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04.10.2006

Zwischen Federkielen

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Ein Fest der Poesie im Weimarer Stadtrat? Abgeordnete wie Gäste genossen es in vollen Zügen. Das Bürgeroberhaupt, der Laudator, die Staatskapelle und die Ausgezeichnete, alle spielten mit. Zu Beginn dichtete Weimars OB Stefan Wolf (SPD) in seiner kulturellen Kampfrede den Tag der deutschen Einheit zum Tag der "interkulturellen Einheit des Landes" um. Dann las der aus Berlin herbei gerufene Versfreund Professor Dietger Pforte ein frühes Gedicht der Preisträgerin. Zwischendurch musizierte die Hauskapelle des gastgebenden Deutschen Nationaltheaters nach Noten von Aribert Reimann und Mario Wiegand Orchesterstücke mit klangvollen Namen wie "Nahe Ferne" und "Wenn die Sirenen erwachen, schläft die Vernunft ein".
Eingeschlafen ist zur 17. Verleihung des Weimar-Preises niemand. Im Gegenteil, zu guter Letzt erwachte der Uhu, pardon, die Eule. Mit ihr ließ die geehrte Dichterin dankrednerisch eine gefiederte Metapher zwischen Ilmpark und Ettersberg niedergehen.

Doch in Ruhe und der Reihe nach: Gestern, am Einheits-Tag, wurde in einer öffentlichen, feierlichen Sitzung des Weimarer Stadtrates an die seit den 90er Jahren in Weimar ansässige Schriftstellerin, Übersetzerin und promovierte Islamwissenschaftlerin Gisela Kraft die höchste kulturelle Auszeichnung der Stadt, der mit 5000 Euro dotierte Weimar-Preis, verliehen. Ausschlaggebend für die Entscheidung seien neben der künstlerischen Qualität ihrer Werke - zahlreiche Gedicht- und Prosabände sowie eine Roman-Trilogie über Novalis - auch das persönliche Engagement der Dichterin gewesen, die der Oberbürgermeister als eine "Botschafterin der Kulturen" würdigte.

In diesem Sinne hob auch der Laudator Gisela Krafts unermüdlichen Einsatz für Toleranz und ihre völkerverbindenden Aktivitäten hervor, mit denen sie das Leben der Stadt seit Jahren kontinuierlich bereichert. So holte sie beispielsweise über den PEN-Club Dichterinnen aus dem Irak, aus Tschetschenien und Simbabwe zu Lesungen nach Weimar, organisierte eine Reihe "Morgenland für Frühaufsteher", in denen deutsche und arabische Poeten gemeinsam auftraten, und leiht während eigener Lesungen uneigennützig Zunftschwestern und -brüdern aus dem Orient, deren Werke sie nachgedichtet, ihre Stimme. Eine nachklassische Hafis-Freundin und ewige Herderianerin, die, wie Laudatorius Pforte formulierte, mutig gegen das "Feindbild Islam" angeht.

Sicher auch anreitet - auf Pegasus - und künftig fliegen wird - mit ihrer Eule. Zunächst jedoch schritt sie, in schwarzrote Folklore gewandet und mit goldener Mähne (kein Einheitslook!), zur Bühne und sprach ein Dankrede genanntes langes, mitnichten langatmiges Prosagedicht, eine dialektische "Liebeserklärung" an ihr janusköpfiges Weimar, die mit den Worten anhob: "Eine Eule im Anflug, die Schwingen / ausgebreitet, schlägt jäh die Klauen / ins Erdreich und tunkt ihren Schnabel / in einen schmalen Wasserlauf, um zu trinken ..." Eine Rede - man ahnt´s noch nicht - wider die weißen Flecken in der lokalen Geschichte und ein Lobgesang auf die humanistischen Geister des Ortes, verlebendigt mit Episoden der eigenen Weimarer Kindheit, beglaubigt durch literarische Tat: "Hause ich ja selber / zwischen den Federkielen".

Was tun, Poeten und Bürger, für Weimar? So die Spitze alles eulenhaft Gesprochenen, dessen vollständiger Wortlaut unsere Wochenend-Beilage "Treffpunkt" bereichern wird. Nutzt eure Talente, vertieft das Gedächtnis und lasst nimmer zu, dass einem traditionsreichen, geschichtsträchtigen Nationaltheater "Organe" entnommen werden!