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16.08.2003

Worte, die allem eine Würde geben - Reiner Kunze zum 70.

von Martin Straub TLZ

Vor zwei Monaten las Reiner Kunze zum Auftakt der Literaturtage, begleitet von dem Gitarristen Reinhold Westerheide, in der Stadtkirche Ranis. Immer wieder kommen die Zuhörer auf diesen Abend zurück. Und loben ihn in höchsten Tönen.

Am 16. August feiert der Lyriker, Erzähler, Essayist und nicht zuletzt der Übersetzer Reiner Kunze Geburtstag. Seine Lyrik und Prosa wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Auszeichnungen sind Legion. Die Leute in der Stadtkirche Ranis waren wohl weniger von solchen Tatsachen fasziniert. Sicher, sie waren darum um so neugieriger. Ein Glück, dass es solche Neugierde auf Dichter noch gibt. Doch fasziniert waren sie vom Wort des Poeten. Sie spürten seine Zuwendung. Er war in diesen knappen zwei Stunden nur für sie da. Sein Vortrag lebte von einer konzentrierten Freundlichkeit.

Und so klang ein ganz eigener Ton auf. Warm, nicht ohne leise Melancholie und Humor. Ich scheue mich nicht zu schreiben: ein Ton, der zu Herzen geht. Ein verlässlicher Ton, Worte, die den Dingen und Lebewesen ihre Würde geben, "abseits der wörter/von den wühltischen der sprache". Solche Klänge mögen den in Oelsnitz geborenen Bergmannssohn schon früh berührt haben. In einem Gespräch mit Christian Eger im Band 210 der Zeitschrift "Die Horen" erzählt er: "In meinem Elternhaus gab es keine Bücher, aber das ständige Singen meiner Mutter. Sie hat bei fast jeder Arbeit gesungen, so daß ich als kleiner Junge alle gängigen Volkslieder auswendig konnte."

Der Weg Reiner Kunzes zur Dichtung war mit bitteren Erkenntnissen gepflastert. Er hat Niedertracht und Kränkungen erfahren müssen. Malträtiert in der DDR, siedelt er 1977 in die Bundesrepublik über. Kunze ringt um eine Sprache, die ideologischen Vereinnahmungen Widerstand leistet. Und diese Widerständigkeit ist gepaart mit Genauigkeit und einer epigrammatischen Stringenz.

Mit Beschämung muss ich sagen, dass ich gerade diese Qualität erst spät verstanden habe. Wohl deshalb, weil der Dichter mit solcher Sprachbehandlung gegen unverrückbare Weltbilder und Dogmen zu Felde zieht, denen man einmal angehangen hat. Immer wieder spürt man in Kunzes Gedichten, wie sehr ihn das Herkunftsland und seine politische Geschichte bis zum heutigen Tage schmerzen. "Melde, schriftsteller K./angetreten/Kopf bei fuß", lesen wir in dem Band "auf eigene hoffnung" (1981). Oder man lese die bittere Prosa der "Wunderbaren Jahre" (1976).

Und später heißt es in der 1998 erschienenen Sammlung "ein tag auf dieser erde": "Die musik ist wieder bei den anderen/(und sei es nur die trommel)//Wir aber haben erlebt, daß das Leben/auch recht geben kann//Und sonst: poesie ist außer wahrheit/vor allem poesie". Die Horst Drescher gewidmeten Strophen sind mit "Sanfter Schulterschlag" überschrieben. Aus Trauer und bitterer Feststellung aber wächst Kunzes Credo am Ende des Gedichts. Auch diese sorgsam komponierte Ausgabe sagt in ihrer Themenvielfalt und in ihrem sprachlichen Reichtum erneut etwas über diesen Kunze-Ton. Er wäre nicht denkbar ohne den Lebensweg des Dichters in die böhmische Provinz, der ihm eine menschlich und künstlerisch neue Welt eröffnet. Die Liebe zu Elisabeth Littnerov, die barocke böhmische Lyrik, der tschechische Poetismus, die Nachdichtungen, etwa von Jan Skácel, Jaroslav Seifert oder von Vacláv Havel. Man darf es eigentlich nicht im Nacheinander aufzählen, sondern man müsste es in Eins bringen. In dem schon erwähnten Gespräch mit Christian Eger sagt Reiner Kunze: "Durch die Begegnung mit der tschechischen Poesie ist mir erstmals das Wesen des Poetischen voll bewußt geworden. Das ist das eine. Das andere: Ich stieß im monolithischen und ideologischen Gestein erstmals auf Adern entideologisierten Denkens. Und beides bedeutete in beiden Bereichen den Vorstoß ins Existenzielle." Diese Vorstöße führen zu einer gesteigerten poetischen Produktivität. Sie führen bis hin zu dem von ihm selbst mit prächtigen Fotografien versehenen Band "Der Kuß der Koi". In ihm ein Ergriffensein von der schönen Natur, eine Besinnung auf das Kreatürliche, die Zwiesprache mit Tier, Pflanze und den Elementen. All das scheut Reiner Kunze nicht. Und er zitiert Picard: "Die Schönheit der Dinge ist ein Aufruf an den Menschen, sich zu ihnen zu begeben und der Schönheit, die in ihnen ist, die andere Schönheit hinzuzufügen, die von der Wahrheit ausgeht, die der Mensch an den Dingen erkennen kann".

Rückzug von der Welt? Ganz und gar nicht. Es ist eher ein Buch gegen ein, wie er sagt, "verheerendes Diktat". Kunze spricht darüber im TLZ-Interview vom 31. Mai diesen Jahres. Er wendet sich gegen die Ansicht, dass alles Schöne reaktionär sei, weil es über den wahren Zustand der Welt hinweg täusche und den Willen schwäche, sie radikal zu verändern. "Ich behaupte, wir können ohne das Schöne nicht leben. Das Schöne zu bewahren und zu mehren ist ebenso progressiv wie das Ozonloch zu schließen." In dem Erinnerungsgedicht "Nachtmahl auf dem Acker" schreibt der Dichter: "Ich wußte noch nicht, daß der mond/das vorweggenommene antlitz ist/der erde//Ich war noch nicht adam". Reiner Kunze für seine eigensinnigen "sensiblen wege" die besten Wünsche. Und Dank für ein Werk, das uns reicher und nachdenklicher macht, weil es in zuvor nicht Gedachtes führt.

26. August, 18 Uhr: Lesung in der Aula der Universität Jena; 27. August, 14 Uhr: Symposium anlässlich des 70. Geburtstages von Reiner Kunze im Senatssaal.