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18.01.2016

Dableiben – Weggehen – Wiederkommen: Autorin Danz fragt sich, was Heimat ist

von Daniela Danz TLZ

Die Lyrikerin Daniela Danz in ihrem Arbeitszimmer in Kranichfeld. Foto: Harald Wenzel-Orf

Ein Wunder ist, wie wir einander auch nur ansatzweise verstehen können, zumindest so weit, dass wir nicht aufeinander los oder nichts als aneinander vorbeigehen. Ein Wunder, das mir nicht in den Kopf will. Daniela Danz fragt sich in ihrem Buch, was Heimat ist.

Nur manchmal scheint es so einfach. So möglich, muss man richtiger sagen. In diesem Moment war das Verstehen überaus möglich, könnte man sagen im Nachhinein. Eine Gnade, anders lässt es sich nicht erklären, und das ist eine Erklärung, die ich nicht mehr verstehen muss, denn sie zielt auf das schlechthin Unvorstellbare.

Wenn aber der Moment kein gnädiger ist, dann, glaube ich, kann ein Schöner nicht einen Hässlichen verstehen, ein Kleiner nicht einen Großen, ein Mann nicht eine Frau. Oder ein Weggegangener nicht einen Dagebliebenen. Ein Dagebliebener nicht einen Wiedergekommenen. Ein Wiedergekommener nicht einen Niewiedergekommenen. Und sie alle verstehen am Ende nicht mal sich selbst.

Dinge geschehen mit uns, Dinge geschehen durch uns, Dinge geschehen ohne uns. Etwas kommt so oder anders. Eine Krücke – aber was wäre alles Stabile sonst – ist das Gefühl, wir hätten die Dinge in der Hand. Ja, ich glaube, ich hatte es in der Hand. Ich habe gewählt, wegzugehen. Ich habe gewählt, wegzubleiben. Dann habe ich gewählt, zurückzukehren. Aber nicht ganz zurück beziehungsweise gar nicht, sondern ganz woandershin. Ein anderer Ort, eine andere Gegend, andere Menschen.

Aber es geht mit der Entfernung zum Herkommen noch so hin, ich weiß so ungefähr, wie man sein muss, um sich anzuschmiegen an die Menschen, die Landschaft. Die Formen dieser Landschaft sind mir ein wenig vertraut. Doch mehr noch fremd. Ich mühe mich, diesen Landstrich zu erobern, ihm zu erliegen, eigentlich: ein Halm zu werden in ihm. Ein fremder Halm, denn etwas anderes werde ich nie sein. Ein etwas einzelner Halm, der dieselbe Schneelast im Winter trägt wie die anderen Halme und dieselbe Sonne im Frühling genießt. Fremd zu sein und einzeln bedeutet Freiheit, trotz der Wurzeln, die ich mich zu schlagen bemühe. Nichts ist selbstverständlich. Alles könnte anders sein. Ich sehe die griechischen Helden um mich herum durchs Hochfeld gehen. Denn es könnte noch immer sein, dass es ein Traum ist, dass ich hier bin. Ich habe aber schon zarte Wurzeln geschlagen und atme die hiesige Luft und nehme mir zum Leben ein Stück der hiesigen Erde, ich stehe in ihrer Schuld. Ich versuche zu blühen für sie. Wurzeln sind, wo sie sind. Aber was über der Erde wächst, bewegt sich im Wind, je nachdem, wie er gebaut ist, wie geschützt er steht und wie stabil.

„Das Bleßhuhn lebt stabil an seinem Ort“, steht in Zedlers Universallexikon. Wie kann ein Vogel stabil leben mit seinem leichten Vogelschlaf, habe ich mich immer gefragt. Aber es ist so, es gibt, wenn man in Grenzen lebt, die Stabilität der inneren Unwucht. Sie macht, dass wir schwingen, und treibt uns hinaus. Die Grenzen hindern uns am Ausbrechen aus unserem Raum. Mein Raum hat Grenzen, er hatte es immer, ich wusste es nicht und habe probiert, über sie hinauszugelangen, aber die Unwucht hat mich aus dem System geschleudert. Das System ist der Rahmen des Raumes, in dessen Grenzen ich lebe, eine Galaxie ungefähr und der Raum ein Planet.

Es gibt andere Planeten, auf denen ich leben kann, völlig verschiedene Orte auf dieser Welt, aber wohl keine anderen Galaxien, aus denen mich nicht meine Unwucht ins Schwarze hinausschleudern würde. Es gibt parallele Orte, an denen ich lebe. Jetzt, wenn ich übers Hochfeld gehe, gehe ich auch durch das armenische Grenzland von Noyamberyan oder durch die Straßen von Belgrad. Ich lebe hier und woanders. Der Ort, an dem ich lebe, ist ein Beispiel, das Muster eines Ortes, das war nicht einfach zu finden. Ein möglicher Ort ist das, ein überaus möglicher Ort. Später mehr.