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07.03.2013

Zeugnis des Widerstands: Annette Seemann und Wulf Kirsten geben französische Buchenwald-Gedichte heraus

von Martin Straub TLZ

Ein Ort der Barbarei und des Sterbens, und doch ist hier Lyrik entstanden: Im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar gab es sogar einen Schreibwettbewerb obwohl Schreiben streng verboten war und mit dem Strang bestraft wurde. Foto: Jens Schlüter

 

Am Ende seines Vorwortes zu der 2003 erschienenen Lyrik-Anthologie "Stimmen aus Buchenwald. Ein Lesebuch" schrieb Wulf Kirsten: "Unheilvollste und glanzvollste Geschichte stießen, schicksalsträchtig genug, in dem "Binom Weimar - Buchenwald" (Jorge Semprún) hart aufeinander.

Weimar. So schwer verkraftbar Geschichte in dieser Ballung auch sein mag, so maßlos die Schande und der Abscheu, verschweigen und verdrängen gilt nicht. Auch wir Nachgeborenen, die ohne Schuld sind, müssen die Last des Berges über der Stadt Weimar ertragen und auf die eigene Schulter nehmen."

Immer wieder hat sich der Weimarer Schriftsteller und Herausgeber dieses Anliegens angenommen. So auch in "Der Berg über der Stadt. Zwischen Goethe und Buchenwald" mit dem Fotografen Harald Wenzel-Orf (2003). Nun legen Wulf Kirsten und Annette Seemann mit "Der gefesselte Wald. Gedichte aus Buchenwald" eine wahrlich ungewöhnliche Anthologie in französischer und deutscher Sprache vor. Dabei folgen sie der Originalausgabe von André Verdet aus dem Jahr 1945.

Als Annette Seemann anlässlich des Todes von Jorge Semprún dessen Gedicht "Uralter Traum" aus dem Französischen übersetzte, zudem das Vorwort von André Verdet, reifte der Plan, das Ganze dem deutschen Leser zweisprachig in die Hand zu geben. Dass Annette Seemann die Übersetzung auf sich genommen hat, ist mit Dankbarkeit zu würdigen. Mich lassen diese Gedichte und ihre Entstehungsumstände nicht mehr los. Die Anthologie mit 25 vorwiegend französischen, aber auch polnischen, russischen und deutschen Beiträgen entstand im Lager selbst. Kirstens Nachwort erhellt die Umstände. Es gab ein "Zentrum klandestinen Kulturlebens der französischen Deportierten", ja, es gab einen Schreibwettbewerb. Man bedenke unter welchen Bedingungen! "Der Zeichner und Lyriker Jacques Lamy berichtete: "Schreiben im Konzentrationslager war streng verboten und wurde in der Regel mit dem Strang bestraft."

Dichtung half zu überleben

Es entstanden "drei Exemplare der Anthologie". Unter diesen barbarischen Bedingungen war die Lyrik die "einzig mögliche Form", bedeutet Kirsten. Gedichte als Überlebenshilfe. Die Lagerwirklichkeit in Verse zu gießen, ja, zu reimen, bedeutet ihr nicht zu unterliegen. So sind die Gedichte Zeugnisse des Widerstands. Was für eine innere Kraft gehört dazu, diese Realität in die surreale Metapher zu treiben, über das Krematorium und einen unmenschlichen Lageralltag mit Hunger, Demütigung und Tod zu schreiben.

"Durchsichtige Gespenster. / Fremdartige Tänzer vereisten Lichts. / [...] Der Schornstein lacht.", heißt es bei Yves Darriet. Und bei René Salme lesen wir: "Im Wind / Schnaubende Fetzen von Nebel. / [...] Flammen, rotes Heulen, / Schreiende Bäume, Skeletten gleich, / Im Wind". Aber was für eine Kraft auch, sich in einer Welt, in der alle Intim- und Schamgrenzen niedergetreten werden, mit der Erinnerung ein eigenes Refugium zu schaffen und damit zu hoffen. Da geht es um die Strahlkraft eines gewöhnlichen Lebens, um die heimatliche Landschaft, den Wald, das Dorf, die Stadt, immer wieder die Mutter, die Geliebte.

"Camille" heißt ein Gedicht von André Verdet: "In deiner Maiglöckchencorsage / Mit deiner Veilchenstimme / Deinem Vergißmeinnichtblick / Deinem Immergrünlächeln / O meine Blonde, geliebte Frau / Gnade der Tage und Jahre / Du, so zerbrechlich in der Freude / So stark im Wind". So versichert sich diese Dichtung in einer Welt, die alle Anstrengung auf das nackte Überleben gebietet, der Grundsubstanz des Humanen. Die Schreibenden erwehren sich dieser Barbarei mit erstaunlicher Vielstimmigkeit: Grimmiger Humor, Sarkasmus, Ironie, Schmerz und Trauer, Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Aber auch die Angst, in dieser Welt alle Hoffnung fahren zu lassen, sich selbst zu entfremden und mitleidlos gegenüber dem Anderen zu werden.

Diese Gedichte sind nicht von einer partei-politischen Idee überformt, sondern Widerstand bedeutet hier, sich auf elementar Menschliches zu besinnen. Da sind die "Lieder vom Land" des Sergeanten Korotschka der Roten Armee, die von Andrè Verdet vor dessen Sterbebett aufgenommen wurden. ",Anton, das Leben ist schön, / Aber man muss es finden. / Es ist wie ich, ein kleines Wunder, / Man hört mich und fängt mich doch nie [...] Jetzt verfaulen zu müssen, / Bei den Barbaren, / Wie ist das traurig! / Ach, Kuckuck, ich höre dich gut / Auf der anderen Seite des Lebens"..."

Wenige Tage nach Stéphane Hessels Tod halte ich diese Anthologie in der Hand. Ein Weimarer Kulturausschuss hat ihm die Ehrenbürgerschaft versagt. Das beschämt und empört. Mit diesem Band, dem aufwendige Recherchen und Mühen vieler vorausgingen, meldet sich ein anderes Weimar zu Wort, um "über den Geist des oberen und unteren Weimar" (Kirsten) nachzudenken. Guy Ducoloné, Präsident im Auftrag der Association Francaise Buchenwald-Dora et Kommandos, schreibt am Ende seiner Schlussbemerkung: "die Autoren waren zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung in der Résistance. Sie blieben es auch im Lager. Ihre Gedichte sind Akte des Widerstands. Ihre Botschaft bleibt bestehen. Wer sie heute liest, hält die Erinnerung an die Deportation wach."

Der gefesselte Wald. Gedichte aus Buchenwald. Französisch-Deutsche Ausgabe. Herausgeber Wulf Kirsten und Annette Seemann, kommentiert und mit einem Nachwort von Wulf Kirsten, aus dem Französischen übersetzt von Annette Seemann, Wallstein Verlag, Göttingen, 189 S., 19.90 Euro