Handlungen oder Gesprächen wird oft beides Realität. Und Tellkamp, dem wohl die Figur des Christian biographisch besonders nahe steht, weiß nur all zu gut, welcher Anstrengung es in diesen Zeiten bedurfte, anständig zu bleiben. Eine solche Sicht legt aber zugleich die Potenziale dieser ostdeutschen Bürgergesellschaft frei und macht diesen hervorbrechenden Wandel, das Ende der DDR von innen her, deutlich.

Und da gibt es eindrucksvolle, unspektakuläre Szenen: Die Gemeinde in der Kreuzkirche während des Dresdner Requiems von Rudolf Mauersberger mit ihrer "Hoffnung auf Worte zur Gegenwart". Da wird gezeigt, wie die Stillen und Hoffnungslosen zu Protestierern werden, wie die "Grenzen des Schweigens, des Wegsehens, der Angst" trotz der Furcht durchbrochen werden. "Im Lande schien etwas vorzugehen, die Starre und Trägheit war nur noch eine dünne Schicht, unter der sich etwas regte ..." Tellkamp beschleunigt im letzten Drittel des Romans das Erzählen. Die Zeitsprünge werden größer, die manchmal ausufernde Detailverliebtheit wird geringer, die Episodenfülle wird verabschiedet. Dadurch gewinnt das Ganze an Stringenz und Dramatik.

Tellkamp endet seinen Roman beinahe lapidar: "... aber dann auf einmal schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, ,Deutschland einig Vaterland´, schlugen ans Brandenburger Tor." Ein bescheidener Schluss für ein bedeutendes Werk.

i Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 976 Seiten, 24,80 Euro