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14.04.2016

75. Geburtstag: Grenzgänger Landolf Scherzer weiter im Unruhestand

von Frank Quilitzsch TLZ

Der Schriftsteller Landolf Scherzer vor seinem Haus in Dietzhausen bei Suhl: Sich zur Ruhe setzen will er sich noch lange nicht, und auch die selbst angebaute Sauna funktioniert noch nicht richtig. Foto: Marco Kneise

Dietzhausen. Eigentlich hatte er nach mehr als vierzig Jahren und zwei Dutzend Reportagebüchern den Stift aus der Hand legen wollen. Doch als am 5. Dezember 2014 der Linken-Politiker Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, zögerte er. Freunde bedrängten ihn: „Schreib das auf, Scherzer! Keiner kennt sich in diesem Metier besser aus? als du.“

Ein knappes Jahr später erschien im Aufbau-Verlag das Buch „Der Rote“. Es bildet den Abschluss einer Tetralogie, die jüngste Geschichte anhand realer Thüringer Politikerpersönlichkeiten erzählt. „Der Erste“, „Der Zweite“, „Der Letzte“ und „Der Rote“ sind facettenreiche Erlebnisprotokolle und Recherchen über die Macht und Ohnmacht des Regierens, von der Endphase der DDR bis heute.

1988 hatte Scherzer über einen längeren Zeitraum den 1. Kreissekretär der SED in Bad Salzungen begleitet und in seiner Reportage die Widersprüche des sozialistischen Alltags aufgedeckt – das Buch bekam Schwierigkeiten mit der Zensur, erschien dann aber in einer Auflage von 100.000 Exemplaren und wurde auch im Westen ein Erfolg. 1997 folgte ein Porträt des Nachfolgers; der „Zweite“ war der Bad Salzunger Landrat, ein ehemaliger Bundeswehroffizier. Der „Letzte“ schließlich war der Reporter selber, der sich 1999 noch kurz vor Fristaublauf als Berichterstatter im Thüringer Landtag akkreditieren ließ, um das Plenum und seine Institutionen von innen zu erkunden. Mit dem „Roten“ schloss sich nun der Kreis.

Dass er einmal einen Ministerpräsidenten die ersten hundert Tage im Amt begleiten würde, hätte sich der 1941 in Dresden geborene Journalist und Autor Landolf Scherzer nicht träumen lassen. Einer, der ohne Vorbehalte auf die Menschen zugeht, um sie zum Erzählen zu bringen, eckt natürlich auch an. So geschehen im Jahr 1965 im Rahmen eines Reportage-Kurses, den Scherzer mit Klaus Schlesinger bei Jean Villain absolvierte. Gemeinsam wollten sie die „Neue Berliner Illustrierte“, nach dem Vorbild des westdeutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ gestalten. Das Projekt wurde gestoppt, Scherzer flog von der Leipziger Journalistenschule und wurde „zur Bewährung“ zum „Freien Wort“ in Suhl versetzt.

Unweit der ehemaligen Südthüringer Bezirksstadt lebt er auch heute noch. Sein Häuschen steht hoch über dem Seßlestal im idyllischen Dietzhausen. Hier schreibt er und baut mit seiner Frau im Garten Gemüse und Kräuter an, und hier bewirtet er seine Gäste, so üppig, so herzlich, wie er es auf seinen zahlreichen Recherchereisen durch fremde Länder erlebt hat.

Scherzers Verdienst sei es, „die literarische Reportage zu neuem Leben erweckt“ zu haben, lobt Günter Wallraff. Er sei „ein präziser und detailgenauer Beobachter und Chronist“ und fühle bei seinen Erkundungen als ein Mitbetroffener, manchmal gar Mitleidender. Im Unterschied zu Wallraff recherchiert Scherzer mit offenem Visier. Es gibt nur eine Ausnahme: Als er Anfang der 80er Jahre auf einem Rostocker Hochseefischereischiff anheuerte, verschwieg er, dass er schreibt. Mit „Fänger und Gefangene“ schaffte er 1983 den literarischen Durchbruch; es war ihm gelungen, auf engstem Raum, dem Hochseetrawler, die DDR zu beschreiben.

Scherzers Ziel ist nicht die sensationelle Enthüllung. Ihn beschäftigt die Frage, was die soziale Welt im Innersten zusammenhält, vor allem bei den „kleinen Leuten“, mit denen er sich solidarisiert. Ob die Philharmonie Suhl oder die Kali-Kumpel von Bischofferode – er ist bei den Hungerstreikenden, als sie nach der politischen Wende um ihren Arbeitsplatz kämpfen, und fragt später nach, was aus ihnen geworden ist. Sein Credo: „Das Gefundene ist oft spannender als das Erfundene.“

Dies gilt insbesondere für seine Reisereportagen. Er wandert in Thüringen die ehemalige deutsch-deutsche Grenze ab. Zu Fuß macht er sich auf nach Osteuropa. Als alle nur von den maroden Banken reden, bereist er Griechenland und spricht mit den Menschen. Aus seinem China-Buch erfährt man, dass sich Deutsche aus Ost und West in Peking wie die neuen Kolonialherren aufführen. Seine stärksten Bücher sind die, in denen er selbst aktiv ist: In Mosambik, beispielsweise, half er beim Aufbau eines Camps.

Scherzer schreibt nie vordergründig über sich, bringt sich aber immer in die Vorgänge mit ein – als Fragender, Suchender, Hoffender. Als die DDR in Agonie lag und sich die Flüchtlingsströme über Prag und Budapest in den Westen bewegten, reiste der unbequeme Reporter mit Parteibuch in die Sowjetunion, um Gorbatschows Perestroika zu studieren. Zu spät: „Auf Hoffnungssuche an der Wolga“ erschien 1991 bereits in einem Kölner Verlag – als Abgesang auf eine Utopie, deren Verwirklichung er heute mit Skepsis betrachtet.

Jetzt sitzt er vor seinem Häuschen über dem Tal und schaut auf die Büffel. Der „Rote“ wurde ein Erfolg, der Garten blüht, nur die angebaute Sauna kommt noch nicht auf Touren. Eigentlich könnte er sich zurücklehnen. Doch den seit heute 75-Jährigen beschäftigen die Hilfsbedürftigen im eigenen Land, Kriegsflüchtlinge und Thüringer Heimkinder, zu denen er seit Jahren engen Kontakt hält. Man sollte nie anfangen, vom Aufhören zu reden, sagt Scherzer.

Zur Person: Unterwegs in Europa

Landolf Scherzer wurde 1941 in Dresden geboren, studierte Journalistik in Leipzig und wurde wegen kritischer Reportagen, die er mit Klaus Schlesinger und Jean Villain geschrieben hatte, exmatrikuliert. Bis 1975 Redakteur beim „Freien Wort“ in Suhl, seitdem freischaffender Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschienen: „Immer geradeaus. Zu Fuß durch Europas Osten“, „Letzte Helden“ (beide 2010), „Madame Zhou und der Fahrradfriseur. Auf den Spuren des chinesischen Wunders“ (2012), „Stürzt die Götter vom Olymp. Das andere Griechenland“ (2014) und „Der Rote. Macht und Ohnmacht des Regierens“ (2015).