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26.09.2008

Wort und Wahrheit

von Volkhard Paczulla Ostthüringer Zeitung

Der Schriftsteller und Lyriker Reiner Kunze ist gestern mit dem Thüringer Verdienstorden ausgezeichnet worden.

Im Beisein zahlreicher Gäste, auch aus seiner alten Heimatstadt Greiz, würdigte Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) im Barocksaal der Erfurter Staatskanzlei den 75-Jährigen als "einen der ganz Großen unserer Zeit". Kunze sei mit seiner Biografie nicht nur zum Inbegriff des Dissidenten geworden. Mit seiner sprachgewaltig kritischen, aber gleichzeitig leisen Lyrik habe er viele Menschen in der DDR berührt.

Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski (CDU) erinnerte an Bespitzelung und bittere Schikanen, denen Kunze in der DDR ausgesetzt war. Sein Schicksal mache deutlich, dass die SED-Führung schonungslos gegen Kritiker vorging. Gedichte und Prosa des Autors, sagte Schipanski, haben die übermächtig erscheinende Diktatur tief in ihrem Innersten getroffen und ihr die Sicherheit der Allmacht genommen. So sei die Kunst des Poeten und seine Sicht auf die DDR für die SED unerträglich geworden, was dazu führte, dass er Thüringen verlassen musste. Auch an diesen Vorgang, so die Landtagspräsidentin, "sollten wir bei unseren Ostalgie-Diskussionen viel heftiger erinnern".




Reiner Kunze ging mit Frau und Tochter im April 1977 in den Westen, nachdem er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen worden war und der Druck auf ihn beständig zunahm. Sein Ausreiseantrag wurde damals innerhalb einer Woche genehmigt. "Nie mehr der Lüge den Ring küssen müssen", beschrieb Kunze wenig später in einem Gedicht seine Gefühle.

Dass der heute bei Passau lebende Dichter es in der alten Bundesrepublik aber stets vermied, öffentlich Partei zu nehmen, hatten Freunde ihm durchaus verübelt. Als Festredner zum Tag der Deutschen Einheit 2004, den Thüringen ausrichtete, sagte er im Rückblick auf die DDR: "Gewiss, es gab auch Gutes. Das Schlechte an dem Guten war, dass es zur Rechtfertigung des Schlechten diente."

Anstelle einer Dankesrede las der Greizer Ehrenbürger gestern in Erfurt lieber eine Auswahl seiner Gedichte vor. Meist kurze, Aphorismen ähnelnde Lyrik, in denen Kunze mit der deutschen Sprache umgeht wie mit altem kostbaren Tafelsilber. Er poliert seine sparsam ausgewählten Sätze, bis jedes Teil blitzt: "Wort ist Währung. Je wahrer, desto härter." In einem anderen Gedicht schreibt er seinen Lesern ins Stammbuch: "Wir haben immer eine Wahl. Und sei es, uns denen nicht zu beugen, die sie uns nehmen."

Berührt nahm Kunze den Thüringer Verdienstorden entgegen, die höchste Auszeichnung jenes Landes, das er vor rund 30 Jahren unfreiwillig verlassen hat. Der Orden wird seit dem Jahr 2000 auf Anregung des damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU) verliehen. Die Ehrung ist auf 300 limitiert und wird nicht an aktive Politiker vergeben.Der Schriftsteller und Lyriker Reiner Kunze ist seit gestern Träger des Thüringer VerdienstordensNun darf ich die alte Heimat nicht nur in, sondern auch an der Brust tragen.