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31.08.2011

Wolfgang Hilbig wäre heute 70

von Frank Quilitzsch TLZ

Wolfgang Hilbig bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2002. Foto: dapd

Er kam aus dem kleinen sächsischen Meuselwitz, griff als Proletarier zur Feder, wurde lange nicht in der DDR gedruckt, dann in den Westen getrieben, wo er als einer der wortgewaltigsten Dichter mit Preisen überschüttet, aber nicht heimisch wurde.

Jena/Meuselwitz. Er fühle sich überhaupt keiner Welt mehr zugehörig, heißt es über den aus der DDR in den Westen ausgereisten Schriftsteller C. in Wolfgang Hilbigs Roman "Das Provisorium". Das 2000 erschienene Werk handelt vom Schreiben, das auch dem Autor zunehmend zur Qual wurde, und vom Delirium aufgrund exzessiven Alkoholgenusses. Zwei Jahre später erhielt Hilbig den Georg-Büchner-Preis. Er habe die Abgründe der Macht ausgeleuchtet, hieß es in der Begründung, und seiner Verzweiflung auf "schrecklich-wundervolle Weise" eine "immer neu zu faszinierendem Leben" erweckte Sprache gegeben.
Diese Verzweiflung fußte auf zerstörter Hoffnung. Der 1951 im sächsischen (heute thüringischen) Meuselwitz geborene Hilbig hatte als Bohrwerksdreher und Braunkohlekumpel zur Feder gegriffen, um schreibend die Welt verändern zu helfen. Doch seine expressiven, manchmal fiebrig und wie gehetzt anmutenden Verse blieben, weil sie sich wie Protokolle einer unter Realitätsverlust und Schönfärberei leidenden Gesellschaft lasen, zunächst ungedruckt. Als 1979 sein erster Lyrikband im Westen erschien, landete der Verfasser in Untersuchungshaft und wurde wegen "Devisenvergehens" zu einer Geldstrafe verurteilt.
Hilbig ließ sich weder einschüchtern noch korrumpieren und widerstand den Anwerbeversuchen der Stasi, der er später in seinem Roman "Ich" ein unrühmliches Denkmal setzte. Mit seiner störrischen Geradlinigkeit eckte der von William Faulkner begeisterte Autor immerzu an. 1980 setzte sein Mentor Franz Fühmann durch, dass Gedichte von ihm in der DDR-Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht wurden. Drei Jahre später druckte der Leipziger Reclamverlag ein Bändchen Lyrik und Prosa. Doch da war Hilbig der zermürbenden kulturpolitischen Kämpfe bereits müde und siedelte 1985 in die Bundesrepublik über.

Dort konnte Hilbig mit seiner in der sächsischen Tagebaulandschaft verwurzelten, mehrfach gebrochenen Biografie nicht heimisch werden. Er hing zwischen beiden Ländern fest: "Ich merkte, die DDR gehört nicht mehr zu mir, der Westen aber auch nicht", bekannte er in einem Interview. "Wie kompensiert man das? Durch Alkohol zum Beispiel." Wie Kollege C. in seinem Roman bekam auch Hilbig keinen festen Boden mehr unter die Füße, sprach hemmungslos dem Alkohol zu und litt unter Schreibblockaden. Die unter Qualen geborenen Werke, die alle mehr oder weniger um sein Grundthema - die Suche nach der eigenen Identität - kreisen, weisen ihn als wortgewaltigen Dichter aus. Hilbig, der als Schreiber die Einsamkeit der Kesselhäuser suchte, kritisierte, dass sich "die Literatur in einem dauernden Ansturm auf die Paläste der Medien befindet". 2007 erlag er einem schweren Krebsleiden.

Die Stadt Jena ehrt den heute vor 70 Jahren geborenen "vermutlich letzten großen deutschen Dichter im ursprünglichen Schillerschen Sinne", indem sie sich einer wenig beachteten Facette seines Schaffens zuwendet: Ab Freitag zeigt in der Villa Rosenthal eine Ausstellung "Die Bildwelten von Wolfgang Hilbig", mit Arbeiten von Jürgen Wölbing, Gerhard Altenbourg, Olaf Nikolai, Gil Schlesinger und Horst Hussel. Freunde und Weggefährten lesen, darunter der Lyriker Uwe Kolbe und Hilbigs Lektor im Reclamverlag, Thorsten Ahrend.