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06.12.2013

Antje Babendererdes neuer Roman spielt in Thüringen

von Anne Gallinat TLZ

Antje Babendererde bei einer Lesung auf dem Baumkronenpfad Foto: Diana Döll

Jola lebt in einem abgeschiedenen Thüringer Dörfchen mit dem Namen Altenwinkel. Das Dorf befindet sich am "Ende der Welt" und wird von den Jugendlichen als "Scheißidylle" empfunden. Nichts los. Oder hat das Dörfchen Altenwinkel doch ein paar Leichen im Keller?

Die siebzehnjährige Jola ist "die Herrin des Waldes". Ihr Vater ist Revierförster in Altenwinkel und hat Jola schon als Kind in den Wald mitgenommen. Hier kennt sie jeden Winkel, jeden Baum, kennt sich aus mit den Tieren und erforscht selbst das verbotene Terrain auf dem Truppenübungsplatz.

Jolas Mutter ist Autorin und hat vor allen Dingen Angst: Angst vor der Welt und um Jola. Jola hat keine Angst oder bekämpft ihre Angst mit Angst. Natürlich im Wald. Dort hat sie ihren Lieblingsbaum. Und im nächtlichen Dunkel mit dem Rücken an den Stamm des Baumes gelehnt, lösen sich die Ängste in Nichts auf.

Jola hat einen Freund. Sie kennt Kai schon aus frühen Kindertagen. Doch seitdem sie das erste Mal mit ihm geschlafen hat, fühlt sich für sie etwas "nicht mehr richtig" an. Sie fühlt sich von Kai bedrängt, sucht Ausflucht in ihrem Wald. Doch auch im Wald ist nicht alles so wie sonst. Seit einiger Zeit fühlt Jola sich beobachtet. Dann entdeckt sie einen rätselhaften Schäferhund, der einen Frischling reißt. Ist das wirklich ein Schäferhund?

Doch damit nicht genug. Vor fünf Jahren ist Jolas Freundin Alina verschwunden. Ein Mann aus dem Dorf wird verdächtigt, sie ermordet zu haben. Im Gefängnis bringt er sich um. Ein eindeutiges Schuldeingeständnis, finden die Dorfbewohner. Der Fall wird zu den Akten gelegt. Doch was ist wirklich geschehen? Und auch in noch fernerer Vergangenheit hat es einen Mord gegeben, über den niemand sprechen will.

Fremder im Wald

Jola und ihre Schulfreundin Saskia stoßen darauf, als sie nach Zeitzeugen aus Altenwinkel für ihre Seminarfacharbeit suchen. Ein amerikanischer Soldat wurde kurz nach dem Krieg getötet. Verdächtigt wurde ein Pole, der sich im Dorf versteckt hielt und ein Liebesverhältnis mit einer Bewohnerin hatte. Und dann entdeckt Jola mitten im Wald Olek aus Polen. Der lebt dort. Warum auch immer. Es bleibt ein Geheimnis. Vorerst. Doch was sich mit Kai nicht richtig anfühlt, fühlt sich mit diesem Olek gut an.

Zwei Zeitebenen. Vergangenheit vor der Vergangenheit. Ein Fremder im Wald und ein Schäferhund, der sich als Wölfin herausstellt, rätselhafte Geheimnisse damals und jetzt - das ist viel für eine Geschichte, selbst wenn sich Antje Babendererde mehr als vierhundert Seiten Zeit lässt. Leicht könnte Verwirrung entstehen. Schnell könnte man den Faden verlieren. Doch die Autorin behält den Überblick, führt den Leser sicher durch den Dschungel ihrer Geschichte, bleibt die Herrin des Waldes.

Man bangt um Olek und um die Wölfin mit ihren Jungen, ist gespannt auf die Enträtselung der dunklen Geheimnisse. Der "Wildjunge" Olek steht Babendererdes Indianerjungen in nichts nach. Er geht mit Pfeil und Bogen um. Lebt in und mit der Natur. Auch sonst hat die Autorin ein sinnliches Gespür für die Eigenart, teils auch für die Skurrilität ihrer Figuren. Es sind Figuren, die das Dorf Altenwinkel lebendig werden lassen.

Teilweise wird allerdings das Figurenensemble etwas unüberschaubar, zumal viele Figuren zunächst nicht spür- und sichtbar in die Handlungsstränge eingebunden sind. Antje Babender­erde hat gründlich recherchiert, sowohl für die historischen Passagen, aber auch und vor allem über die Heimkehr der Wölfe nach Deutschland Antje Babendererdes Ausflug in die Heimat gelungen. Oder besser: Sie bleibt sich selbst treu.

Antje Babendererde: Isegrim. Roman, Arena Verlag, Würzburg, 422 S., 16.99 Euro