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04.10.2003

Wolfgang Held: Niederlagen und Siege eines verunglückten Jungen

von Sigrun Lüdde TLZ

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Wolfgang Held.

"Siegen, mein Junge, das können auch Großmäuler und Schweinehunde", sagt der Vater von Sebastian. "Was einer wirklich wert ist, das zeigt er erst als Verlierer. Niederlagen machen den Menschen durchsichtig."

Fünf Jungen, "Paps", der Turn-Übungsleiter, nennt sie seine Musketiere, sind mit nur einem "Rollbrett, oder auch Skateboard genannt", unterwegs. Nun ist Sebastian an der Reihe. "Ich segle, denkt Sebastian glücklich. Ich schwebe wie eine Wolke ganz hoch am Himmel. [...] Und dann geschieht es. Ein Lastwagen biegt um die Ecke." Der Zwölfjährige verliert einen Teil seines linken Fußes und bangt schon im Krankenhaus, dass sich damit sein Leben verändern wird.

Viele Prüfungen sind zu bestehen, die ganz andere und schwierigere Anforderungen stellen als alle absolvierten Wettkämpfe im Sport. Es gilt, Kränkungen und Hemmnisse zu überwinden. Freundschaften geraten in eine Bewährungsprobe. Sebastian löst sich nur langsam von seinen bisherigen Plänen und Zielen und spürt "ein bisher gänzlich unbekanntes Gefühl von Verlassenheit. In diesen Minuten begreift er: Wenn ein Mensch nicht mehr von einem fernen Ziel entflammt wird, ihn keine Aufgabe reizt und anspornt, dann ist das Tor zur kalten Einsamkeit erreicht. - Nicht turnen, nicht Fußball spielen."

Spannend und mit viel Einfühlungsvermögen erzählt der in Weimar lebende Wolfgang Held, wie die Sportsfreunde, Trainer und vor allem Sebastian selbst an dieser neuen Herausforderung wachsen und Seiten des Lebens entdecken, deren Wert nicht in Punktetabellen abzulesen ist. Wie in einem Film führt der Autor durch das Geschehen. Oft hilft die verstorbene Großmutter mit einer "erlösenden Weisheit aus ihrem reichen Sprücheschatz" weiter, so dass Sebastian mit all seinen Fragen nie ganz allein gelassen ist.

Die Originalausgabe erschien 1983 beim Kinderbuchverlag Berlin. Es verwundert deshalb nicht, dass die meisten geschilderten Lebensbedingungen an ein Leben in der DDR denken lassen. Nur zu Beginn der Erzählung ist von McDonald´s die Rede. Und am Ende wird die Leserschaft zurück in die Jetztzeit geholt, indem bekannt gegeben wird, dass "in der größten und modernsten Schwimmhalle des Freistaates ein bundesweit offenes Wettkampfschwimmen" stattfindet. Vielleicht will der Autor auf diese Weise die jungen Leute von heute interessieren, ein überflüssiger Kniff. Die Geschichte verliert damit an Authentizität.

Wer, wie Wolfgang Held, die Höhen und Tiefen des Lebens kennt und die Leser zu berühren weiß, erzählt Geschichten von zeitloser Gültigkeit. Dies gelang ihm mit "Einer trage des anderen Last" zu DDR-Zeiten (2002 im quartus-Verlag neu aufgelegt). 2000 erschien der Erlebnisbericht "Uns hat Gott vergessen". Helds Motto: "Ein Jugendbuch, das nicht auch von Erwachsenen mit Gewinn gelesen werden kann, sollte jungen Lesern gar nicht erst in die Hand gegeben werden."

Wolfgang Held: ...auch ohne Gold und Lorbeerkranz. Edition D. B., Erfurt, 138 S., 10 Euro