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12.02.2005

Worte als Stötfaktoren

von Udo Scheer TLZ

Erinnerung: Arbeitskreis Literatur in Jena


Anders als andere Städte umgab Jena bisweilen eine besondere Aura. Dafür stand nicht nur der Genius loci von Schiller, Hölderlin, Ricarda Huch oder der sprichwörtliche Stolz der Zeissianer. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre sorgte ein Amalgam aus westlicher Beatmusik und Studentenbewegung, Che Guevara und Prager Frühling für Aufbruchstimmung bis in die tristen Wohnheime der Lehrlinge und Studenten. Erich Honecker versprach kulturpolitische Lockerung, lud zu den Weltfestspielen nach Berlin und erließ zugleich Berlinverbot für Langhaarige, Kuttenträger und "Kunden". Wer es ernst meinte, geriet leicht in einen Konflikt mit der Macht. "Ich versuche Literatur zu machen, bin also ein Mensch, der nichts verschweigen darf", notierte Jürgen Fuchs 1975 in seine "Gedächtnisprotokolle".

Anderthalb Jahre zuvor durfte der Geschichtsstudent Lutz Rathenow private "Freitee-Treffen" aus dem Dachzimmer des elterlichen Hauses ins neu eröffnete Kulturhaus von Neulobeda verlegen. Bis zu 30 Leuten trafen wir uns hier wöchentlich im Arbeitskreis Literatur und Lyrik, diskutierten große Literatur und eigene lyrische Versuche. Schriften von Havemann, Bloch und Böll kursierten ebenso wie von Rathenow illegal vervielfältigte Texte aus dem Arbeitskreis. Vor allem Satiren und freche Aphorismen schienen uns geeignet, Zentralismus und Meinungsmanipulation zu attackieren.

Rainer Kirsch kam und las aus seinem Stück "Heinrich Schlaghands Höllenfahrt", einer Sozialismus-Persiflage ohne Aufführungschance, Gerulf Pannach sang sein "Lied vom FDJ-Sekretär oder wie man ihm die roten Hosen runterzieht". Bei Bettina Wegner fasste der Saal die Menge nicht. Wolf Biermann besuchte diesen und jenen und dichtete auf die motorisierten Stasi-Eskorten seinen "Jenaer Mefis-fan-club-blues". Bei der Lesung von Jürgen Fuchs waren die Stasi-Leute perplex, als Robert Havemann in der ersten Reihe saß.

Hinter den Kulissen lief der Apparat der FDJ, Partei, Staatssicherheit inzwischen auf Hochtouren. Bis Ende 1976 wuchs allein der Operative Vorgang "Pegasus" mit Berichten von 39 Inoffiziellen Mitarbeitern auf mehr als 1000 Seiten an. Die daraus abgeleiteten Maßnahmen zielten auf Zersetzung des Kreises durch:

→ "Exmatrikulation des Psychologiestudenten und Schriftstellers Jürgen Fuchs" - wenige Tage vor Verteidigung seiner Diplomarbeit; → "Einberufung von vier Personen zur NVA" (Graf-Hinkeldey, Markowsky, Scheer, Sonntag); → "Exmatrikulation des Philosophiestudenten Siegfried Reiprich und Isolation durch gestreute IM-Gerüchte".

Zum Anfang vom Ende wurde das Zentrale Poetenseminar 1974. Fünf von uns waren als einzige Jungpoetendelegation des Bezirkes nach Schwerin gereist. Bernd Markowsky sang ein Kinderlied des verbotenen Wolf Biermann. Es folgten eine halbe Nacht verhörähnliche Gespräche mit der Forderung nach Distanzierung. Am nächsten Morgen reisten wir demonstrativ geschlossen ab - ein einmaliger Eklat. In der Folgezeit bekam jeder den für ihn organisierten Ärger zu spüren.

Am 17. Juni 1975 beschlossen wir die Selbstauflösung - sehr zum Ärger des Ministeriums für Staatssicherheit. In den Kreis eingeschleuste Spitzel tappten im Dunkeln. Es entstanden private Lesekreise, die sich noch zielstrebiger oppositioneller Literatur und Tabu-Themen widmeten. Ein Teil der Aktivitäten verlagerte sich in die Junge Gemeinde. Hier kam es im November 1976 zu einer Protestresolution gegen die Biermann-Ausbürgerung. Zur Abschreckung Gleichgesinnter verfügte die Staatssicherheit mehr als 45 Verhöre und neun Monate U-Haft für acht "Haupträdelsführer". Lutz Rathenow wurde exmatrikuliert. Der Grund: In einem veröffentlichten Leserbrief hatte er gefordert: "Freiheit für alle Demokraten und Patrioten, die das Jahr 77 hinter Gefängnismauern beginnen, egal wo auf dieser Welt."

Die Gegenkultur und Opposition war paralysiert. Und doch: Erstmals in den 70ern waren in Jena Elemente einer Subkultur entstanden, die Öffentlichkeit suchte und auch fand.

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TERMINE: "Störfaktor Literatur - Der Arbeitskreis Literatur 1973 bis 1975 und aufstörende Literatur heute" nennt sich eine Tagung am 18. Februar im Ricarda-Huch-Haus in Jena, Löbdergraben 7. Veranstalter sind die Landeszentrale für politische Bildung, die Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen und der Lese-Zeichen e.V. Jena.

Von 14 bis 16 Uhr findet eine Podiumsdiskussion zum Arbeitskreis Literatur statt mit Ines Geipel, Gabriele Stötzer, Matthias Biskupek, Lutz Rathenow und Martin Straub, es moderiert Joachim Walther, unser Gast-Autor Udo Scheer führt in die Thematik ein. "Literatur als Störfaktor heute?" - diese Frage erörtern ab 16.30 Uhr Inka Bach, Karin Clark (Writers in Prison), Freya Klier und die Exilchinesin Xu Pei; es moderiert Jaqueline Boysen (Podien bei freiem Eintritt). Eine Literatur-Nacht (5 Euro Eintritt) startet 19.30: Heinz Ratz stellt Texte aus dem Arbeitskreis Literatur vor, die einstigen Mitglieder Biskupek, Rathenow und Scheer lesen heutige Texte. Ab 21 lesen Inka Bach, Freya Klier und Xu Pei.

In der Jungen Gemeinde, Johannisstraße 14, beginnt ab 23 Uhr eine Literatur-Session, die Heinz Ratz moderiert. Junge Autoren sind eingeladen, ihre Texte vorzustellen - entweder beim Lese-Zeichen e.V. (Tel.: 03641/616763) anmelden oder auch spontan kommen.