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14.10.2004

Wulf Kirstens idealer Bleibe-Ort

von Heinz Stade Thüringer Allgemeine

Als der Schriftsteller Wulf Kirsten im Oktober 1965 seine Arbeit als Lektor der Weimarer Außenstelle des Berliner Aufbau Verlages in der Puschkinstraße aufnahm, da führte ihn der Weg sogleich auch in das Grüne Schloss am anderen Ende der kurzen Straße.

Bald 40 Jahre danach zog er gestern Abend im Festsaal des Goethe-Nationalmuseums das Resümee, dass ihm Weimar trotz aller Reibungsflächen zum idealen Bleibe-Ort wurde dank der im Grünen Schloss untergebrachten wissenschaftlichen Bibliothek. "Der kontinuierliche Umgang mit ihren Beständen, ein für einen einzelnen Benutzer nicht auszuforschender Wissensspeicher, geriet im Laufe der Jahrzehnte zu einer Vertrautheit, dass es scheint, als würde man Spielfertigkeiten auf einem Instrument mit einer riesigen Klaviatur gewonnen haben." Es war das Authentische an den Schilderungen eines Nutzers, was dem Vortrag zu einem besonderen Erlebnis werden ließ, als er aus seiner Schreibwerkstatt berichtete: "Will ich etwa ein Bild von Weimar bekommen, zum Beispiel von einer Sommerwoche vor dem Ersten Weltkrieg, um mit Kafka und Brod durch die Stadt gehen zu können, um zu erfahren, was sie wahrnahmen und was ihnen entging, geben die Annoncen und Lokalnachrichten der in der Bibliothek deponierten Weimarer Blätter explizit Auskunft."

Näher ging der 70jährige Kirsten auch auf das von ihm miterlebte Wachstum der Bestände ein, die sich während seines "irdisch kurzen Benutzerzeitraumes" von 600 000 Bänden auf rund eine Million vergrößerten. Nicht unausgesprochen ließ er die Hoffnung, "der Etat für Neuerwerbungen bliebe auch in den kommenden Jahren so"

Kirstens gestriger, autobiografisch eingefärbter Vortrag in der Reihe "Bibliotheca Illustris" war bereits Anfang des Jahres verabredet worden. Und wurde nach dem Brand ein anderer.