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07.04.2012

Anarchie von A bis Z - Himmelsschaukel und Heimatromantick

von Matthias Biskupek TLZ

 

Der Dichter Roland Bärwinkel hat sein Debüt vorgelegt, mit 112 Seiten einer der kräftigeren Bände der vielgepriesenen Edition Muschelkalk. Und natürlich ist Bärwinkel mit seinen 53 Jahren auch kein Debütant – selbst wenn der Band „Bevor es zu spät wird“ seine erste große Buchpublikation ist.

Nein, es ist nie zu spät, einen Dichter zu entdecken. Und wenn ein Band die Gedichte nach Alphabet ordnet, so zeigt dies anarchische Ordnungsliebe, wo doch Gedichte sonst wie Blumen zu Sträußen gebunden werden. Dieser Autor nennt einen Text „Kränkungen fallen im Garten“ und stellt ihn zwischen „Klinikkunst“ und „Los“.

Bärwinkel, der als Panzerfahrer drei Jahre „Fahne“ erlitt, ein studierter Germanist und praktizierender Bibliothekar, hat eine Vorliebe für skurrile Bilder, überraschende Wörter, ausufernde Texte. Er verknappt, doch die Anzahl der Verknappungen ist gelegentlich schwer überschaubar. Reime kommen kaum, deutliche Rhythmen wenig vor, der Zeilenbruch drängt sich nie auf. Eine „Dorfgeschichte“ ist untypisch für ihn, weshalb daraus zitiert sein mag: „Ei ei Eike / Hat er heimlich Wäsche / auf fremde Leinen gehängt / Die Schwester in Reden / unschöne Andeutungen / gemengt hat ihn Vati / in die falsche / Berufswahl gelenkt Mutti /…“ Man muss diese Texte gegen eingefahrene Poetiken lesen. Dass der Autor relativ viele seiner Zeilen in Krankenhaus-Wirklichkeiten steckt – oder versteckt? – macht sie so verstörend: ein Adjektiv, das echte Dichtung auszeichnet.

Seine Herkunft aus einer wenig poetischen Landschaft – Barleben, am nördlichen Rand Magdeburgs – hat ihn auch zum Landschaftsdichter reifen lassen. Zum Autor, der seine Sprachherkunft dosiert einsetzt, als „Ortsrundjang“, als „E-Fall“, was den Panzerfahrer bezeugt, der „magdeburgisieren“ in seiner ursprünglichen Deutung aus dem 30-jährigen Krieg nutzt.

Wenn der Autor eine „Rechnung“ über sein Leben schreibt beginnt er „Einen verlor ich an Prostatakrebs, eine an Multiple Sklerose“ und endet nach drei Dutzend Versen mit einem Hauch von Kitsch: „Einer flog, schön wie ein Pfauenauge / in die brennende Kerze seiner Sehnsüchte.“ Ja, diese Texte kommen nicht selten formlos daher; sie könnten so weiterlaufen; sie dürfen auch abrupt enden. Herausgeber Kai Agthe meint im Nachwort, man könne immer wieder zu den Gedichten greifen „um durch mehrfaches Lesen die poetischen Tiefen, die sie bieten, auszuloten.“

Das sollte man von allen Gedichten erwarten. Wer über diesen Texten ins Stolpern kommt, hat die Chance, sie zu begreifen.

Roland Bärwinkel: Bevor es zu spät wird, Gedichte, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Wartburg Verlag Weimar, 2011, 11 EUR