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18.01.2014

Wolf Wondratschek kehrt lesend nach Rudolstadt zurück

von Matthias Biskupek TLZ

Lobt den idealen Leser: Lyriker, Erzähler und Drehbuchautor Wolf Wondratschek. Foto: dpa

Der Schriftsteller Wolf Wondratschek ist längst ein Klassiker, seine Gedichte sind legendär, seine Auftritte ebenso. Er hat es als Autor sogar geschafft, selbst in eine fiktionale Gestalt verwandelt zu werden, in die Figur des Bodo Kriegnitz, gespielt von Jan Josef Liefers, in Helmut Dietls Film "Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief".

Wondratschek war als unorthodoxer Poet in den siebziger Jahren ein Star, er hat Drehbücher geschrieben, die von Größen wie Werner Schroeter verfilmt wurden, Liedtexte, die etwa Esther Ofarim vertont hat. Er liebt das Boxen und hat über diese Liebe wunderbare Texte geschrieben. Am 21. und 22. Januar liest Wondratschek in Thüringen.

Sie sind 1943 in Rudolstadt geboren und nach einigen Monaten in die Karlsruher Gegend verbracht worden. Nun lesen Sie - endlich - auch in Thüringen. Zu spät?

Spät, gewiss, aber nicht zu spät. Man muss ja die Jahre bis zum Fall der Mauer abrechnen, und danach hatte man verständlicherweise andere Sorgen, als mich in meine Geburtsstadt einzuladen. Aber ich freue mich, dass es nun endlich klappt.

In unserem MDR-Porträt sprachen Sie davon, dass Sie erst im Deutschunterricht mitbekommen haben, dass Ihre Geburtsheimat "eine ganz heiße Gegend" ist. Inwiefern?


Na ja, Goethe und Schiller, Jena so nahe, diese ganze geballte Geisteskraft dort, und die aus Weimar noch dazu. Nicht übel.

Sie sind mit 16 Jahren ausgerissen - ausgereist nach Paris - und haben später einen Prozess geführt, weil Sie nicht zu ihren Eltern zurückwollten. Wie sehen Sie das heute, Sie sind ja auch Vater eines Sohnes?

Ich wollte weg, von der Schule, den Lehrern, den Eltern, was ich nie bedauert habe, bis heute nicht. Es hat mir gut getan. Paris war damals das Herzstück meiner Sehnsucht nach Freiheit, Abenteuer und einem Leben nahe dem Glück. Ich hatte zwar kein Geld, aber die Gedichte von Ezra Pound in der Tasche, und meinen Glauben, nur das gefährliche Leben sei von Wert. Im übrigen, was konnte mir schon passieren? Nach zwei Monaten hatte mich dann die Polizei ausfindig gemacht und mich wieder meinen Eltern übergeben, auf der Brücke zwischen Straßburg und Kehl. Wäre Paris eine Hafenstadt am Atlantik gewesen, ich glaube, ich hätte mich auf ein Schiff geschlichen und wäre nach Amerika abgehauen. Was meinen Sohn betrifft: Dem hätte ich das gleiche Recht zugestanden, abzuhauen. Mein Vertrauen in ihn hätte ihn beschützt. Nur, er blieb, wo er war, bei seiner Mama.

Texte von Ihnen werden heutzutage im Deutschunterricht genutzt. Was halten Sie davon?


Das ist in Ordnung, falls die Lehrer nicht immer nur sogenannte "Interpretationen" abfragen. Hin und wieder nämlich kriege ich verzweifelte Briefe von Schülern, die wissen wollen, wie das oder das gemeint sei. Als ob ich das immer mit Sicherheit sagen könnte.

Wissen Sie, woraus Sie in Thüringen lesen werden? Entscheiden sie ad hoc, wenn Sie das mehr oder weniger große Publikum vor sich sehen?

Ich denke, ich sollte aus allen Jahrzehnten etwas lesen, und mich nicht auf ein einziges meiner Bücher beschränken. Also Gedichte, kurze Prosa, und was aus den Romanen. Ich will so etwas zeichnen wie ein Porträt meiner Person als Autor. Es soll unterhalten und, was ich hoffe, verblüffen.

In Ihrem jüngsten Buch, "Mittwoch", gibt es Szenen in einem Tabak-Laden. Rauchen gilt als überaus schädlich und dessen Propagierung als politisch unkorrekt. Wer das Buch liest, wird Ihre Meinung erfahren - aber vielleicht können Sie etwas verraten?

Ich bin Raucher, ja, und das seit einem halben Jahrhundert. Aber die Männer, die in meinem Roman rauchen, tun es nicht mir zuliebe - und was sie sagen, ist nicht meine, sondern deren Meinung.

Sie sagten mal "mich interessiert vor allem die Form. Ich überlege stundenlang, wo ein Reim angebracht ist und wo ich darauf verzichte." Können Sie sich vorstellen, dass der Normalleser über eine solche literarische Arbeitsweise verwundert ist? Oder wundert Sie der Normalleser, wer auch immer das ist?


Kein Schriftsteller, der etwas taugt, schreibt für ein Publikum. Ich bin nur dem Gesetz der Genauigkeit, der Klarheit und dem Geheimnis der Schönheit verpflichtet - und meinem Gewissen, das mir verbietet, mit der Sprache umzugehen wie mit einem Kumpel, der schwer von Begriff ist. Im übrigen, was ist ein Normalleser? Was am Lesen ist normal? Was ist normal daran, auf die Welt gekommen zu sein?

Selbst Leute, die sonst nie etwas von Ihnen gelesen haben, ist eine Zeile bekannt: "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" - der Titel Ihres ersten Buches. Wissen Sie noch, wo und wann dieser Satz Ihnen zufiel?


Aus purer Verzweiflung. Ich und mein Lektor Michael Krüger, wir beide gleich alt, saßen im Verlag und mussten bis zum nächsten Morgen einen Titel für mein Manuskript haben; und es war bereits spät, so gegen neun Uhr abends, aber der Katalog musste in Druck gehen. Wir hatten ganze Zettel voll mit Titeln, waren unzufrieden, ratlos, erschöpft. Gegen elf Uhr nachts konnten wir nicht mehr - und entschieden uns schließlich für eine Zeile aus dem Manuskript, und die lautete "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde". Und glauben Sie nicht, dass wir darüber glücklich waren. Aber dann stellte sich der Titel nach Erscheinen des Buches als Volltreffer heraus. Tja, so kann es gehen.

Auch der Untertitel des erfolgreichen Filmes von Helmut Dietl, "Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief", stammt von Ihnen. Sie gehen quasi, wie einst Johannes R. Becher schrieb, "als unbekanntes Lied durchs Volk". Was bedeutet Ihnen öffentliche Resonanz?


Viel, sehr viel. Ich mag es, Leser zu haben, kluge Leser, geduldige Leser, Leser ohne Vorurteile oder einem Hang zum Besserwissen. Wir, der Leser und sein Autor, sind ja im Grunde Verbündete, Menschen im Gespräch miteinander, wir teilen unsere Freude, unser Schweigen und unsere Verwunderung miteinander. Und hin und wieder erfahre ich, dass es diesen idealen Leser gibt. Es gibt ihn. Ihm diene ich.

Wolf Wondratschek liest am 21. 1. in der Bibliothek Rudolstadt und am 22. 1. in der Ernst-Abbe-Bücherei Jena - jeweils 19.30 Uhr; Matthias Biskupek moderiert