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19.11.2014

"Autoren müssen lernen, im Regen zu tanzen"

von Frank Quilitzsch TLZ

Kein Abschied von der Politik: Hans-Jürgen Döring hat nach 20 Jahren den Thüringer Landtag verlassen und will sich nun den Schriftstellern und dem Schreiben widmen. Als neuer Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller in Thüringen hat er bereits erste Projekte angeschoben. Foto: Peter Michaelis

Hans-Jürgen Döring, Vorsitzender des Thüringer Schriftstellerverbands, über Schreiben, Politik und das neue Selbstbewusstsein

Weimar/Leinefelde. Wir müssen uns stärker in die Belange der Gesellschaft einmischen - als Privatpersonen, Autoren und als Mitglieder des Schriftstellerverbands, fordert Hans-Jürgen Döring . Der 63-jährige Lehrer für Sport und Deutsch, der in der Wendezeit als Schulleiter tätig war, hat im Sommer seine politische Karriere beendet. Von 1990 bis 2014 saß das Gründungsmitglied der Eichsfelder SPD im Thüringer Landtag und war 20 Jahre lang medien- und kulturpolitischer Sprecher der SPD. Im Mai diesen Jahres wurde er zum Vorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in Thüringen gewählt. Döring will den Autoren im Freistaat mehr Gehör verschaffen und hat bereits einige Projekte angeschoben. Wir sprachen mit ihm in der Eckermann-Buchhandlung Weimar darüber.

Herr Döring, haben Sie als Ruheständler der Politik abgeschworen?


Natürlich nicht.

Wenn man bei Ihnen zu Hause anruft, heißt es oft, der Ex-Abgeordnete sei unterwegs. Was treibt Sie weiterhin um?

Die Literatur und meine Ehrenämter. Ich bin ja noch im Beirat der Stiftung Ettersberg, im MDR-Rundfunkrat, im Kreistag und in verschiedenen Vereinen aktiv. Doch mein Hauptaugenmerk richte ich jetzt auf die Arbeit im Thüringer Schriftstellerverband.

Wie stark berührt Sie noch, was im Landtag passiert? Ihre Partei könnte dem ersten linken Ministerpräsidenten in den Sattel verhelfen.

Das berührt mich schon. Entscheidend ist für mich aber immer die Diskussion über Inhalte. Daran werde ich mich auch weiter beteiligen. Mir liegt vor allem die Kultur am Herzen.

Als bildungspolitischer Sprecher der SPD hatten Sie auch versucht, die Rahmenbedingungen für die Thüringer Literatur und Literaten zu verbesser. Sind Sie jetzt noch zufrieden mit dem Erreichten?


Immerhin konnten wir den Trend stoppen, die Literaturförderung immer weiter zurückzufahren. Wir haben die Mittel verdoppelt.

Werden Thüringer Schriftsteller in der Landesregierung überhaupt wahrgenommen?


Marginal. Es ist grundsätzlich schwierig, Kultur im politischen Geschäft zu vermitteln. Wir haben einige Lesungen im Landtag organisiert, zu denen 120 bis 200 Leute kamen. Doch Abgeordnete waren kaum darunter.

Das sagt einer, der als Abgeordneter selbst nebenbei dichterisch tätig war und zwei Lyrikbände herausgebracht hat. Haben Sie jetzt die Fronten gewechselt? Als Vorsitzender des Thüringer VS müssen Sie doch nun Forderungen an die Politik stellen.


Das habe ich auch vorher schon getan. Aber aus der neuen Perspektive wird klarer, dass die Kulturverwaltung Unterstützer sein muss, ohne in die Inhalte hineinzureden oder den Kulturschaffenden etwas vorzuschreiben. Bis die Rahmenbedingungen stimmen, ist noch einiges zu tun.

Was denn zum Beispiel?


Wir brauchen angemessene Honorare, denn die Lebensbedingungen sind für viele Autoren katastrophal.

Wie hoch sollte das Autorenhonorar sein?

Mindestens 300 Euro pro Lesung.

Selbst gutwillige Kulturförderer werden die Hände heben und rufen: Für zwei Stunden?!

Nein, für das Werk von vielen Monaten und Jahren. So ein Buch entsteht doch nicht in ein paar Bürostunden.

Wie schlecht geht es den Autoren?


Das Gefälle ist so groß wie in der gesamten Gesellschaft. Wir haben in Deutschland eine Bundesliga von Autoren, die gut von ihren Veröffentlichungen leben können. Eine größere Anzahl kann halbwegs davon leben - etwa eine Handvoll in Thüringen. Und es gibt einige Tausend, die kämen ohne Nebenjob gar nicht über die Runden oder sind sogar Hartz IV-Empfänger.

Das liegt vielleicht auch an der Art, wie sie schreiben und sich künstlerisch vermarkten.


Das ist schwierig in dem digitalen Umbruch, den wir gerade erleben. Wenn weniger Leute lesen, weil sie zu sehr mit anderen Medien beschäftigt sind, die Verlage weniger investieren und immer weniger Lesungen stattfinden, verunsichert das natürlich jeden nicht ganz so erfolgreichen Schriftsteller. Zu den Festivals werden hauptsächlich Bestseller-Autoren eingeladen. Literaten brauchen zwar keine Almosen, aber Kunst muss als Teil des öffentlichen Lebens begriffen werden.

Wie kann man junge Künstler fördern?


Wir haben in Thüringen ein Stipendiaten-Programm, das ist sehr vernünftig, reicht aber nicht aus. Junge Autoren brauchen ein Podium - das bieten ihnen die Literaturvereine. Sie schaffen sich auch eigene Formate, die vom Land unterstützt werden.

Warum organisieren sich junge Autoren nicht im Verband? Der VS ist doch schon fast ein Rentnerklub!

Weil wir für sie nicht interessant genug sind.

Wie ließe sich das ändern?


Indem wir neue Formate entwickeln, gemeinsam mit den literarischen Vereinen. Literatur soll doch auch Spaß machen, Glücksgefühle erzeugen.

Ist dafür ein 63-Jähriger an der Verbandsspitze der Richtige?

Entscheidend ist nicht das Alter, sondern ob man Ideen hat.

Dann mal raus damit!


Ein neues Projekt heißt "Seite eins", da stellen ab 2015 Thüringer Autoren ihre Neuerscheinungen vor - es gibt jeweils vier Buchpremieren an drei Orten. Und ein zweites Vorhaben nennen wir "Das Eigentliche - Poesie trifft Politik und Posaune". Landolf Scherzer und ich moderieren öffentliche Gespräche mit Schriftstellern, Politikern und Philosophen. Für den Auftakt in Ilmenau wollen wir Friedrich Schorlemmer gewinnen.

Was leistet der Schriftstellerverband darüber hinaus?

Er bietet seinen Mitgliedern eine kostenfreie Rechtsberatung, was in diesen unsicheren Zeiten nicht ganz unwichtig ist. Wir sind aber auch eine gesellige und solidarische Gemeinschaft. Ein Schriftsteller arbeitet ja die meiste Zeit still in seinem Kämmerlein. Mehrmals im Jahr treffen wir uns - zu Workshops, zur gemeinsamen Manuskript-Wanderung oder bei Benefiz-Lesungen in der Vorweihnachtszeit.

Müsste man nicht auch gemeinsam seine Stimme erheben - etwa gegen die Machenschaften der NSA?


Das tun wir ja. Wir werden unseren Autoren, die etwas zu sagen haben, noch mehr Gehör verschaffen. Dafür wollen wir auch die neuen Medien nutzen. Wir dürfen nicht warten, wie es im Sprichwort so schön heißt, bis der Sturm vorübergeht, sondern müssen lernen, im Regen zu tanzen.

Einen digitalen Walzer?


Warum nicht.