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23.09.2003

Zeit-Stücke aus vier Jahrzehnten

von Frank Quilitzsch TLZ

Berlin. (tlz) Weggehen oder bleiben - das war für Christa Wolf, die nach dem Krieg ihren Geburtsort Landsberg verlassen musste und in der DDR eine neue Heimat fand, keine Alternative. Vierzig Jahre hat sie sich an jenem Staat, der ihre Hoffnung war und dessen Grundlagen sie später immer stärker deformiert sah, gerieben. Werke wie "Nachdenken über Christa T.", "Kein Ort. Nirgends" oder "Kassandra" entstanden aus diesem Widerspruch heraus. Die Bücher erzählen mehr und Gültigeres über das Leben in der DDR, als jede historische Studie. Darüber, was die bekannteste deutschsprachige Autorin der Gegenwart in jener Zeit getan und wie sie gedacht hat, werden dereinst ihre Tagebücher Rechenschaft ablegen.

Allerdings erst nach ihrem Ableben, so hat es Christa Wolf verfügt. Dass sie ihren Lesern dennoch heute schon partiell Einblick in ihre Privatsphäre gewährt, begründet die Tagebuch-Schreiberin mit ihrer "Berufspflicht": "Unsere jüngste Geschichte scheint mir Gefahr zu laufen, schon jetzt auf leicht handhabbare Formeln reduziert und festgelegt zu werden. Vielleicht können Mitteilungen wie diese dazu beitragen, die Meinung über das, was geschehen ist, im Fluß zu halten, Vorurteile noch einmal zu prüfen, Verhärtungen aufzulösen, eigene Erfahrungen wiederzuerkennen und zu ihnen mehr Zutrauen zu gewinnen ...", schreibt Christa Wolf im Vorwort zu ihrem heute erscheinenden Buch "Ein Tag im Leben".

Hierbei handelt es sich nicht um eine Autobiografie, die ja rückblickend entsteht, sondern um die "Dokumentation" eines bestimmten Tages über eine Zeitspanne von 40 Jahren. 1960 folgte Christa Wolf einem Aufruf der Moskauer Zeitung Iswestija an die Schriftsteller der Welt, sie mögen den 27. September so genau wie möglich beschreiben. Die Idee stammte von Maxim Gorki, der schon 1936 begonnen hatte, "Einen Tag der Welt", wie es damals hieß, festzuhalten.

Ihre Tage verlaufen anders als geplant

"Der Tag wird wieder anders verlaufen als geplant", beginnt Christa Wolf am 27. September 1960. Da wohnt sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Halle an der Saale, hat die "Moskauer Novelle" veröffentlicht und fährt regelmäßig ins Waggonwerk, wo sie Kontakte zu einer sozialistischen Brigade unterhält. Die 31-Jährige ahnt noch nicht, dass ihr entstehender Produktionsroman sich zu einer Ost-West-Liebesgeschichte wandeln und unter dem Titel "Der geteilte Himmel" ihren Weltruhm begründen wird. Sie kommt kaum zum Schreiben, der Alltag "frisst" sie auf. Vierzig Jahre später konstatiert Christa Wolf in Berlin-Pankow, sie sei sich bewusst, dass sie immer größere Teile ihrer Arbeitszeit auf Auskünfte über frühere Arbeiten und Erlebnisse verwenden müsse: "Anscheinend bin ich aus dem Status der Zeitgenossin in den der Zeitzeugin gerutscht."

Das ist der Rahmen, der sich um die Aufzeichnungen aller 27. September spannt. Die subjektiven Dokumente, die Christa Wolf "Zeit-Stücke" nennt, bilden eine Art Lebensgitter - authentisch und "frei von künstlerischen Absichten". Manchmal vergisst die Verfasserin den bewussten Tag und rekapituliert ihn aus dem Gedächtnis. Manchmal reflektiert sie am 27. September Ereignisse der zurückliegenden Monate.

"Wie kommt Leben zustande?" - Diese Grundfrage zieht sich leitmotivisch durch das 650 Seiten starke Tage-Buch. Die Autorin gibt Einblick in ihr Arbeits- und Familienleben, berichtet von Schaffens- und Ehekrisen, offenbart ihre Verletzlichkeit gegenüber politischen Diffamierungen und artikuliert ihren Selbstzweifel: "Ich frage mich, welchen Preis ich täglich unbewusst zahle", notiert sie 1977, "einen Preis in der Münze: Wegsehen, weghören, oder zumindest: schweigen." An anderer Stelle heißt es: "Was wollt ihr denn alle von mir? Soll ich ein Held sein, bloß weil ich Geschichten schreibe?" Sie hofft, der Prozess der Aufzeichnung möge sichtbar machen, "wie eigentlich aus den Stück für Stück durchlebten Alltagen ,Schicksal´ wird, wann und wodurch sich das banale Alltägliche verwandelt in etwas Tieferes ..." Dies gelingt auf überraschend vielfältige Weise.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960 - 2000. Luchterhand Literaturverlag, München, 656 S., 25 Euro.Am 30. Oktober liest Christa Wolf im Rahmen der Erfurter Herbstlese im Audimax der Universität Erfurt.