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18.12.2003

Das Buch in den Zeiten von Pisa

von Volker Paczulla Ostthüringer Zeitung

Ministerin Schipanski beglückwünscht Jenaer Lese-Zeichen e.V. zum Kulturpreis 2003 Von OTZ-Redakteur Volkhard Paczulla Wer sich in diesen Zeiten um die Förderung des Lesens verdient macht, hat einen Preis verdient. Der Kulturpreis 2003 des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst geht deshalb an den Jenaer Lese-Zeichen e.V.

Vor etwa hundert geladenen Gästen überreichte gestern in Erfurt Ministerin Dagmar Schipanski die Auszeichnung. Nicht im Barocksaal der Staatskanzlei wie im vergangenen Jahr, sondern im Foyer der neuen Erfurter Oper. Ein sehr passender Ort, befand die CDU-Politikerin. Denn kaum ein anderes Gebäude habe in jüngster Zeit die Bedeutung von Kultur so vor Augen geführt. Dem Verein Lese-Zeichen wie dem Theater gehe es um die Kostbarkeiten der Literatur.

Aber wie kostbar ist Geschriebenes, wenn es keiner lesen will? Nur noch 17 Prozent der 15-jährigen Mädchen und sechs Prozent der gleichaltrigen Jungen zählen Lesen zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, erinnerte Schipanski an die beunruhigenden Ergebnisse der OECD-Studie Pisa. Dabei sei Lesen eine Schlüsselkompetenz, eine Schule des Verstandes und des Genießens obendrein. Leider werde der Mensch nicht als Leser geboren. Die Fähigkeit muss erworben werden, und die Begeisterung dafür komme nicht von allein. Selbst die Harry-Potter-Hysterie ist in den Augen der Ministerin nicht tröstlich. Weil spektakulär, aber singulär.

So gehe der Kulturpreis diesmal an einen Verein, der sich seit seiner Gründung 1998 um mehr verdient macht als regelmäßige Autorenlesungen. Eine sehr belesene Jury wählte Lese-Zeichen e.V. als Preisträger, weil dieser Förderverein des Landesverbandes Deutscher Schriftsteller eine lebendige Literaturszene hervor gebracht hat. Bekannt geworden nicht nur durch viele Veranstaltungen auf der Literaturhoch-Burg Ranis, engagieren sich die Initiatoren um Vereinschef Hans Westerheide und Geschäftsführer Dr. Martin Straub in ganz Thüringen besonders für die Kinder- und Jugendarbeit und die Förderung junger Autoren. Ministerin Schipanski wünschte Lese-Zeichen weiter viele kreative Ideen, damit Menschen wieder mehr der Faszination Buch erliegen statt den Bilderwelten von Computern, Kino und TV. - "Ob Sie da den richtigen Laudator eingeladen haben?", fragte lächelnd Werner Dieste. Als Landesfunkhausdirektor des MDR steht er nur scheinbar in Konkurrenz zum gedruckten Wort. Dieste ist ein Bücherfreund, daran ließ seine Laudatio keinen Zweifel. Auch wenn Lesen als Leidenschaft selten geworden ist, sagte er, "brauchen wir kein Lamento, sondern einfach ein besseres Marketing". Eben darin liege die Bedeutung von Lese-Zeichen e.V. Die Vergabe des Kulturpreises 2003 an den Verein zeige auch, dass Thüringen nach Pisa nicht bei null anfangen muss. Leseförderer und Lesezauderer zusammen zu bringen sei eine Aufgabe, die auch ein kleiner Verein wie Lese-Zeichen mit 35 Mitgliedern in beeindruckender Weise angehen kann.

Der Kultur-Haushalt ist in Zeiten knapper Kassen keine Insel der Glückseligen, vergaß Schipanski nicht zu erwähnen. Dass trotz Streichungen zum Beispiel in der Denkmalpflege noch Geld für engagierte Kulturvereine da ist, sei ihr wichtig. Projekte von Lese-Zeichen e.V. werden jedoch auch von Sponsoren unterstützt.

Der Kulturpreis 2003 ist mit 12 800 Euro dotiert.