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07.03.2009

Wende-Geschichten: Der Lyriker Günter Ullmann stritt für eine 'besssere' DDR

von Madeleine Göring TLZ

NOVEMBER. die nackten bäume starren wie / abgefressene / skelette in den roten / morgen // der himmel ist / leer und / brennt // die angefrorenen blätter beginnen / im / eisigen licht zu / leuchten.

Günter Ullmann wurde am 4. August 1946 geboren und wuchs in Greiz auf. Nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule begann er eine Lehre als Facharbeiter (Maurer) mit Abitur und erlangte 1966 die Hochschulreife. Günter Ullmann versuchte, ein Studium am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher aufzunehmen, aber erhielt eine Ablehnung mit der Empfehlung, sich inhaltlich und formell an Zeitungsgedichten zu orientieren. Er bewarb sich erneut erfolglos an der Fachhochschule für Angewandte Kunst in Heiligendamm. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, begann er bei der Baufirma IHK zu arbeiten. 1969 heiratete er. Im Jahr der Hochzeit wurde seine Tochter Xandra geboren, die 1972 bei einem Autounfall tödlich verunglückte. Die beiden Söhne, Clemens und Kyrill, wurden 1970 und 1973 geboren. Seit 1990 bis zu seiner Pensionierung war Ullmann im Bereich Kultur und Museum in der Greizer Stadtverwaltung tätig. Nach dem Schreib- und Veröffentlichungsverbot in der DDR, bot die Wende ihm die Möglichkeit, sein verborgenes und umfassendes literarisches Werk herauszugeben.

Ich hatte Glück, denn ich bin erst nach dem Krieg geboren. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben zwei furchtbare Weltkriege getobt. Die Kindheit war eine glückliche Zeit. Ich denke gern an sie zurück. Wir lebten zwar in ärmlichen Verhältnissen, aber ich bin bei einer Familie im Haus aufgewachsen, bei der wir damals wohnten, und die waren wie Opa und Oma zu mir. Das war eine sehr glückliche Zeit. Ich denke gerne zurück. Damals betete ich, dass die Algerier sich von den französischen Kolonialherren befreien. Ich hatte schon früh einen Gerechtigkeitssinn und habe den Befreiungskampf der Afrikaner und der Menschen in der Dritten Welt gegen die weißen Kolonialherren verfolgt. Meine katholische Mutter hat mich und meine drei Geschwister entgegen der kommunistischen Überzeugung meines Vaters christlich erzogen. Die unterschiedlichen Weltbilder meiner Eltern, einerseits die katholische Haltung meiner Mutter und andererseits die kommunistische Haltung meines Vaters, vereinten sich in deren gemeinsamer moralischer Gesinnung. Die Gemeinsamkeit eines Kommunisten und eines Christen ist die starke moralische Vorstellung vom Menschen. Daher gab es zwar Meinungsunterschiede zwischen meinen Eltern, aber nie einen Konflikt.

Mein Vater war dagegen, dass meine Mutter in der Kirche war. Aber sie ist dennoch in die Kirche gegangen. Sie hat sich auch nicht reinreden lassen. Sie hat ihre Kinder, ich habe noch drei Geschwister, christlich erzogen. Ich habe sowohl die Konfirmation gemacht und die christlichen Stunden absolviert als auch die Jugendweihe. Und somit hat es eigentlich keine Schwierigkeiten gegeben. Wenn ich allerdings konsequent gewesen wäre, dann hätte ich mit Problemen rechnen müssen. Denn unter anderen wurde es Konfirmanden verweigert oder erschwert, die EOS zu besuchen. Genauso verhielt es sich mit der Parteizugehörigkeit. In seltenen Fällen bekam ein Parteiloser eine Führungsrolle in der Gesellschaft oder in einem Betrieb. Das sah man gar nicht gern. Die meisten waren in der SED. Mein Vater war auch in der Partei. Man muss sich vielleicht die furchtbare Zeit des Faschismus und des Zweiten Weltkrieges vorstellen. Daher haben nach 1945 viele an einen sozialistischen Neuanfang geglaubt, denn sie erhofften sich eine bessere Welt. Die Grundideen des Marxismus, die Befreiung der Menschheit von der Ausbeutung und die Herstellung der Gleichheit zwischen Menschen, das klingt ja auch nicht schlecht, möchte ich mal sagen. Das sind ja alte Menschheitsträume an und für sich. Wenn der Marxismus nicht die Gewalt verteidigen würde. Die marxistischen Grundideen führten dazu, dass mein Vater und diejenigen, die den Krieg und den Faschismus erlebten, an die Sache geglaubt haben. Aber in meinem Elternhaus wurde kaum über Politik geredet. Ich habe daher wenig von der Politik durch das Elternhaus mitbekommen. Zum Beispiel haben wir von dem Volksaufstand 1953 überhaupt nichts mitgekriegt. (...)

Hilbig, Christa Wolf und Kunze gelesen

Ich habe sehr viel gelesen in der Kindheit, bevor ich selbst anfing zu schreiben. Als junger Mensch las ich vor allem die Gedichte von Heim, Trakl und Lasker-Schüler. Ich war begeistert von diesen Lyrikern. Dann habe ich die Prosa von russischen Autoren wie Tolstoi und Dostojewski - "Die Brüder Karamasow" - gelesen. Ich habe mich auch mit den französischen Existentialisten und der ganzen tschechischen Literatur auseinandergesetzt. Die gute DDR-Literatur, die versucht hat, zwischen den Zeilen verschiedene Sachen anzudeuten, die sie nicht sagen durfte, habe ich auch gelesen. Es gibt eine ganze Reihe guter DDR-Literatur: der Hilbig, Christa Wolf, der Johnson, der Heym, der Kunze, der Kunert, Sarah Kirsch und andere. Also, ich könnte noch viele Namen nennen. Ich habe ja die ganze ostdeutsche und auch westdeutsche Literatur gelesen. Die Lektüre hat auch mein eigenes Schaffen ein bisschen beeinflusst. Das lässt sich nicht vermeiden. Vielleicht war mein Schreibstil am Anfang expressionistischer. Aber später lernte ich Reiner Kunze kennen. Der reduzierte stark am Kern und das hat mich wahrscheinlich etwas beeinflusst, obwohl ich nie langatmig geschrieben habe.

In der Schulzeit gründeten Günter Ullmann und seine Freunde die Band "Media Nox", die 1965 aufgrund ihrer regimekritischen Haltung Auftrittsverbot bekam. Die beständige kritische Gesinnung und verschiedene Protestaktionen führten in der Folgezeit zu Konfrontationen mit der Obrigkeit.

In der Jugend gründeten wir im Strom der Beatles und der Rolling Stones eine Kapelle. Wir nannten uns "Gallow Birds" in Anlehnung an den Galgenberg in Greiz. Das heißt: die Galgenvögel. Da englische Namen verboten waren, haben wir uns in "Rats-Kombo" umbenannt. Und damals musste jede Kapelle eine Einstufung machen, das ist ja jetzt anders. Die meisten, auch die jungen Leute können sich das ja gar nicht mehr vorstellen, wie das überhaupt war in der DDR. Bei der Einstufung haben wir gesagt, wir heißen die "Rats-Kombo". Aber später sind sie dahinter gekommen. Denn sie haben gehört, dass unsere Fans bei einem unserer Auftritte uns "Rats" nannten. Und da mussten wir erneut vorsprechen und unseren Namen ändern. Da nannten wir uns "Media Nox", Mitternacht, und seitdem heißen wir so. Wir haben englische Titel gesungen. Damals war Rock ´n´ Roll modern, vor allem die Musik der Rolling Stones und der Beatles. Und der Musikstil der Kapelle entwickelte sich bis heute über Rock ´n´ Roll, Beat, Blues bis hin zum Modern Jazz. Jetzt machen sie reinen Modern Jazz. Die Band spielt ja immer noch.

Ja, meine Kapellenzeit war eine schöne Zeit. Ich denke gern zurück. Wir hatten viele Auftritte. Vor allem im sächsischen Raum. Hier in der Kapelle habe ich Schlagzeug gespielt, gesungen, getextet und komponiert. Wir hatten viele Protestsongs. Bei den Vorspielen bei der Einstufung mussten die Prozente eingehalten werden. Wir durften da nicht mehr als 40 Prozent Westtitel spielen und mindestens 60 Prozent Osttitel. Aber auch bloß die Titel, die genehmigt worden sind. Und um das zu umgehen, haben wir viele Eigenkompositionen gespielt. Die jungen Leute wissen das ja gar nicht mehr. Viele Menschen denken, die DDR war schön. Aber damals waren lange Haare modern. Ich trug auch lange Haare. Die jungen Leute hatten alle lange Haare. In der ersten Zeit hat die Polizei die jungen Leute von der Straße weg zum Frisör geschafft. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Anfänglich war auch die Popmusik, z. B. die Beatles oder die Rolling Stones, in der DDR verboten. Später konnte man es hören, aber anfänglich war es verboten. Da hieß es: "imperialistische Dekadenz". Die Ausdruckweisen "imperialistische Lebensweise" und "entartete Lebensweise" wurden für eine verbotene und verpönte Lebensführung verwendet. Am Ende der DDR hat sich das etwas liberalisiert. Da gab es dann auch bei Amiga Beatles-Platten, und sogar die Funktionäre trugen lange oder längere Haare. Aber in unserer Jugendzeit war es noch ganz schön scharf. Da war es noch ganz schön hart. Die englischen Titel waren alle verboten. Die haben schon etwas für die Jugend getan. Aber um sie in ihrem Sinne auszurichten.

Wir wollten ja nun ausbrechen. Wir wollten ja nun unser eigenes Leben gestalten. Wir wollten einen Sozialismus mit einem demokratischen Antlitz beziehungsweise mit einem menschlichen Antlitz. Wir wollten unsere Meinung sagen und diskutieren. Wir waren für die Pressefreiheit, für die Redefreiheit und für freie Wahlen. Denn das gab es alles in der DDR nicht. Die Wahlen waren Wahlbetrug. Denn es gab zwar Kandidaten, aber keine Gegenstimmen und diejenigen, die nicht wählen gegangen sind, wurden notiert. Und hatten dann manchmal Schwierigkeiten. Die Wahlkabinen waren nur zum Schein aufgestellt. Denn kein Wähler ging in die Kabine. Wenn man in die Kabine gegangen ist, wurde man ja auch notiert. Die Wahlen waren Lug und Trug. Das ganze System war Lug und Trug. Ich bin ganz froh, dass die DDR überwunden ist.

Wenn mir auch vieles heute nicht gefällt. Das ist ganz klar. Es gibt viele Probleme z. B. die hohe Arbeitslosigkeit. Aber in der DDR hatten wir 250 000 politische Gefangene bis zur Wende und an die Tausend Todesopfer an der Mauer. Und es war schon ein schlimmes System. Wir haben alle zwei Gesichter gehabt. Denn man musste lügen in der DDR. Die eine Wahrheit war die, die man sagen musste und die abgehört wurde in der Schule oder im Betrieb. Und wenn man dann im Freundeskreis oder in der Familie war, da hat man erst mal seine richtige, seine eigene Meinung gesagt.

Nach Prager Frühling erstmals verhaftet

Der Prager Frühling 1968 verstärkte die Protesthaltung von Ullmann und seinen Freunden, dem Greizer Kreis, weil der Einmarsch der Verbündeten und der Sowjets in Prag ihnen die letzte Hoffnung der Verbesserung des DDR-Regimes nahm. 1968 wurde Günter Ullmann erstmals verhaftet und hielt, trotz immerwährender Bedrohung und Überwachung durch die Staatssicherheit, an seinen Idealen fest.

1968 bin ich zum ersten Mal mit der Staatssicherheit und der Polizei in Konflikt gekommen. Der Ibrahim Böhme (DDR-Oppositioneller, später als Stasi-IM enttarnt) spielte damals noch eine große Rolle bei uns. Er war ein Erzieher im Sinne des Humanismus. Er hat uns zum Widerstand aktiviert. Wir überlegten, wie wir protestieren könnten, und da schnitten wir Fahnen der CSSR aus und hefteten sie uns an die Jacke. Das ist ja an für sich nur einfältig, aber mich haben sie aus dem Tanzsaal heraus verhaftet. Sie brachten mich zum Verhör auf den Elsterberg. Sie befragten mich und wollten meine Beweggründe erfahren. Dann ließen sie mich gehen. Es ging eigentlich harmlos aus.

Nach 1968 waren wir dann ziemlich pessimistisch. Als 1976/77 Reiner Kunze rausgeekelt wurde und Biermann ausgebürgert wurde, haben wir aus Widerspruch Protestschreiben abgeschickt. Wir waren ein Freundeskreis, der Greizer Kreis. Wir haben Petitionen an den Schriftstellerverband und den Verband der Bildenden Künstler, an die Regierung, an den Ministerrat und den Staatsrat und so weiter verfasst. Aufgrund des öffentlichen Protests wurde ich siebenmal in Gera von der Stasi verhört. Dem war ich psychisch nicht gewachsen. Denn ich litt dann unter Verfolgungswahn und musste mich in stationäre Behandlung begeben. Ich habe mir die Zähne ziehen lassen, weil ich mir einbildete, sie hätten mir in die Zähne Wanzen eingebaut. Ich habe mir eingebildet, ich werde überwacht. Heute weiß ich aus meinen Stasi-Akten, dass ich auch überwacht worden bin. Ich habe ja mehrere dicke Akten. Es war eine schlimme Zeit für mich und für die ganze Familie natürlich auch. Die Freunde haben mich immer wieder ein bisschen aufgemuntert.

Ich hatte Jürgen Fuchs vor seiner Abschiebung in den Westen kennen gelernt. Er war ein guter Freund von mir. Er bot mir an, mich in den Westen zu holen. Aber ich habe es abgelehnt. Ich wollte in Greiz bleiben. Ich wollte da bleiben, wo ich geboren worden bin und wollte hier Zeitzeuge sein. Ich bin nicht gegangen. Dann kamen meine ersten Veröffentlichungen in der BRD. In der DDR wurden die Verlage angeschrieben, um zu verhindern, dass sie etwas von mir veröffentlichen. Das habe ich aus den Stasi-Akten entnommen. In der BRD hat Jürgen Fuchs in einer literarischen Zeitschrift, die von Günter Grass und Heinrich Böll herausgegeben wurde, Gedichte von mir veröffentlicht. Die Veröffentlichung meiner Gedichte veranlasste die Stasi dazu, meine Frau zu verhören und sie zu bedrohen. Meine Frau war Kindergärtnerin und arbeitete in der Volksbildung. Die Stasi bestellte sie eines Tages nach der Arbeit ein. Sie haben sich ihr vorgestellt und haben ihr gedroht, dass, wenn sie nicht auf mich aufpasst und Einfluss auf mich nimmt, so dass ich das Schreiben von Gedichten, die Veröffentlichungen in der BRD unterlasse und den Briefwechsel mit Jürgen Fuchs einstelle, dann könnte uns das Sorgerecht für die Kinder weggenommen werden. Da würden sie uns die Kinder wegnehmen. Und das war natürlich besonders hart nach dem Tod von unserer ältesten Tochter. Ich ließ mich dadurch nicht einschüchtern und veröffentlichte weiter in der BRD unter anderem Kindergedichte in einer Anthologie. Lutz Rathenow gab die Anthologie "Es war ein Fänger im Schnee" im Oberbayern-Verlag heraus und da waren Gedichte von mir drin.

Den Mauerfall im Fernsehen verfolgt

Die Stasi lud mich erneut vor und bedrohte mich. Sie verlangten von mir, dass ich die Veröffentlichungen einstelle. Sie drohten mir mit einer Gefängnisstrafe, wenn ich dem nicht Folge leisten werde. Aus meiner Stasi-Akte geht hervor, dass U-Haft vorgesehen war. Aber dazu ist es unerklärbarer Weise nicht gekommen. Vielleicht spielte mein schlechter gesundheitlicher Zustand eine Rolle.

Günter Ullmann setzte sein schriftstellerisches Schaffen im Verborgenen fort und ging tagsüber seiner beruflichen Tätigkeit nach. Obwohl er sich an den Protestdemonstrationen 1989 aktiv beteiligte, kam das Ende der DDR auch für ihn unerwartet.

Nachdem unsere Hoffnungen 1968 zerbrochen sind und durch die Kunze-Sache und die Biermann-Sache 1976/77 und die Abschiebung von Jürgen Fuchs in den Westen, haben wir eigentlich in einem sozialdemokratischen Deutschland das bessere Deutschland und den besseren Weg gesehen. Der Regierungsstil von Willy Brandt oder Helmut Schmidt gefiel uns viel besser. Wir hatten die Hoffnung auf eine bessere DDR schon aufgegeben. Dann kam aber noch einmal die Solidarnosc-Bewegung in Polen. Die Solidarnosc-Bewegung und vor allem Gorbatschow gaben uns wieder ein wenig Hoffnung und Mut zurück. Den plötzlichen Zusammenbruch der DDR hätten wir nicht für möglich gehalten. Die DDR ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Überhaupt niemand war auf die Wende vorbereitet und überhaupt niemand hat damit gerechnet. Obwohl uns schon deutlich war, dass irgendwann einmal etwas geschehen muss.

Dann war die Fluchtwelle über Ungarn. Und es war schon klar, dass nun etwas passiert, aber dass es so schnell zusammenbricht, das hätten wir nicht für möglich gehalten. Darauf war auch kein Politiker - weder im Osten noch im Westen - vorbereitet. Wir wollten an und für sich nicht das eine Deutschland. Wir wollten eine bessere DDR. Aber im Rückblick muss ich sagen, wäre eine bessere DDR wahrscheinlich nicht möglich gewesen. (...) Ich weiß jetzt nicht mehr genau, ob die Demonstrationen in Greiz am Montag oder am Sonnabend waren. Aber hier in Greiz hat auch jede Woche eine Demonstration stattgefunden und da bin ich natürlich in der ersten Reihe mitmarschiert. Wir trafen uns meistens am Theater und formierten uns, und dann ging der Zug durch die Stadt. Das war eine schöne Zeit. Ich denke gerne zurück.

Da Greiz eine Kleinstadt ist, kannte man die Mitmarschierenden. Wir haben untereinander diskutiert. Manche hatten auch Bedenken und Ängste. Sie fragten sich, ob die Demonstrationen einen Zweck hätten und sie etwas bewirken könnten. Sie befürchteten, dass ihr offener Protest zu Schwierigkeiten mit dem Regime führen würde. Aber letztlich sind sie doch alle mit gelaufen und haben demonstriert: "Demokratie", "Stasi in die Produktion" und diese ganzen Slogans. Es war eine schöne Zeit. (...) Den Mauerfall habe ich vor dem Fernsehen verfolgt. Das war ein befreiendes Gefühl.

Obwohl die Wende für Günter Ullmann eine Befreiung bedeutete und berufliche wie auch private Veränderungen einleitete, betrachtet er die Ergebnisse dieser Entwicklung kritisch.

Zuerst waren alle begeistert, dass die DDR wie ein Kartenhaus zusammengestürzt ist und dass es nun ein Deutschland gibt. Dass es natürlich dann in der Folge so viele Fehler gegeben hat, wie mit der Treuhand, und dass viele Betriebe bankrott gegangen sind, das haben wir nicht vorher sehen können und das wollten wir auch nicht. Dass muss ich gleich noch dazu sagen. Uns persönlich geht es besser. Wir sind natürlich auch privilegiert gewesen. Greiz ist eine Textilstadt und die ganze Textilindustrie ist nach der Wende zusammengebrochen. Daher sind viele Menschen arbeitslos geworden. Es war eine prekäre Situation für viele Greizer. Wir waren in der Hinsicht privilegiert, dass meine Frau und ich unsere Arbeit behielten. Obwohl ich meine Stellung im Baubetrieb verlor, habe ich schnell eine neue Beschäftigung in der Stadtverwaltung gefunden. Ich habe dort im Bereich Kultur gearbeitet und Veranstaltungen organisiert, z. B. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und so weiter. Als die Abteilung Kultur reduziert worden ist, bin ich ins Museum gewechselt. (...) Ich habe 1996 die Bürgermedaille der Stadt Greiz bekommen. Daran denke ich gern zurück. Außerdem bin ich auch 2004 von der Schillerstiftung in Weimar geehrt worden. Es lässt sich noch vieles aufzählen. Aber dass die DDR den Bach runter gegangen ist, da bin ich schon ganz froh drüber.

TLZ-REIHE

(fqu) Im Rahmen eines Seminars am Historischen Institut der Universität Jena haben Studenten 16 Thüringer nach ihren Erfahrungen mit der DDR und der Wende befragt. Die Lebensgeschichten erscheinen zur Leipziger Buchmesse in einem Sammelband. Die ehemalige SED-Kreissekretärin, das Mitglied einer Blockpartei, der Liedermacher und der Schriftsteller-Dissident geben Auskunft. "Die Äußerungen lassen sich nicht einfach in pro oder contra DDR-Sozialismus einteilen", betont die Historikerin Annette Leo.

Die TLZ druckt mit freundlicher Genehmigung des Verlags einige der Interviews in leicht gekürzter Fassung. Das Buch wird am 7. April, 20.15 Uhr, bei einem TLZ-Podium in der Thalia-Buchhandlung Jena (Neue Mitte) präsentiert.

i Mein Land verschwand so schnell ... 16 Lebensgeschichten und die Wende 1989/90, hrsg. v. Agnès Arp und Annette Leo, weimarer taschenbuch verlag, Reihe Campus, 216 Seiten, 14.90 Euro