Presse - Details

 
05.06.2015

Bekenntnis besonderer Art: Neue Lyrik-Anthologie über Thüringen

von Frank Quilitzsch TLZ

Thüringen - das sind nicht nur Berge, Rennsteig, Bratwurst und Klöße, sondern auch die Gesänge seiner Dichter. Mit der neuen, mittlerweile dritten Thüringer Lyrik-Anthologie haben sich zwei junge Herausgeber aufgemacht, das Land literarisch zu erkunden. Foto: Alexander Volkmann

„Thüringen ist eine Gegend mit Potenzial“, schreibt der Dichter Heinz Czechowski: „Man kann sich bekennen.“ Ein Bekenntnis besonderer Art wurde Donnerstagabend in der Eckermann-Buchhandlung in Weimar präsentiert: „Thüringen im Licht - Gedichte aus fünfzig Jahren“.

Weimar/Erfurt. „Thüringen ist eine Gegend mit Potenzial“, schreibt der Dichter Heinz Czechowski: „Man kann sich bekennen.“ Ein Bekenntnis besonderer Art, ein durch und durch poetisches und eines auch zu unseren jungen Dichtern, wurde Donnerstagabend in der Eckermann-Buchhandlung in Weimar präsentiert: „Thüringen im Licht – Gedichte aus fünfzig Jahren“.

Der Band versammelt Stimmen verschiedener Generationen – von den Altvorderen wie Eva Strittmatter, Hanns Cibulka, Reiner Kunze oder Wulf Kirsten über Vertreter der mittleren Generation à la Steffen Mensching, Lutz Rathenow oder Harald Gerlach bis zur jüngeren, zu denen man neben Moritz Gause, Peter Neumann und Christian Rosenau auch die beiden Herausgeber der Anthologie, Nancy Hünger und Ron Winkler, zählen möchte.

Letztere lassen mit „Thüringen im Licht“ eine andere Herangehensweise erkennen als ihr Förderer Wulf Kirsten (Jahrgang 1934), der mit seinen Thüringen-Anthologien „Eintragung ins Grundbuch“ (1996) und „Umkränzt von grünen Hügeln...“ (2004) eine viel größere Spannweite verfolgte; letztere umfasste Thüringen-Gedichte aus acht Jahrhunderten.

Warum war eine neue Anthologie fällig? „Weil das Land seither schon wieder so viele neue Dichter hervorgebracht hat“, sagt Nancy Hünger. „Aber wir haben ja nicht nur Stimmen aus Thüringen, sondern vor allem Stimmen über Thüringen gesammelt – also auch aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Hessen.“ Doch schätzungsweise die Hälfte der 80 Autoren darf zu Thüringen gezählt werden.

In den Gedichten aus fünfzig Jahren kommunizieren drei bis vier Generationen miteinander. Der 2009 verstorbene Czechowski sah noch auf der Fahrt nach Thüringen den „Rauch über Leuna“. Der Südthüringer Walter Werner erinnerte sich, wie „mein Freistaat entstand“. Wulf Kirsten, Walter Hodjak und Helga M. Novak, aber auch Jüngere wie Jan Volker Röhnert und Harry Weghenkel reiben sich an der Geschichte des Ettersbergs bei Weimar, auf dem die Nationalsozialisten das KZ Buchenwald errichteten. Der Block mit den Buchenwald-Gedichten steht etwa in der Mitte des Bandes; das habe „sich so ergeben“, meint Hünger, doch zufällig ist das wohl auch nicht.

„Ich weiß gar nicht, ob wir Jüngeren wirklich andere Fragen stellen. Ich fand aber, dass es Zeit war, die Gegenwart, die Jetzt-Zeit stärker in den Fokus zu rücken“, sagt die 33-jährige Mitherausgeberin. Die Erfurterin hat auch eigene Gedichtbände veröffentlicht und ist gerade für ihre neuen literarischen Projekte mit dem Harald-Gerlach-Stipendium des Freistaats Thüringen bedacht worden.

Das Übergreifende der Anthologie sehen Hünger und ihr Kompagnon Ron Winkler – der übrigens die Idee zu dem Band hatte – in der kollektiven Suche nach der Identität. „Was soll das Thüringische sein? Was macht die Tradition und Stimmung eines Landes aus? Wie spielen Landschaft und Geschichte in die Biografien der Menschen hinein?“ Solche Fragen, findet sie, lassen sich am besten poetisch beantworten.

Im Vorwort überlagert das Poetische allerdings das Editorische, so dass der Leser nicht so recht erfährt, worum es in dem Band eigentlich geht und wie er gegliedert ist. Statt dessen liest er Bekenntnisse wie diese: „Wo das Gedicht jetzt sagt oder hier , flirrt immer schon Veränderung. Es erlaubt innezuhalten, einen Ort ins Offene zu vergrößern und sich oder etwas darin einzuwiegen , wie es bei Günter Kunert heißt.“

Neben Kunert stößt man in dem Band noch auf weitere Vertreter der DDR-„Lyrikwelle“ der 60er Jahre. Oppositionelle Dichter aus Jena, Greiz und Sachsen sind vertreten; wobei laut Hünger erstmals Gedichte des Jenaer Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs Eingang in eine Thüringen-Anthologie fanden. Es sei allerdings auch nicht leicht gewesen, die Rechte dafür zu bekommen.

Erfrischend seien vor allem die jungen Stimmen, meint Hünger, zum Beispiel die Verse des Jenaers Moritz Gause (geboren 1986), der einen unbeschwerten, zuweilen „frechen“ Ton anschlägt: „die Sonne in den Adern / in der Hand das Bock / ein heubeladener Trabant, ein roter Traktor / proben Seiltanz zwischen Feldern // und ich schau durchs Gitterdach des Hutes / auf Esche, Gabelweihe, dunstumkreisten Himmel.“

Man kann niemandem erklären, was Thüringen ist, und auch die Herausgeber gestehen: „Wir wissen es nicht. Wir haben keine Rezepte. Wir ahnen etwas, ahnen uns in die mögliche Wahrheit voran, aber wir wissen es nicht.“ Trotzdem – oder gerade deshalb – sollte man beherzt zu diesem Sammelband greifen. Denn: „Wir sind bei den Dichtern. Die Dichter wissen andere Dinge, wissen Dinge anders.“ Die Thüringer und mit Thüringen verbundenen Dichter erzeugen Bilder und Visionen und setzen fortlaufend Erinnerungsmarken.

„Wir wollen mit dieser Lyrik-Anthologie ein Zeichen der Erneuerung und Vitalisierung setzen“, sagt Nancy Hünger. Um zu zeigen, dass es weitergeht im Literaturland Thüringen, auch mit der „Edition Muschelkalk“ der Literarischen Gesellschaft, in der „Thüringen im Licht“ als Sonderband im Wartburg-Verlag erscheint. Mit neuem Einband und neuer Typographie.

Thüringen im Licht – Gedichte aus fünfzig Jahren. Herausgegeben von Ron Winkler und Nancy Hünger, Edition Muschelkalk, Band 41, Wartburg-Verlag, Weimar, 260 S., 18 Euro; Buchpremiere: heute, 19 Uhr, Eckermann-Buchhandlung in Weimar (Marktstraße 2)